Der preussische Zürcher

Seit 20 Jahren leitet Martin Meyer das Feuilleton der NZZ. Und bleibt dabei auffällig unauffällig. Unpolitisch findet er sein Feuilleton aber ganz und gar nicht.

NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer spricht lieber über seine Arbeit als über sich selbst.

NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer spricht lieber über seine Arbeit als über sich selbst. Bild: Elena Monti

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Ersucht man auf dem Wege der elektronischen Post um einen Termin bei Martin Meyer, dann ruft der Mann nicht etwa selbst zurück, nein, dann meldet sich am andern Ende der Leitung eine freundliche Dame und fragt: «Darf ich Sie mit Herrn Doktor Meyer verbinden?» Von dienstbaren Geistern umgeben – gehört so einer überhaupt noch demselben Berufsstand an wie man selbst oder ist er nicht eigentlich ein Aris­tokrat der schreibenden Zunft, mehr Schriftsteller denn Journalist?

Auch Meyers Büro, ein Eckzimmer im dritten Stock des NZZ-Gebäudes an der Zürcher Falkenstrasse, widerspricht ganz und gar allen Gepflogenheiten einer an sich selbst zweifelnden Branche. Ein Einzelzimmer, nicht gross, aber ­behaglich: Bücherregale, ein massiver Holztisch, die solide Gegenthese zu den sterilen Grossraumbüros, in denen ­gewöhnliche Journalisten ihrem oft ­enervierenden Tagwerk nachgehen.

Zweifellos, die NZZ ist eine andere Welt, und der 60-jährige Meyer ist hier der Grossmufti des Geistes. Seit 20 Jahren Feuilletonchef, Träger des Europäischen Essay-Preises Charles Veillon, korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Autor wegweisender Werke über Ernst Jünger und Thomas Mann, Vertrauter des Jahrhundertpianisten Alfred Brendel. Vieles gäbe es, was man zum Ruhme Meyers aufzählen könnte.

«Auf einer Glatze Locken drehen»

Dennoch, über die Person Meyer weiss die Öffentlichkeit nur wenig. Was durchaus seine Gründe hat. Karl Kraus, der legendäre Wiener Feuilletonist, hat einmal geschrieben: «Ein Feuilleton schreiben heisst auf einer Glatze Locken drehen.» Ähnlich verhält es sich, will man ein Porträt über Martin Meyer schreiben, denn Anekdoten, Homestories, all das also, wodurch sich der Journalismus heutzutage auszeichnet, ist Meyers Sache nicht: Privates öffentlich auszubreiten, findet er grenzwertig, entsprechende Fragen beantwortet er, wenn überhaupt, nur äus­serst spröde.

In Zürich geboren, aufgewachsen, zur Schule und zur Universität gegangen, ist Martin Meyer ein Mann, wie er zürcherischer kaum sein könnte. Und doch erinnert sein Hochdeutsch – mal ein wenig schnoddrig, dann wieder fast barsch – eher an einen Berliner. Hält er eine Frage für überflüssig, antwortet er spöttisch, fast kaustisch, manchmal ein wenig herrisch auch, als wollte er sagen: «Nu fragen Se mal weiter, junger Mann!» Und in den seltenen Momenten, in denen er sich über den Tisch beugt, um etwas Maliziöses zu sagen, etwas, das selbstverständlich «off the record» ist, in diesen Momenten erinnert er ein wenig an Fritz J. Raddatz, den legendären «Zeit»-Feuilletonchef der 70er- und 80er-Jahre.

Kurzum: Es ist etwas Preus­sisch-Zackiges um diesen Meyer, etwas, das so ganz und gar nicht schweizerisch wirken will. Ein Grandseigneur, in ­dessen Höflichkeit man zumindest ge­legentlich auch eine Art vornehme Herablassung sehen könnte.

