«Was ich sehe und höre ist Amerika»

Die Schriftstellerin Milena Moser lebt in den USA und kommt auf ihrer Lesetour nach Basel.

Dem Schreiben Platz geben. Milena Moser hat viel verändert.

Dem Schreiben Platz geben. Milena Moser hat viel verändert. Bild: Keystone

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Basler Zeitung: Milena Moser, wie fühlt es sich an, wieder in der Schweiz zu sein?
Milena Moser: Ich bin zwei Mal pro Jahr hier, zuletzt im Februar dieses Jahres, als mein Sohn 30 wurde. Ich bin also nie lange genug weg, dass mir die Schweiz völlig fremd werden würde. Interessant ist, dass ich die Schweiz immer viel lieber habe, wenn ich eine Weile weg war. Dann sehe ich das Positive besser. Ich bin aus gesundheitlichen Gründen in den USA mit meinem Partner leider oft in der Notfallaufnahme. Kaum kam ich in der Schweiz an, hatte mein älterer Sohn einen Velounfall. Da sassen wir dann am Morgen um 3 Uhr im Triemli-Spital. Und es kam mir vor wie ein Fünf-Sterne-Hotel. Ärzte und Pfleger waren völlig verwirrt, weil ich immer wieder schwärmte: «Es ist so schön bei Ihnen.»

Als Gegensatz zu den Spitälern dort?
Ja, ich sehe dann ganz objektiv, was die Schweiz alles gut macht. Aber was die Schweiz mir nicht geben kann, ist das Gefühl, daheim zu sein. Warum das so ist, kann ich aber nicht logisch begründen. Hier habe ich immer das Gefühl, ich müsse irgendwie die Luft anhalten, müsse schauen, dass ich ja nichts falsch mache.

Ist das ein neues Gefühl, das mit Ihrer Auswanderung in die USA vor drei Jahren zusammenhängt?
Nein, ich kannte dieses Gefühl schon als Kind. Warum, weiss ich nicht. Mir kommt es oft vor, als sei ich hier an einem fremden Ort, wo ich mich zuerst einmal zurechtfinden muss.

In Amerika haben Sie dieses Gefühl nicht?
Nein. Ich hatte es schon nicht, als wir zum ersten Mal in den USA, in San Francisco, gelebt haben. Ich hatte das Gefühl, so sein zu können, wie ich bin. Vielleicht lässt es sich damit erklären, dass uns Amerika so vertraut ist. Von den Geschichten her, von den Büchern, von den Filmen. Und New Mexico, wo ich lebe, ist Winnetou, ist Federica de Cesco. Es ist die Landschaft meiner Mädchenfantasien.

Was ist in der Schweiz besser als in den USA?
Sicher das Schulsystem. Zwar werden in Amerika die Kinder individueller wahrgenommen und geschätzt, aber in den öffentlichen Schulen müssen die Lehrer alles selber zahlen und putzen. Die müssen Bleistifte mitbringen, Farben, alles Material. Wenn die Eltern nicht mithelfen, läuft gar nichts. Dann der öffentliche Verkehr: Wann Busse und Züge kommen, ist nie ganz sicher. Und die Busse in San Francisco, einer an sich reichen Stadt, sind verwahrlost und dreckig. Oder wie der Staat zu seinen Bürgen schaut: Ein Bekannter von mir hat für die Armee zwei Einsätze in Afghanistan geleistet. Jetzt ist er obdachlos. Wie schnell man durch die Maschen fallen kann, erschreckt mich.

Das klingt alles negativ. Was ist denn so toll in den USA?
Eben dieses Gefühl, dort mich selber sein zu können. Ich habe so viel in meinem Leben verändert, einfach gemacht, ausprobiert – und das war nur dort möglich. Als ich vor Jahren zum ersten Mal in San Francisco lebte, amtete dort ein Welscher als Konsul. Er sagte mir mal, in der Schweiz gebe es grundsätzlich nur zwei Reaktionen: Entweder «mais on n’a jamais fait ça!» oder «on a toujours fait ça!». Dass mein neues Buch so anders ist als die anderen, hat mit Amerika zu tun. Mit dem Gefühl: «Warum nicht! Das probier ich mal aus!»

Das heisst, der Umzug in die USA war auch kreativ eine Befreiung?
Absolut, ja.

Bezeichnenderweise ist es auch kein Schweizer Stoff mehr, der im Zentrum von «Land der Söhne» steht.
Ich mache die Augen auf, wenn ich schreibe, ich schaue mich um, ich höre zu. Und das, was ich jetzt sehe und höre, ist Amerika. Wobei im Kern sind ja die zwischenmenschlichen Themen überall gleich. Wie sie sich zeigen und entwickeln, mag unterschiedlich sein. Das Klischee der unbegrenzten Möglichkeiten hat sich auch auf mein Schreiben übertragen.

