Die Rolling Stones haben den Blues

Für ihr Album «Blue And Lonesome» ziehen Jagger und Co. ehrwürdige Standards eigenen Songs vor.

«Ich weiss, wie die Stones ticken»: Keith Richards (rechts) kurbelte Mick Jagger und die anderen Stones mit Blues an.

«Ich weiss, wie die Stones ticken»: Keith Richards (rechts) kurbelte Mick Jagger und die anderen Stones mit Blues an. Bild: zvg

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Man hatte kaum noch damit gerechnet, dass Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts einen Nach­folger auf «A Bigger Bang» hinkriegen, liegt das letzte Studioalbum der Rolling Stones doch schon elf Jahre zurück. Keith Richards redet zwar schon lange davon, mit der Band ins Studio gehen zu wollen, nur fehlte dazu die Zeit. Selbst die Veröffentlichung seines Soloalbums «Crosseyed Heart» musste er um ein Jahr hinauszögern, um zwischen den Tourneen der Rolling Stones einen passenden Termin zu finden.

Mitreissende Musik

Aber jetzt liegt mit «Blue And Lonesome» doch ein neues Album vor, das zum Besten gehört, was die Rolling ­Stones in den letzten 30 Jahren gemacht haben. Darauf sind Stücke von Little Walter, Howlin’ Wolf und Jimmy Reed zu hören, Meister der amerikanischen Blues-Szene der 1950er-Jahre, die diese teuflisch simple, aber subtil mitreissende Musik mit elektrischen Instrumenten aufgeraut und modernisiert hatten. Im Blues kennen sich die Rolling Stones bekanntlich aus. Er war der Fundus, aus dem sie ihr Repertoire schöpften, bevor der Bandmanager Andrew Loog Oldham Jagger und Richards zum Songschreiben verdonnerte. Seither haben sie das Genre eingehend studiert und beackert, dabei auch immer wieder die Musiker gefördert, die sie inspiriert hatten. Anders als Led Zeppelin, die den Blues virtuos, aber respektlos plünderten, zollten die Stones ihren Vorbildern immer den gebührenden Tribut. Und wurden dafür auch immer geschätzt. Schliesslich hatten die Stones in bester britischer Tradition einen amerikanischen Musikstil genommen und ihn an die Amerikaner zurückverkauft. Die Punks und House-DJs sollten es ihnen in den 1970er- und 1980er-Jahren gleichtun. Willie Dixons «I Can’t Quit You, Baby», im Original von Otis Rush eingespielt und Ende der 1960er-Jahre von Led Zeppelin und Jeff Beck übernommen, ist wohl das bekannteste Stück auf «Blue And Lonesome». Ansonsten ­tauchen die Rolling Stones tief in die Geschichte des Electric Blues ein. Wer sich in diesem weiten Feld nicht auskennt, hört Howlin’ Wolfs «Commit A Crime» oder Jimmy Reeds «Little Rain» hier zum allerersten Mal.

Ausgangspunkt für «Blue And Lonesome» war eine Mail, die Keith Richards vor Beginn der Sessions zu einem regulären Album mit eigenen Songs an Ron Wood verschickte. Darin bat er seinen Co-Gitarristen, das Stück «Blue And Lonesome» von Memphis Slim zu erlernen. «Ich weiss, wie die Stones ticken», erklärte Richards unlängst dem Fachmagazin Rolling Stone. «Sie sind nicht gut darin, sich einer neuen Umgebung mit ungewohnten Klangverhältnissen anzupassen. Da muss man immer ein wenig nachhelfen. Mit ‹Blue And Lonesome› wollte ich uns die Möglichkeit geben, uns einzuspielen.»

Fünf auf einen Streich

Richards sollte recht behalten. Anfänglich waren die Rolling Stones vom Ambiente in Mark Knopflers ­British-Grove-Studio in Westlondon wenig begeistert. Als Richards zur Auflockerung einen Anlauf auf «Blue And Lonesome» vorschlug, gelang dieser so gut, dass Mick Jagger gleich weitere Fremdkompositionen probieren wollte. Wie immer bei den Rolling Stones passiert nichts, das nicht mitgeschnitten wird. So hatte die Band innerhalb eines Tages fünf Songs fertig eingespielt. Nach zwei weiteren Sessions war das übrige Repertoire fertig, das jetzt auf «Blue And Lonesome» erschienen ist. Nach den drei euphorischen Tagen, bei denen sich auch Eric Clapton zu den Rolling Stones gesellt hatte, wandte sich die Band wieder den eigenen Songs zu. Mick Jagger konnte die zwölf bereits eingespielten Blues-Covers aber nicht vergessen. «Er hat mir immer wieder SMS geschickt, wie gut das Material doch klingt», erinnerte sich Ron Wood in der New York Times. «Ich musste mich fragen, ob das der gleiche Jagger ist, der sonst an allem herummeckern muss. Für ihn kann eine Session nie gut genug laufen.» Jagger war es, der darauf bestand, die zwölf Stücke als geschlossenes Album herauszugeben, anstatt es zu zerstückeln. Seine Begeisterung mag sehr wohl mit der eigenen Leistung zu tun haben. Man hört seiner Stimme die Erfahrung an, die Jagger mit 73 Jahren bei diesen Songs einbringt, und doch schafft er es, überraschend jugendlich zu klingen.