Ein Angebot, das keiner ablehnt

Seit 38 Jahren arbeitet Meyer nun an der Falkenstrasse. Als Student hat er hier angefangen und dafür auf eine akademische Karriere verzichtet, denn wie er selbst sagt: «Wenn Sie mit 22 eine Stelle bei der ‹Neuen Zürcher Zeitung› angeboten bekommen, machen Sie sich keine Gedanken, was sonst noch aus ­Ihnen werden könnte.»

Fragt man Meyer nach den gros­sen, erinnerungswürdigen Ereignissen in beinahe vier Jahrzehnten Kulturjournalismus, dann bekommt man die schelmische Seite des Grossfeuilletonisten zu sehen: 1985, zur Frankfurter Buchmesse, machten Meyer und Co. eine Literaturbeilage, die ausschliesslich aus erfundenen Texten bestand. Besagter «Zeit»-Kulturchef Raddatz stiess darin auf ein von Meyer erfundenes Goethe-Zitat, in dem sich der deutsche Dichterfürst über den neuen Frankfurter Bahnhof beklagt, den es zu Goethes Lebzeiten allerdings noch gar nicht gab. Raddatz jedoch nahm den Ausspruch für bare Münze und setzte ihn auf die erste Seite seines Feuilletons, was dazu führte, dass er seinen Posten verlor.

«Für zwei oder drei Wochen ging darauf in Deutschland ein Lachen und Rauschen durch den Blätterwald», erinnert sich Meyer, um sich sogleich vornehm von jeglicher Schadenfreude zu distanzieren: Die Entlassung des Kollegen habe er nicht gewollt.

Der letzte Glasperlenspieler?

Was ist das für ein Kulturteil, den Martin Meyer macht? Es hält sich im deutschsprachigen Raum ja hartnäckig das Gerücht, es gebe da einen in Zürich, der noch immer ein unpolitisches Feuilleton alter Schule mache, am liebsten nur über mittelalterliche Tafelmusik und barocke Gärten schreiben lasse und sich um die Aktualität keinen Deut schere. Ist dieser Meyer etwa der letzte feuilletonistische Glasperlenspieler zwischen Flensburg und Bozen?

Das ist nun ein Vorurteil, das Meyer wirklich ärgert. Ja, ja, irgendwann einmal, da habe einer geschrieben, die NZZ pflege als einzige Zeitung im deutschen Sprachraum noch das klassische Feuilleton. Und seither schrieben das alle ab. Das, fordert Meyer, soll sich ändern: «Sie haben eine echte Aufgabe», ruft er, «Sie können das jetzt korrigieren! Und zwar indem Sie mich nicht nur zitieren, sondern selbst zu dem Schluss kommen.» Diesen Gefallen tut man ihm gerne, denn der Mann hat recht, das zeigt eine kleine Presseschau der letzten Tage und Wochen: Die Renaissance der Braunkohle in Deutschland, Rekordsommer in New York, Krieg im westafrikanischen Mali – wer das nicht welthaltig findet, dem ist nun wahrlich nicht mehr zu helfen.

Vielleicht kommt das Vorurteil vom NZZ-Feuilleton als ein letzter Elfenbeinturm im Blätterwald ja auch daher, dass das Schweizer Weltblatt eben nicht jede Debatte mitmacht, welche die deutschen Zeitungen zum Hyperventilieren bringt. Gewiss, gelegentlich greift man ein in eine Diskussion, zuletzt etwa beim Streit um das Beschneidungsverbot. Meyer: «Die Deutschen haben das gerne, sich gegenseitig aufzustacheln und sich eins auf den Kopf zu geben. Wir scheuen das nicht – wenn wir es für nötig halten.» Solche Zurückhaltung mag unjournalistisch wirken, doch sie hat auch einiges für sich. Man denke nur an das alberne, antiisraelische Gedicht von Günter Grass, das die «Süddeutsche Zeitung» auf der Aufschlagseite ihres Kulturteils abgedruckt hat: Muss man das ernst nehmen?

