«Atheisten leben weniger gefährlich als Christen oder Juden»

Star-Pianist Fazil Say wird in der Türkei wegen religionskritischen Tweets der Prozess gemacht. Schriftsteller Dogan Akhanli über den Fall – und die Islamisierung Istanbuls.

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Herr Akhanli, was halten Sie von Fazil Says Twitter-Witzen?
Ich habe die türkische Version gelesen und fand sie einfach witzig, insbesondere den Spruch des persischen Dichters und Mathematikers Omar Khayyam, den er zitierte: «Du sagst, durch die Bäche wird Wein fliessen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?»

Dann versteht die Regierung keinen Spass?
Es gibt Gebiete in der Türkei, etwa Adana, in denen die Menschen Schimpfwörter als Füllwörter nutzen und damit ihre Sätze schmücken. Sie verunglimpfen fantasievoll Allah, den Propheten oder den Koran. Und es passiert nichts. Weder eine Anklage noch sonst irgendeine Massnahme gegen sie. Says Witze haben mit der Beleidigung und Herabwürdigung der islamischen Religion und religiösen Werten nichts zu tun. Es handelt sich hier um eine willkürliche Handlung der türkischen Justiz.

Verschärft sich das Klima in der Türkei gegenüber Künstlern und Intellektuellen?
Das Klima verschärft sich vielleicht nicht, aber es ist unberechenbar geworden. Es gibt auf der einen Seite einen Freiraum, in dem man offene Diskussionen führen kann, auf der anderen Seite weiss man nicht, ob man am nächsten Tag eine Anklage am Hals hat.

Wie wirkt sich das auf die Arbeit der Künstler aus? Kommt es zu Emigrationen oder Selbstzensur?
Beides ist der Fall. Die staatlichen Repressionen machen die Künstler öfter verführbar und korrupt. Der Druck und die mangelhafte Ausdrucksmöglichkeiten führen jedoch auch zu mehr Kreativität und Qualität. Wenn man bestimmte Begriffe nicht nutzen darf, sucht man subtile Wege, Anspielungen zum Beispiel.

Wie in Russland Pussy Riot protestiert Fazil Say gegen eine Allianz von Staat und Kirche – die es laut Verfassung ja gar nicht geben dürfte. Wie sehen Sie das?
Zuerst einmal: Die Reformen, die in den 30er-Jahren stattfanden und durch die ein laizistischer Staat entstanden ist, sind ein Geschenk für das Land und für die muslimische Welt. Sie ermöglichten uns, atheistisch leben zu dürfen. Und das, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ist weniger gefährlich, als in der Türkei Christ, Jude oder Alevit zu sein. Aber ich würde die Frage gerne mit dem Hinweis auf die Gründungsgeschichte der Türkei beantworten, mit der man kritisch umgehen und sich bewusst werden muss, dass die heutigen Probleme damit zusammenhängen. Die moderne Türkei ist durch Verbrechen, durch die Vernichtung und Vertreibung der christlichen Minderheiten entstanden. Die Verleugnung der kurdischen Identität hat ebenfalls mit der Gründungsgeschichte zu tun.

Verläuft der Graben der Islamisierung zwischen Stadt und Land – oder sind auch die grossen Städte davon betroffen?
Ich bin dieses Jahr zweimal in die Türkei gefahren, um mir selber ein Bild zu machen. Zwei Monate lang habe ich in meinem Geburtsdorf an der georgischen Grenze gelebt. In diesem Gebiet war in den 70ern eine progressive, linke Bewegung ziemlich stark, deren Auswirkungen noch heute andauern. Während des Ramadans zum Beispiel fastete kaum jemand. In bestimmten Stadtteilen Istanbuls war ich hingegen öfter unsicher, ob ich auf den Strassen essen oder rauchen darf. Was auch auffallend ist: Die Unruhe, Angst und Hassgefühle gegen die heutige Regierung, habe ich hauptsächlich bei Frauen beobachtet.

Gleichzeitig liest man immer wieder vom türkischen Wirtschaftswunder – ist die Islamisierung eine Gefahr für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes?
Da mute ich mir kein abschliessendes Urteil zu. Einige sagen, dass es sich um eine Blase handelt, während andere einen echten Aufschwung konstatieren.

Sie selber haben einmal gesagt: Istanbul ist wie eine schöne Frau, der man verfällt und lebenslang hinterherläuft. Sehen Sie das immer noch so?
Istanbul ist eine Stadt, in die ich einmal verliebt war. Während und nach meiner Haftzeit habe ich sie als sehr hässlich empfunden. Heute finde ich sie wieder wunderschön, weiss aber nicht, wie ich mit dieser Stadt umgehen soll. Ich bin überfordert.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2012, 13:58 Uhr

Der Schriftsteller Dogan Akhanli wurde 1957 in der Türkei geboren. Ab 1998 erschien seine Trilogie «Die verschwundenen Meere», in der es um die Türkei im 20. Jahrhundert geht. Der letzte Band thematisiert den Völkermord an den Armeniern. 2010 war Akhanli, obwohl längst deutscher Staatsbürger, beim Versuch der Einreise in die Türkei festgenommen worden, fast zwanzig Jahre nach seiner Flucht aus dem Land, in dem er als Aktivist Folter und Haft erlebt hatte. (Bild: Foto: © Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons))

Der Prozess

Fazil Say ist einer der international bekanntesten Künstler der Türkei. Ihm wird zur Last gelegt, sich über den Nachrichtendienst Twitter spöttisch über den Islam geäussert zu haben: «Der Muezzin hat das Abendgebet in 22 Sekunden ausgerufen [...] Was hast es du so eilig? Eine Geliebte? Ein Raki auf dem Tisch?». Beim Gerichtstermin am Donnerstag wurde die Anklage verlesen. Say wies den Vorwurf zurück, er habe den Islam beleidigt. Die Verhandlung wird im Frühjahr 2013 wieder aufgenommen.

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