Was gibt es Unheimlicheres als das Schweizer Mittelland?

Der Basler Hannes Nüsseler macht in seinem Comic «Das Haus am Wald» aus der Provinz einen helvetischen Psychothriller.

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Das Paradox der Digitalisierung geht so: Je grösser die Menge an Verfügbarem wird, desto weniger Zeit wendet man fürs Einzelne auf. Der Gegenstand der Beschäftigung ist nicht mehr das Werk, sondern die Fülle selbst. So legt man sich Bücher und Filme bereit, füllt halbe Festplatten. Und dann? Steht man vor all den Stapeln wie ein Gelähmter.

Und was ist jetzt da die Lösung? Die Lösung sind Comics. Oder Gedichte, aber Comics haben mehr Bilder. Mit so einer Graphic Novel ist man nämlich erstaunlich schnell durch. Trotzdem verspürt man, sobald man auf der letzten Seite angelangt ist, das typische Glücksgefühl des Lesers: War super, und was lese ich jetzt als Nächstes?

Ankunft im Elternhaus: Quelle: Edition Moderne

Beim Comiczeichner Hannes Nüsseler aus Basel kommt hinzu, dass seine Bilder im Kopf lange nachwirken. Das hat man nun davon, dass er mit seinem zweiten Band «Das Haus am Wald» sozusagen den Mittelland-Gothic erfunden hat. Er erzählt seine Schauergeschichte in einer Umgebung, die einem umso unheimlicher erscheint, je vertrauter sie wirkt: Die Geisterstory spielt im fiktiven Talberg, das Kaff muss irgendwo bei Würenlos abseits der A 1 liegen. Dort nämlich fährt Diana in Begleitung einer Freundin hin: zum Haus am Wald, zum Haus ihrer Eltern, in dem sie nun selber wohnen wird.

Im Hintergrund die EWR-Abstimmung

Vermeintlich simpel sind Nüsselers Panels. Doch nur schon, wie Diana nach Talberg einbiegt, wie sie vorbeifährt am eingekleideten Neubau und am Dorfkern mit der 50er-Jahre-Bäckerei und nach der Ausfahrt die Strasse zum Waldrand hinauf nimmt, nur schon das wird zum Schweiz-Porträt in wenigen Strichen. Das abgelegene Elternhaus entpuppt sich dann als Midcentury-Bau mit Pool und exotischer Ausstattung. Fast wie eines dieser modernistischen Wohnhäuser in den Hügeln von Los Angeles, in denen im Film noir immer die Schurken leben.

Sobald Diana eingezogen ist, spielt sich Unheimliches ab. Splitter der Vergangenheit durchlöchern den Alltag, im Dorf wird geredet über den Neuankömmling. Hat es etwas zu tun mit Dianas Vater, der jung gestorben ist? Nüsseler erzählt diesen helvetischen Albtraum in klaren, aber suggestiven Szenenfolgen. David Lynch und die Montagetricks von Alfred Hitchcock mögen dabei Vorbilder gewesen sein: Der 1973 geborene Basler ist auch als Filmkritiker tätig, u. a. für den «Züritipp».

Der Horror in der Nähe des Ungezähmten. Quelle: Edition Moderne

In seinem ersten Comic «Das Seidenband» hat Nüsseler gespenstische Stimmung anhand einer Rückblende in die Napoleon-Epoche erzeugt. Jetzt ist der Zugriff konzentrierter, auch abgründiger: «Das Haus am Wald» spielt Anfang der 90er-Jahre, weshalb Nachrichtenfetzen über die EWR-Abstimmung und den Balkankrieg durch die Bilder wehen. Eine finstere Atmosphäre in ungewisser Zeit tut sich auf, und darin spielt sich Dianas eigener psychologischer Thriller ab. Er wird zu einem Schweiz-Krimi, buchstäblich angesiedelt am Rand der Zivilisation.

Hannes Nüsseler: Das Haus am Wald. Edition Moderne 2017, 120 Seiten, ca. 24 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 17:32 Uhr

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