Weltfremder als ein Märchen

Else Lasker-Schüler lebte zwischen 1917 und 1939 längere Zeit in der Schweiz. Ute Kröger zeichnet anhand neuer Dokumente ein differenziertes Bild der Dichterin.

Else Lasker-Schüler in einer Aufnahme von 1932, als sie 63 Jahre alt war. Foto: Keystone

Else Lasker-Schüler in einer Aufnahme von 1932, als sie 63 Jahre alt war. Foto: Keystone

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Else Lasker-Schüler war keine einfache Frau. Selbst im Umgang mit langjährigen Freunden konnte sie ihre Krallen zeigen. «Ich bin wie ich bin!! Mit 2 !: in jedem Augenblick. Weder anpassungsfähig noch dazu bereit.» Mehr noch als in Deutschland führte dies in der auf Konsens und Ausgleich bedachten Schweiz zu Irritationen und Komplikationen. Kaufen liess sie sich nicht, das mussten auch ihre Mäzene und «Grosskapitalisten» in der «Seeundstrom und flussreichen Stadt» erfahren.

Obwohl sie schon in den 1920er-Jahren bekannt, ja berühmt war – der «Tages-Anzeiger» sprach von der «grössten jüdischen Dichterin unserer Zeit» –, lebte sie in bescheidenen, ärmlichen Verhältnissen in Zürich. Das wenige Geld, das sie zur Verfügung hatte, überwies sie an Sanatorien in Kreuzlingen, Kilchberg oder Locarno, wo ihr lungenkranker Sohn Paul Lasker behandelt wurde. Er sollte einmal ein «grosser Maler» werden und viel Geld verdienen.

Bis dahin war sich die Autorin nicht zu schade, Bettelbriefe zu verfassen. An den Vorsitzenden der Kleist-Stiftung schrieb sie: «Hochwerter Herr Engel, ich bin Else Lasker-Schüler – wollte Sie nur fragen, ob ich nicht mal einen Preis irgend woher bekomme zum Beispiel von Ihrer Kleiststiftung. Kleist hätte ihn mir sicher gegeben. Mir geht es miserable, habe einen grossen Sohn und gebe mir Mühe, alles gut zu machen.» Es half nichts: Der geliebte, zunehmend unter Einsamkeit leidende Sohn starb 1927 mit 28 Jahren. «Mein Leben – immer eine andere Verzweiflung», bilanziert die Mutter.

«Spätzeli» im Select

Ute Kröger, die sich mit historischen Arbeiten über die Literaturstadt Zürich einen Namen gemacht hat, beschreibt im Buch «‹Viele sind sehr sehr gut zu mir.› Else Lasker-Schüler in Zürich 1917–1939» die regelmässigen Besuche und Aufenthalte der Dichterin in der Limmatstadt. Anhand zahlreicher neuer Dokumente erzählt sie in einer gut lesbaren Sprache von ihrem Alltag: Lasker-Schüler geht täglich ins Kino Nord-Süd und danach ins Café Select. «Wenn uns hungert, stehen im Select auf allen Tischen Spätzeli für uns gedeckt.» Sie liest wenig, und wenn, dann ihre eigenen Sachen.

In den 1930er-Jahren, als Else Lasker-Schüler ihren zweiten längeren Aufenthalt in Zürich verbringt, hat das Büro der Nationalen Front seine Zelte unweit ihres Hotels Seehof Bollerei an der Limmat aufgeschlagen. Auf den im November 1934 ausgehängten Plakaten wird die Forderung nach «radikaler Säuberung der Schweiz vom ganzen Geschmeiss ausländischer Emigranten» erhoben.

Seltsamerweise finden solche Eindrücke oder Erlebnisse kaum Eingang in das Werk oder die Korrespondenz der Dichterin. Auch die bittere Not der zürcherischen Bevölkerung nimmt Else Lasker-Schüler nicht gross zur Kenntnis. Zu sehr ist sie mit sich und der Frage beschäftigt, wie sie ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten soll. Ute Kröger berichtet auch von Liebesaffären mit zum Teil sehr viel jüngeren, künstlerisch begabten Männern (Max Gubler und Emil Rass), die allerdings nicht von Dauer sind. Else Lasker-Schüler ist und bleibt eine Einzelgängerin. Ihre wahre Liebe gilt der Dichtung.

«Nie lernte ich so viele Menschen kennen mit Minderwertigkeitskomplexen, Klecksen und massloser dicker Arroganz wie in der Schweiz.»Else Lasker-Schüler

Dies ändert sich auch nicht, als sie 1934 «des Schweizerlandes schönste Stadt» verlässt, um für einige Zeit nach Palästina zu ziehen. Da sie für so etwas wie Bürokratie gänzlich unempfänglich ist, unterlässt sie es, sich ordnungsgemäss abzumelden. So kommt es bei der Einreise – wie schon einige Male zuvor – zu Komplikationen. Da die kantonale Fremdenpolizei mit der uneinsichtigen, ja störrischen Deutschen langsam die Geduld verliert, weigert sie sich, ihre Aufenthaltsbewilligung ein weiteres Mal zu verlängern.

Erneut bittet Else Lasker-Schüler ihre einflussreichen Freunde, ein gutes Wort für sie einzulegen. Als sie merkt, dass es dieses Mal eng werden könnte, zieht sie heftig vom Leder: «Nie lernte ich so viele Menschen kennen mit Minderwertigkeitskomplexen, Klecksen und massloser dicker Arroganz wie in der Schweiz.»

Bestärkt wurde ihre Einschätzung von der bitteren Tatsache, dass die Inszenierung ihres Dramas «Arthur Aronymus» schon bei der zweiten Aufführung im Dezember 1936 vor fast leeren Rängen des Schauspielhauses stattfand. Direktor Ferdinand Rieser setzte das Stück in der Regie von Leopold Lindtberg ab. Wie bei ihren spärlich besuchten Lesungen tröstete sich die Dichterin selbst: «Es war nicht sehr voll, aber famose Menschen.»

«Lieber Dichter. und Erika»

Zwist, Neid und Ausgrenzung gab es auch unter den vielen deutschen Migranten. Besonders ausgeprägt war die Konkurrenz zwischen Else Lasker-Schüler und Erika Mann. Auf einem Kartengruss an Klaus Mann steht: «Lieber Dichter. und Erika. Ich sitz am See, denn Sonntag ist: Die Sonne hat den See geküsst. Es glitzert alles um mich her – wenn ich nur eine Welle wär!»

Die nebenbei Angesprochene kritisierte ein paar Jahre später das Buch «Hebräerland» von Else Lasker-Schüler scharf. Es sei «verklärt und verzaubert, und was bös ist, wurde verschwiegen oder nicht bemerkt», urteilt die politisch versierte Schriftstellerin. Charmanter drückt es Emmy Ball-Hennings im «Welt­woche»-Nachruf auf die Anfang 1945 in Jerusalem gestorbene Lyrikerin aus: Sie sei «weltfremder als ein Märchen» gewesen.

Lesung am Mittwoch, 23. Januar, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Zürich. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.01.2019, 07:29 Uhr

Ute Kröger

«Viele sind sehr sehr gut zu mir»

Else Lasker-Schüler in Zürich 1917–1939. Limmat-Verlag, Zürich 2018. 270 S., ca. 36 Fr.

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