Kurze Jauchzer

Während dem schlendernden «All Of Your Love» droht er mit kurzen Jauchzern aus dem Groove zu springen, im geisterhaften «Little Rain» kramt er ein schon lange nicht mehr gehörtes Country-Kolorit hervor. Da ist noch mehr: Jaggers Mundharmonika­spiel kommt wie ein Tornado daher. Wirkte dieses in den Anfangszeiten mehr wie ein Lückenbüsser, wenn die Rolling ­Stones ein Stück nicht weiterzuentwickeln wussten, bläst Jagger seine Blues-Harp heute wie bei einem Liebesakt. «Hätte ich gewusst, dass wir ein Blues- Album einspielen würden, hätte ich wenigstens ein bisschen geübt», so Jagger gegenüber dem Rolling Stone. Man ist froh, dass er nichts ahnend ins Studio gegangen ist, tendiert dieser Perfektionist doch zur Manieriertheit.

Beim Blues ist es natürlich nicht bloss das Zusammenspiel der Musiker und die Qualität der Songs, die eine Aufnahme ausmachen, sondern auch der Sound. Die Originalaufnahmen des berühmten Chicagoer Chess-Studios, wo Howlin’ Wolf, Little Walter und Willie Dixon ein- und ausgingen, haben eine dunkle Kernigkeit. Die Stones haben diese präzis nachgestellt. Was wohl auch am British Grove liegt, laut Studiomanifest ein Refugium für alte und neue Aufnahmetechniken. Im grossen Studio, wo sich die Stones Anfang Dezember 2015 eingefunden hatten, steht neben einem antiken Analog-Mischpult Marke Decca auch ein sogenannter Mikrofonbaum, wie er früher bei Orchesteraufnahmen eingesetzt wurde. Die auf dem verästelten Gerüst platzierten Mikrofone sollten den Sound des ganzen Raums einfangen und so ein Klangbild entstehen lassen, wie es ein Dirigent vom Pult hören würde. Auf «Blue And Lonesome» hört man nicht nur die Musik, man hört auch den Raum.

Trotz vielen Höhepunkten – das hypnotisch pulsierende «Commit A Crime» und das beschwörende «Little Rain» gehören dazu – zeigt «Blue And Lonesome» auch, was bei einer Annäherung an den Blues schieflaufen kann. Little Walters «Just Your Fool» klingt lapidar dahingeschmissen, als glaubten die Musiker nicht so recht an den Song mit Shuffle-Beat, der mehr watschelt, als dass er rollt. Wenig überzeugend kommt auch Lightnin’ Slims «Hoodoo Blues» daher. Dieser gar konventionelle Song wirkt dilettantisch dahingesudelt, da spielen die Rolling Stones ihren Kritikern in die Hände, die sie schon immer als schlechte Band, die gute Musik spielt, verunglimpft haben. Man nimmt die wenigen Taucher auf «Blue And Lonesome» hin. Schliesslich zeigen die Rolling Stones an anderer Stelle, dass sie es besser können. Man schätzt auch, dass dieses Album eine ungeschminkte Momentaufnahme einer Band ist, die vielleicht nie wieder eine Platte fertigstellen wird. «Zurzeit haben wir genug Repertoire für ein halbes Album eingespielt», verriet Ron Wood unlängst. «Es kann aber durchaus sein, dass wir diese Songs wieder spülen. Wie beim Teekochen kann man nie sicher sein, was im Sieb hängen bleiben wird.»

Aufhören gilt nicht

Mit «Blue And Lonesome» liefern die Rolling Stones so etwas wie eine Wegbeschreibung für den Blues, die durchaus Breitenwirkung haben könnte. Der Zeitpunkt für eine Blues-­Renaissance wäre überhaupt gut gewählt, denn die Musikergeneration ist fast ausgestorben, die den Electric Blues erfunden hat. Von den Künstlern, die die zwölf Songs auf «Blue And Lonesome» im Original einspielten, ist nur gerade Otis Rush (81) noch am Leben.

Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts, alle längst im Pensionsalter angekommen, haben auch schon frischer ausgesehen. Und sind laut Rolling Stone selber gespannt, wie lange sie noch weitermachen werden oder können. Mit 75 ist Watts der Bandälteste, aber in den Ruhestand kann der Schlagzeuger nicht gehen. Keith Richards hat ihm den Abgang ­verboten.

The Rolling Stones, «Blue And Lonesome», Polydor/Universal. Erscheint am 2. 12. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.11.2016, 11:38 Uhr

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