Der Politiker und sein Denker

Jeder Politiker hat einen Ghostwriter – zugeben will das aber keiner. Man fürchtet, das könnte zu wenig authentisch wirken. Dabei wären gute Ghostwriter gerade für Schweizer Politiker wichtiger denn je.

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Das Geschäft eines Politikers ist das Reden. Das Denken wird meist anderswo besorgt. Zugeben will das freilich kaum einer. So bestreitet etwa Nationalrat Christoph Mörgeli vehement, Christoph Blochers Redenschreiber zu sein, auch wenn er kürzlich im Zug mit dicken Wälzern über Gottfried Keller gesehen wurde, den Blocher ein paar Tage später in einer Rede eifrig zitiert.

Dabei befände sich Mörgeli als Blochers Redenschreiber in bester Gesellschaft. Es gibt kaum Politiker, die ihre Reden wirklich selber schreiben. Das besorgen ihre Ghostwriter, Schreiber und Denker, deren Geschäft darin besteht, Politikern Worte in den Mund zu legen, die beim Volk hoffentlich hängen bleiben – vielleicht sogar historisch werden wie das Bonmot von Theodore Sorensens, John F. Kennedys Ghostwriter: «Fragt euch nicht, was eurer Land für euch tun kann, sondern fragt euch, was ihr für eurer Land tun könnt», schrieb er und machte Kennedy damit unsterblich.

Über Redenschreiber redet man nicht

Im angelsächsischen Raum ist Ghostwriting nichts Ehrenrühriges. Politiker fällen Entscheidungen, so die Vorstellung. Ihre Reden können andere schreiben. Ganz anders in der Schweiz. Hier hängt man immer noch dem Ideal des einsamen Magistraten nach, der im Schweisse seines Angesichts alleine an seinen Reden feilt. Politiker und Wirtschaftsführer legen Wert darauf, ihre Ansprachen als eigenes Gedankengut zu präsentieren. Über Redenschreiber redet man nicht. Und die Ghostwriter wollen nicht publiziert haben, für wen sie schreiben. Vielleicht, weil die Qualität der meisten Politikerreden laut Kommunikationsberater Klaus W. Stöhlker «grauenhaft» ist. «Es handelt sich zumeist um politisch-wirtschaftlich-juristische Floskeln mit einem Schuss Populismus.»

Bekannt ist, dass Peter Bichsel damals für Bundesrat Willi Ritschard die Reden schrieb. Der Musiker Balts Nill war in Moritz Leuenbergers Präsidialjahr für dessen Reden zuständig, und der bekannte Wanderkolumnist und «Tages-Anzeiger»-Journalist Thomas Widmer bestätigt zwar, dass er früher ebenfalls als Redenschreiber fungierte, möchte aber seinen Klienten nicht verraten. «Das Geheimnis um die Ghostwriter ist so etwas wie das Arztgeheimnis. Politiker wollen hierzulande als authentisch gelten», sagt Balts Nill. Stöhlker weist darauf hin, dass kein professioneller Ghostwriter zugeben würde, für wen er arbeitet, ja, dass Ghostwriter «eisern» dazu verpflichtet seien, im Dunkeln zu bleiben. Im Übrigen liessen nicht nur Politiker, sondern häufig auch Professoren für sich schreiben.

Eine Rede ist wie ein guter Song

Ein Ghostwriter ist mehr als ein Fachberater, er muss sich in Wirtschaft, Politik und Geschichte auskennen, er muss dem Redner Format geben und ihn mit einer Botschaft versehen. Ausserdem muss er das Volk erreichen können, was in der Schweiz meist bedeutet, möglichst bodenständig aufzutreten. Ein guter Ghostwriter, so sagt Widmer, müsse begreifen, wie die Person tickt, für die er die Rede schreibt. Nach einem Brainstorming liefert der Ghostwriter einzelne Absätze, bringt Fokus und Struktur in die Gedanken.

Dann ginge es darum, fünf Werte festzulegen, für welche die Person steht und die man abwechselnd kommuniziert. Und: die Rede auf ein spezifisches Publikum hin zu schreiben und ein bisschen intellektuellen Chic zu liefern. Also die fremden Federn zur Verfügung zu stellen, mit denen die Politiker sich dann gerne schmücken. Im Idealfall, sagt Balts Nill, funktioniere eine Rede wie ein guter Song: «Der Interpret macht aus der Vorlage etwas Eigenes.» Für den Ghostwriter sei es allerdings zuweilen schmerzhaft, wenn er beim Vortrag merkt, dass der Redner den Inhalt der Rede gar nicht verstanden habe.

Modell der Zukunft

Doch nicht alle Politiker machen ein Geheimnis daraus, dass ihre Worte nicht immer ihren eigenen Gedanken, sondern denen eines anderen entsprangen. Melanie Imhof ist Informationsbeauftragte des Präsidialdepartements Basel-Stadt und als solche für die öffentlichen Auftritte des Basler Regierungspräsidenten Guy Morin zuständig. Sie koordiniert die Informationen der verschiedenen Fachstellen und fertigt daraus zusammen mit ihm seine Reden. Anders als die meisten Ghostwriter betreut sie ihren Chef aber nicht nur gedanklich, sondern coacht ihn auch für den eigentlichen Auftritt: Dazu gehören Sprechtrainings, Stilberatung und Auswertung seiner öffentlichen Auftritte.

Das ist ein Modell der Zukunft – und es ist bitter nötig. Denn wir leben in einer Zeit, da Politiker zunehmend durch Technokraten ersetzt werden. Doch Technokraten können keine Perspektiven aufzeigen, sie können das Volk nicht erreichen und führen letztlich zu Politikverdruss. Es wäre also an der Zeit, dass die Politiker sich wieder auf ihre Qualitäten besinnen und sich gute Ghostwriter suchen, die ihre Botschaften vermitteln können. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.01.2012, 12:49 Uhr

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