Die Sehnsucht nach dem reinen Tisch

Schweizer Politiker reden nun öfters vom «Reset-Knopf». Was hat das zu bedeuten?

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Genf, 2009. Aussenministerin Hillary Clinton schenkt Amtskollege Sergei Lawrow vor versammelter Presse ein Kästchen mit rotem Knopf – der «Reset Button», handfestes Symbol für die diplomatische Mission «Russian Reset». Obama will die verkorkste Vergangenheit, Kalter Krieg et cetera, vergessen machen.

Bern, 2018. Nachdem Ignazio Cassis versprochen hatte, als Bundesrat in der EU-Politik den «Reset-Knopf zu drücken», sickert die Metapher ins Bundeshaus-Vokabular ein. Auch andere Politiker sprechen jetzt häufiger vom «Reset-Knopf», Hans-Ulrich Bigler etwa in der «Gewerbezeitung» («der berühmte Reset-Knopf») oder Philipp Müller diese Woche wieder in der «Tagesschau».

Bisherige Arbeit wertlos

Das Sprachbild vom «Reset-Knopf» ist mit günstigen Gedanken verbunden: Entschlussfreude, eine resolute, fast hastige Dynamik, aber auch Einklang mit dem Weltgeist. «Gibt es eine verlockendere Formulierung im modernen Wortschatz?», fragte die Kolumnistin der «Washington Post», nachdem Clinton das Kästchen ausgehändigt hatte. Tatsächlich passt der Begriff perfekt zur Digitalära, und er stammt ja auch aus der IT: Verblüffend früh verfügten PC-Nutzer über die Möglichkeit, ihr System oder Computerspiel per Knopfdruck auf seinen Ausgangszustand zurückzuführen. Ungeduld ist eine zeitgenössische Kardinaltugend, «fail fast, fail often» das Silicon-Valley-Mantra schlechthin.


Video – So wurde Ignazio Cassis Bundesrat

Hoffen, warten, feiern: die Wahl von Ignazio Cassis in der Übersicht. (20. September 2017) Video: Tamedia/SDA


Dass der «Reset-Knopf» ganz bewusst frühere Bemühungen zunichtemacht – auch das gehört zu seinen Merkmalen. Keine geknüpfte Bande, keine alte Errungenschaft erscheint dem dynamischen Knopfdrücker wertvoll genug, als dass sie beim «Reset» nicht riskiert werden könnte. «Zurück auf Feld eins» hat letztlich die gleiche Konsequenz, ist aber deutlich negativer gefärbt, ist eine Bestrafungs-Metapher. Der «Reset Button» dagegen verspricht einen freiwilligen, frohgemuten Neustart, zugleich wird die Feststellung stets mitgedacht, dass die bisherige Arbeit misslungen und wertlos sei und die Radikalumkehr nötig mache. Dass Cassis’ Vorgänger Didier Burkhalter erbost auf die «Reset»-Phrase reagierte, überrascht nicht.

Kein «kompletter Neustart»?

In Cassis’ Wort kommt der Wunsch nach der Tabula rasa zum Ausdruck – ein letztlich apolitischer Wunsch, der die menschlichen und vor allem die juristischen Verwicklungen der Diplomatie ignoriert. Die puristische Note, die Vorstellung einer Art Ablass, der in «Reset-Knopf» mitschwingt, kommt Cassis als neuer Bundesrat natürlich zupass – auch wenn sein Kommunikationschef zu relativieren versucht: Der «Reset-Knopf» sei «nicht als kompletter Neubeginn der Europapolitik zu verstehen».

Der «Russian Reset» scheiterte definitiv, als Putin die Krim annektierte. Die Vorzeichen hatten allerdings von Anfang an schlecht gestanden, weil die russische Übersetzung von «Reset» auf Clintons Knopf fäschlicherweise nicht «Zurücksetzung», sondern «Überlastung» gelautet hatte. Womöglich bereut auch Cassis seine Wortwahl noch – denn die SVP, die ihn ins Amt gewählt hat, hat Gefallen gefunden am «Reset-Knopf», und das nicht etwa in seiner relativierten Deutung.

«Wo bitte ist Cassis mit seinem Resetknopf?», twitterte bereits Nationalrätin Natalie Rickli. Das Versprechen vom «Reset-Knopf» sei entscheidend für die Unterstützung des Tessiners gewesen, sagte Albert Rösti. Der SVP-Präsident dürfte Cassis auch künftig genüsslich an sein Versprechen erinnern. Natürlich auch, damit nicht plötzlich von der «Play-Taste» die Rede ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 18:00 Uhr

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