Die Sache mit dem Schreiben

Eine unvollständige Wegleitung für alle, die nicht bloss tippen, sondern schreiben möchten.

Ohne Worte: «Das Wo ist nebensächlich. Das Wie auch.» Bill Murray als Gonzo-Schreiber Hunter S. Thompson.

Ohne Worte: «Das Wo ist nebensächlich. Das Wie auch.» Bill Murray als Gonzo-Schreiber Hunter S. Thompson. Bild: Keystone

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Was ein Schreiber, abgesehen von Talent natürlich, nie genug haben kann, sind: die Fähigkeit zum Tagedieb und eine Deadline. Er braucht unermüdlich angetriebene Neugier und trotzdem das Talent zur Faulheit. Ferner braucht er einen romantischen Glauben an die Romantik, er braucht Selbstverliebtheit, einen Kompass der Gerechtigkeit, ein Echolot zur Messung der Seelentiefen und eine Landkarte des Menschlichen, am besten im Massstab 1:1. Von Vorteil sind das Talent, sich nicht allzu sehr infrage zu stellen, sowie ein ausgeklügelter Umgang mit diversen Nervengiften.

Er braucht die Menschen nicht so sehr zu lieben wie sich selbst, aber ein bisschen schon, weil er sonst in Gefahr gerät, als Schreiber frühzeitig zu sterben. Gut ist, wenn das Dionysische ihm genau so vertraut ist wie das Mönchische. Manche sagen, ein guter Schreiber hat die Fähigkeit, sich selbst vom Mittelpunkt seines Denkens zu entfernen, aber ich bin mir da nicht so sicher.

Hilfreich ist stets der Wechsel zwischen immer zu viel und zu wenig Geld.

Je nachdem, was er schreibt, sind ein paar sehr unglückliche Beziehungen von Vorteil, das Träumen von Liebe sowieso. Der Versuch, Liebe auch zu leben, schreibt gute Geschichten, auch wenn diesbezüglich kein Happy End für das Schreiben wahrscheinlich das bessere Ende ist. Ich glaube nicht, dass ein Schreiber zwangsläufig eine unglückliche Kindheit braucht. Ein ein wenig als unglücklich empfundenes Leben reicht völlig aus, und bei all den Sehnsüchten, die ein Schreiber sowieso in seinem Gepäck mit sich tragen sollte, sollte dies kein Problem sein.

Auch nicht schlecht: ein paar verletzende Demütigungen, das schafft Wut und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, ein paar Musen, das hilft der Seele, ein paar Mäzene, das hilft dem Überleben. Wenigen hilft auch eine reiche Frau, die meisten verdirbt es aber, weil sie nie wirklich fürs Überleben schreiben müssen. Eine reiche Frau ist immer nur eine Kurzgeschichte, nie ein Roman.

Hilfreich bei aller Beschwerlichkeit ist stets der Wechsel zwischen immer zu viel und zu wenig Geld. In der Realität sieht es dann so aus, dass er lange Zeit stets zu wenig Geld hat, und wenn er zu viel hat, schmeisst er es verschwenderisch zum Fenster raus, fast verzweifelt, weil er sich alles kaufen will, was die Welt so zu bieten hat, um sich selbst zu belohnen, weil er davon überzeugt ist, dass nichts so schwer ist auf dieser Welt wie Schreiben.

Die unerbittliche Grenze

Hat er wieder zu wenig Geld, fängt er an zu klönen und dann, nach ein paar erfolglosen Selbstbetrügereien, wieder zu schreiben. Wenn er irgendwann lange genug geschrieben hat, ist er entweder reich, was ihn auch ein wenig ruiniert, oder arm, was ihn ebenfalls ruiniert. Oder er hat ein kleines Auskommen und erzählt überall rum, dass er immerhin vom Schreiben leben kann, und er erhält da und doch staatliche Werksbeiträge, was ab 50 aber peinlich wird.

Ein paar seriöse Krankheiten sind auch nicht zu unterschätzen. Das gibt ihm eine Ahnung von Endlichkeit und Sinn und Unsinn des Seins und vom Wert des Lebens. Er braucht einen guten Freund und einen guten Feind, und ein paar Groupies sind zwischendurch auch nicht falsch. Läuft es, wähnt er sich ob dem Beifall umso mehr auf dem richtigen Weg. Läuft es nicht, versüssen sie ihm die Sackgasse.