Dann doch lieber ein Essay des Lyrikers Obi Nwakanma über Christenverfolgungen in Nigeria oder eine historische Abhandlung von Urs Schoettli über die japanische Taisho-Epoche. Klingt erstmal ziemlich abgefahren, macht das NZZ-Feuilleton aber zu einem der ganz wenigen Orte im deutschsprachigen Journalismus, wo man noch auf Unbekanntes stösst – eine Erfahrung, die man sonst meist nur noch mit angelsächsischen Magazinen wie dem «Economist» oder dem «New Yorker» macht.

Der Einzige seines Standes

Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Es ist Meyers amerikanische Ehefrau. «Yes, yes», sagt Meyer in die Muschel, und «call you later», und das klingt bei ihm so amerikanisch, dass man meinen könnte, man hätte den Feuilletonchef der «Chicago Tribune» vor sich. Was selbstverständlich Bull­shit – Pardon! – Unfug ist, denn so etwas wie einen Feuilletonchef der «Chicago Tribune» gibt es ja gar nicht.

Feuilletonchefs gibt es weltweit überhaupt nur im deutschsprachigen Raum, und in der Schweiz ist Martin Meyer strenggenommen der einzige: Ausser der NZZ haben längst alle Schweizer Zeitungen die Bezeichnung «Feuilleton» durch «Kultur» ersetzt. «Die sind selbst schuld, wenn sie davon ausgehen, dass ihre Leserschaft nicht mehr weiss, was ein Feuilleton ist», sagt Meyer dazu nur. Die Entwicklung des Kulturjournalismus in der Schweiz möchte er nicht kommentieren. Immer weniger Relevantes, immer mehr Life­style, liegt da das Problem? Allein das Wort Lifestyle, wohlgemerkt nicht von Meyer ins Gespräch gebracht, lässt diesen das Gesicht verziehen, als hätte er gerade in eine Zwiebel gebissen.

In den Spalten der bunten Blätter

Weil Journalismus eine populistische Angelegenheit ist, wenigstens ausserhalb der NZZ, nun aber doch noch zum Menschen Meyer. So ganz unspektakulär ist dessen ausserberufliches Leben nämlich nicht. Zwei Jahre ist es her, da geriet ausgerechnet er, der dezente Feingeist, in die Spalten der bunten Blätter: Nach einer Scheidung von Philosophie-Professorin Ursula Pia Jauch ging Meyer eine Beziehung mit der amerikanischen Tänzerin Megan Laehn ein, einer «blonden Larger-than-life-Erscheinung» («Tages-Anzeiger»), die zuvor mit Stefan Zweifel («Literaturclub») liiert gewesen war. Ernst mag es zuweilen zugehen im Leben eines NZZ-Feuilletonchefs, unglamourös keineswegs.

«Aber wir wollten doch über das Feuilleton reden!», würde Martin Meyer an dieser Stelle nun ausrufen. Also gut: Als Teil eines grossen Ganzen ist der Kulturteil einer Zeitung nicht ausgenommen von der Pressekrise. Ist Meyer also ein Mann, «dessen Beobachtungsposten plötzlich ins Wanken geraten ist» («Weltwoche»)? Er selbst sagt es so: «Von meinen 40 Jahren als Journalist durfte ich 30 in grosser Unbeschwertheit verbringen.»

Heute ist auch er mit einem Budget konfrontiert, das kleiner und kleiner wird. Selbst bei der distinguierten NZZ spürt man die Krise, und das schlägt sich auch in Meyers Essayistik nieder: «Uncertainty», Unsicherheit, dieses beunruhigende, vom Ökonomen John Maynard Keynes entlehnte Wort ist es, das wie ein unabwendbarer Albdruck immer wiederkehrt. Ob es am Ende des 21. Jahrhunderts noch Feuilletonisten wie Martin Meyer geben wird, wer weiss das schon? (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.07.2012, 16:26 Uhr

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