Und doch gibt es einen Schweizer Bezug in dem Roman. Die Familie Bernasconi, um die es geht, hat ihre Wurzeln imTessin. Ist das eine Art Anker?
Ich habe eigentlich zum Tessin gar keinen Bezug. Und es ist ja für die Geschichte auch nicht relevant. Aber ich schreibe die erste Fassung meiner Bücher immer sehr schnell und ungeplant. Alles, was im Kopf ist, kommt aufs Papier, selbst wenn es im Augenblick vielleicht noch keinen Sinn macht. Erst in der ersten Überarbeitung beginne ich damit, den Stoff zu organisieren. Ich sah diesen Bub mit seiner Mutter im Zug sitzen und durch den Südwesten der USA fahren, und der Bub war eben aus dem Tessin. Ich habe wenig Kontrolle über meine Figuren!

Wenn der Bub im Zug die erste Idee für «Land der Söhne» war, kam die Einstiegsszene, wie sie jetzt im Buch steht, demnach erst später dazu?
Ich fing tatsächlich mit Luigi an und blieb recht lange bei dieser Figur. Dann kam Gio als Kind dazu und erst am Schluss die zwölfjährige Sofia, die Tochter von Gio, mit der das Buch jetzt beginnt. Ich hatte drei Handlungsebenen in den 1940er-, in den 1970er- und in den 2010er-Jahren. Ich probierte verschiedene Varianten aus, bis ich die definitive Struktur der Geschichte hatte. Es gibt immer hundert Arten, sie zu erzählen.

Was auch auffällt: Sie haben sehr viel lokale Geschichten aus der Gegend von Santa Fe einfliessen lassen. Vom Manhattan-Projekt in Los Alamos bis hin zu Mythen der Indianer jener Region. Haben Sie all das aufgeschnappt oder bewusst recherchiert?
Ich recherchiere immer nachher. Wer zuerst recherchiert, das weiss ich von Kollegen, der kann sich auch in der Recherche verlieren. Ich folge lieber meiner Fantasie. Das heisst, ich schreibe zuerst einmal und prüfe nachher die Fakten. Den ersten Zug in den 40er-Jahren zum Beispiel hatte ich mir völlig falsch vorgestellt. Die Personenwagen auf dieser Route damals waren wesentlich gediegener, als ich gedacht hatte. Als ich über das Wissen verfügte, passte ich das im Manuskript einfach an.

Im Buch erleben die beiden Hauptfiguren, Luigi und sein Sohn Gio, eine Geschichte, die grosse Parallelen aufweist. Weshalb diese Verdoppelung?
Weil es für mich um die Frage geht: Bist du das, was du erlebt hast? Stimmt es, dass die Seele gewisse Traumata nicht überleben kann? Oder hat man Einfluss auf sein Schicksal? Deswegen wiederholen sich Elemente beider Kindheiten, die so anders herauskommen.

Und warum braucht es die Zwölfjährige Sofia am Anfang des Buches?
Um zu zeigen, dass Gio ein ganz anderer Vater geworden ist als Luigi.

Gab es ein Skript mit den wichtigsten Stationen im Leben der zentralen Figuren?
Nein. Das ergab sich beim Schreiben.

Es ist eine heftige Geschichte geworden mit einem doppelten Kindsmissbrauch.
Man redet nicht viel über das Thema, aber es ist viel verbreiteter, als man meint. Man geht von Dunkelziffern aus, die sagen, dass jeder sechste Bub und jedes dritte Mädchen sexuell missbraucht worden ist.

Welchen Stellenwert hat «Land der Söhne» im Vergleich mit Ihren anderen Büchern?
Ich hatte jahrelang das Gefühl, «da ist noch etwas anderes, das raus will». Aber ich musste den Rahmen schaffen, damit es möglich werden konnte. Ich arbeitete so viel, als ich noch in der Schweiz war. Ich schrieb Kolumnen, hatte eine Schreibwerkstatt, publizierte regelmässig Bücher ... Ich lebe jetzt in Santa Fe viel einfacher und kann es mir erlauben, auf all die Aufträge zu verzichten.

Dieses Gefühl, dass da noch etwas ist, das Raum braucht, hatten Sie aber schon in der Schweiz.
Ja, ich hatte es etwa schon seit zehn Jahren und jetzt dauerte es drei Jahren, bis «Land der Söhne» fertig war.

Muss man den Entscheid, in die USA zu ziehen, vor diesem Hintergrund sehen?
Es war der Hauptgrund. In Santa Fe kann ich von wenig Geld leben, ich kann ich es mir leisten, nur wenige Aufträge anzunehmen und meinem Schreiben den Platz einzuräumen, den es verdient.

Milena Moser liest am Mittwoch um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Orell Füssli Basel. www.milenamoser.com (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 14:57 Uhr

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