Hintergrund

Die Vollendung von Wikipedia

Die Arbeit an der Online-Enzyklopädie sei weitgehend abgeschlossen, behauptet eine Studie. Wikipedia widerspricht.

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Wikipedia sei fertig, behauptet der Militärhistoriker Richard Jensen in einer Studie. Am Beispiel des Artikels über den Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 zeichnet er nach, dass der Artikel nach einer Hochphase 2006/2007 seit fünf Jahren fast keine Änderungen mehr erfahre. Nachdem über 3000 Leute an den 14'000 Wörtern gearbeitet haben und 200'000 Wörter an Kommentaren auf der Diskussionsseite abgegeben haben, sei der Artikel fertig und perfekt.

Die Studie wurde auch von nicht an Militärgeschichte interessierten Personen gelesen und diskutiert. Die allgemeine These, dass die Hauptarbeit an Wikipedia abgeschlossen und alle wichtigen Artikel und Themen umfassend behandelt seien, stiess auf grosses Interesse, auch innerhalb der Community, welche die Frage selber untersucht: Wie viele Artikel wären nötig, um das gesamte menschliche Wissen abzudecken? Nach Schätzungen ist man derzeit bei drei Prozent.

Der für die Deutschschweiz verantwortliche Wikimedia-Pressesprecher Patrick Kenel ist denn auch skeptisch: «Die These mag für den entsprechenden Artikel stimmen, der einen 200 Jahre alten Krieg behandelt. Ansonsten können aber die meisten Artikel verbessert und immer wieder aktualisiert werden.»

4 Millionen Artikel

Seit der Gründung im Januar 2001 entstanden in der englischsprachigen Version 4 Millionen Artikel; die deutschsprachige Ausgabe hat als zweitgrösste 1,5 Millionen Artikel. 13 Prozent aller Internetuser weltweit nutzen Wikipedia. In der Schweiz ist sie auf Platz 5 der meistgeklickten Websites, weltweit auf Platz 6.

Wikipedia funktioniert nach dem Crowdsourcing-Prinzip: Jeder kann Artikel bearbeiten und verändern, auch ohne Nutzerkonto. Eine Schar von erfahrenen Usern und Administratoren überwacht alle Änderungen – Vandalismus und Manipulierungsversuche werden normalerweise innert Minuten bemerkt und korrigiert. Gerade bei Themen wie Kriegen gibt es aber in der Regel stark divergierende Standpunkte, die zu sogenannten Edit Wars ausarten können. Darum sind heikle Themen für die allgemeine Bearbeitung gesperrt.

Die Wikipedia-Gemeinschaft, die erfahrenen User und Administratoren, die grösstenteils freiwillig und unbezahlt mitarbeiten, ist denn auch immens wichtig. Vor einem halben Jahr hiess es, es gäbe ein Nachwuchsproblem. Patrick Kenel sagt dazu: «Das Engagement der vielen langjährigen Wikipedianer ist hoch, aber mehr Autoren wären selbstverständlich willkommen. In verschiedenen Gruppen hat es deutlich zu wenige: Frauen und ältere Menschen vor allem.» In der Tat sind 90 Prozent der Leute junge weisse Männer – Diversifizierung ist darum ein wichtiges Ziel.

Visionen für Wikipedia

Wo steht die Wikipedia in fünf Jahren? «Sie wird optisch sicher gleich aussehen und die gleiche Struktur haben, aber noch mehr Inhalt. Die Bedeutung wird sicher weiter zunehmen», meint Kenel. In Deutschland wurde kürzlich eine Petition gestartet, um Wikipedia zum Weltkulturerbe zu erklären – was in fünf Jahren sicher noch nicht realisiert wird, aber doch zu spannenden Diskussionen führen könnte. Dann soll es aber auch einen Visual Editor geben, Änderungen in den Artikeln sollen noch schneller und einfacher gemacht werden können.

Die Wikimedia-Stiftung, die zahlreiche weitere Schwesterprojekte wie Wikiquote oder Wikimedia Commons betreibt und betreut, sei gut aufgestellt, meint Kenel. Sie kümmert sich von San Francisco aus weltweiten Aktivitäten und hat in vielen Ländern Partnervereine, die lokale Projektarbeit unterstützen. In der Schweiz will man zum Beispiel vermehrt mit Kulturinstitutionen zusammenarbeiten. Geplant ist unter anderem ein befristeter «Wikipedian in Residence» im Bundesarchiv in Bern, der bezüglich der dortigen Bestände eine Zusammenarbeit zwischen der Freiwilligen-Community und Archivangestellten in die Wege leitet.

Ein ähnliches Vorgehen schlägt auch Militärhistoriker Jensen vor: «Wikipedia ist ein voll entwickeltes Nachschlagewerk mit einer guten Struktur und einem etablierten Ruf. Das Problem ist, dass es nicht voll entwickelt ist in einem wissenschaftlichen Sinn.» Er schlägt darum vor, dass die Mitarbeiter Zugang zu Forschungsmaterial erhalten sollen und Kurse in wissenschaftlichem Arbeiten, um die Artikel auf einen wissenschaftlichen Standard zu bringen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2012, 17:15 Uhr

Wikipedia-Spendenkampagne

Die jährliche Spendenkampagne für Wikipedia und andere Wikimedia-Projekte ist gerade angelaufen. Auf allen damit verbundenen Seiten erscheinen persönliche Spendenaufrufe von Schweizer Wikimedia-Mitgliedern. Ziel ist es, weltweit 30 Millionen Dollar an Spenden zu sammeln. Die Spendenkampagne stellt die wichtigste Finanzierungsquelle der Online-Enzyklopädie dar.

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