Er braucht gleichzeitig die Sehnsucht nach Realität und die Flucht von ihr. Er muss das Leben inhalieren, als ob es die letzte Luft wäre, bis er platzt, und dann muss er es als ganze Sätze elegant wieder rauswürgen. Er muss können: aus Scheisse Gold machen. Das alles braucht er. Was er nicht brauchen kann, ist zu viel oder zu wenig von alledem. Kriegt er das einigermassen hin, dann braucht er auch noch das Glück, dass all das, was er daraus zu Worten macht, irgendjemanden interessiert ausser ihn selbst.

Ich kenne Schreiber, die schreiben in der Badewanne, auf dem Klo, in Cafés, im Keller, in Fluten von Rotwein, im zermalmenden Getöse innerer Stürme, aber das Wo ist nebensächlich. Das Wie auch. Das unheimlich Einfache am Schreiben ist, dass es nur eine einzige Regel für das Geschriebene gibt, egal ob einer über das Universum schreibt oder ein Sandkorn beschreibt oder immer nur über andere; er darf alles ausser langweilen.

Der Unterschied zwischen Schreiben und Tippen ist der Graben.

Klar ist, dass man so schreibt wie man lebt, und wenn man älter ist und das Leben seinen Saft immer mehr nur noch tröpfchenweise abgibt, dann schreibt man so, wie man einst gelebt hat, nur mit ein bisschen mehr Lakonie, Verzweiflung, Trauer und wenn man Glück hat auch mit Humor. Es gibt diesen Satz von Schopenhauer, der das ganz gut formuliert: «Die ersten fünfzig Jahre des Lebens sind Text. Der Rest ist Kommentar.» Dass es zutrifft, dass einer schreibt, wie er lebt oder gelebt hat, sieht man schon auf jeder Zeitungsredaktion. Und in den meisten Fällen erfährt man mehr, ob einer schreiben kann, wenn man sein Gesicht liest.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Truman Capote es zu Norman Mailer sagte oder Mailer oder Capote zu Gore Vidal: «Ich schreibe, Sie tippen bloss.» Der Unterschied zwischen Schreiben und Tippen ist der Graben. Auf der einen Seite die Spreu, auf der andern der Weizen. Es ist eine unerbittliche Grenze. Da glitzern Worte in der Sonne, dort dümpeln sie im ewigen Schatten. Es ist natürlich so, dass ein Schreiber immer auch tippen kann, ein Tipper aber nur ganz selten schreiben. Da muss schon alles zusammenkommen, das ganze Leben sich verdichten auf einen einzigen Punkt, aber so was passiert allerhöchstens einmal im Jahr und auch nur, wenn man Glück hat.

Natürlich schreibt auch ein Schreiber gelegentlich Bullshit, aber es fällt häufiger ihm selber auf als den andern, weil es immer noch mehr Kraft und Saft als all das Getippe in Büchern und Zeitungen hat. Das ist das Bittere; gut Geschriebenes ist wie eine Goldmine. Zuerst muss man sie finden, das braucht Instinkt und Glück, dann muss man all die Erde beiseiteschaffen, das braucht Geduld und Kraft, und dann, erst dann, stellt sich heraus, ob die Mine gross genug ist für eine grosse Geschichte oder nur für eine Miniatur. Oder gar nichts taugt.

Goldgräber der Worte

Wichtig ist, dass einer nach den ersten Spatenstichen auf der Suche nach dem Gold der Worte merkt, ob er tatsächlich einer Mine auf der Spur ist oder nur dem Wunsch danach. Es gibt nur ein einziges Werkzeug dafür. Hemingway nannte es «shit detector». Er sagte es in einem Interview: «Das wesentlichste Geschenk für einen guten Schreiber ist ein eingebauter, stossfester Shitdetektor.»

Wer über keinen inneren Shitdetektor verfügt, ist wie ein Wanderer ohne Kompass in der Wüste. Es gibt die Geschichte von Heinz Konsalik, der, wenn er ein neues Buch in Angriff nahm, 1500 Buchstaben tippte und sich danach entschloss, entweder weiterzuschreiben, wenn es lief, oder das Geschriebene im Mülleimer zu entsorgen, wenn sein Shitdetektor Alarm schlug.

Meist reicht der erste Satz, dieser sagenumwobene erste Satz, um sich zu entscheiden, ob das mit den restlichen Sätzen was wird. Weil in ihm schon der Sound der ganzen Story steckt, die ganze Songline, ihr Rhythmus, und wenn er gut ist, dieser erste Satz, diese Quelle, aus der ein Strom werden soll, muss man diesem Fluss nur folgen. Hat der erste Satz das nicht – weg mit der Scheisse.

Wer schreiben will, muss lesen.

Wer dieses Sprachgefühl nicht in sich trägt, wird nie ein guter Schreiber, wird keine Edelfeder und bleibt Kugelschreiber. Was nicht heisst, dass er nie wird vom Schreiben, oder Getippe in diesem Fall, leben können. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass man von Getippe besser leben kann als von der Schreiberei. Für die Tippenden gibt es immer noch den Journalismus, Politik oder Wirtschaftsjournalismus am ehesten, Berichterstattung eben.

Von Reportagen und Porträts, von der ganzen Kategorie dessen, was man literarischen Journalismus nennt, ist wegen drohender Langeweile dringend abzuraten. Das mag hart und verletzend klingen, ist es auch, und Trost gibt es auch nicht viel, ausser vielleicht die Tatsache, dass es klüger ist, in der Regionalliga oben mitzuspielen, denn in der Champions League andauernd in den Arsch getreten zu werden.

Wer schreiben will, muss lesen. Um einen Roman zu schreiben, sagt man, muss man zuvor mindestens 1000 Bücher gelesen haben. Querbeet, ohne Scheuklappen, ohne intellektuellen Dünkel. Von Konsalik über Kafka, Lessing und Louis L’Amour, Grisham und Goethe, Hemingway und Heidi und so weiter. Man sollte alles lesen, was einem in die Hände gerät, sogar Gebrauchsanweisungen. Und zwar von frühester Kindheit an. Man lernt von ihnen das Erzählen einer Geschichte, das «Show, not tell», das einer der ersten Sätze ist, die man in Creative-Writing-Kursen mit auf den Weg bekommt.

Subtext und Igitt

Und dann kommt man dem Schreiben auf die Spur, entdeckt, mit welchen Tricks die einzelnen Schriftsteller arbeiten, was sie weglassen etwa, damit es umso stärker wirkt. Dass eine Geschichte über den Krieg viel mehr Drive hat, wenn das Wort Krieg gar nie erwähnt wird. Dass sie keine Adjektive verwenden, die Gemeinplätze sind, dass etwas nie nur interessant oder pittoresk ist, zwei wirkliche Igitt-Wörter. Dass sie mit dem Tempo spielen, lange Sätze, kurze Sätze, und, das vor allem, dass hinter jeder Anhäufung von ein paar Zeilen ein Subtext daruntergewoben ist, der dem Unausgesprochenen zu Sprache verhilft.

Wer schreiben will, muss täglich üben. Das ist wie bei Pianisten. E-Mail-Schreiben und SMS-Tippen gelten nicht als Übung. Zu flüchtig, zu sehr Getippe. Briefe wären gut, wie einst, als Literatur noch etwas mit Bleistift und Schreibmaschine war. Wo der Gedanke zuerst im Kopf formuliert worden ist und dann die Worte folgten. Das scheint mir heute gelegentlich umgekehrt. Wer lesen möchte, was Briefe können, sollte jene von Raymond Chandler lesen, dem Krimiautor, sie sind, obwohl nur Briefe, im Grunde schon Literatur. Und Briefe sind ein hervorragendes Mittel für Schreiber, sich vom wirklichen Schreiben zu drücken und trotzdem das Gefühl zu haben, etwas geschrieben zu haben und den Tag nicht ganz vergeudet.

Es gibt keine Gebrauchsanweisung für Schreiber. Leider nicht. Es gibt auch keine für Fussballer oder Schauspieler oder Maler. Es ist ganz einfach; der eine kanns, der andere nicht. Das Einzige, was man tun kann, wenn man das Gefühl hat, ein Talent dafür zu haben, ist es zu fördern und dann, wenn es einen wirklich fordert, durchzuhalten. Und irgendwann kann man es ein bisschen, aber nie ganz. Wie das Leben auch. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.01.2018, 11:27 Uhr

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