Interview

«Die hiesigen Forscher dürften sich freuen»

Die Wissenschaft ist in Aufruhr, weil Grossprojekte zu scheitern drohen. SVP-Vordenker Christoph Mörgeli hat kein Verständnis: Die EU-Kooperationen hätten wenig gebracht, und nun habe man Geld übrig.

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Herr Mörgeli, täglich melden sich Rektoren, Forscher und Studenten, die die Hochschullandschaft Schweiz wegen der Einwanderungsinitiative in Gefahr sehen. Können Sie die Besorgnis nachvollziehen?
Nein, höchstens aufgrund der Panikstimmung, die jetzt verbreitet wird. Ich bin aber überzeugt, dass die Sorge sich als unbegründet erweisen wird. Und der Wille des Souveräns gilt natürlich auch für unsere Wissenschaftler.

Diese klugen Köpfe sehen das also alle falsch, und nur Sie haben den Durchblick?
Jammern und Lamentieren nützt jetzt gar nichts. Vielmehr müssen wir rasch und konstruktiv den Volkswillen umsetzen. Unsere Eigenständigkeit und unsere Selbstbestimmung dürfen uns etwas wert sein. Vielleicht verlieren wir in Brüssel ein paar Projekte, gewinnen aber an globaler Freiheit. Die langfristigen Kosten der Massenzuwanderung wären weit gravierender.

Das schleckt keine Geiss weg: Spitzenforschung braucht den internationalen Austausch, und die Einwanderungsinitiative erschwert diesen Austausch.
Natürlich muss die Wissenschaft international vernetzt sein. Aber international heisst ja nicht einfach nur EU. Dank dem Volksentscheid richtet sich die Schweizer Forschung jetzt möglicherweise erst richtig weltweit aus. Das ist gut so. Seit wir bei den EU-Programmen mitmachen, ging übrigens nie mehr ein Nobelpreis in die Schweiz.

Die Ausbildung von Nobelpreisträgern dauert wohl etwas länger als die 12 Jahre, seit denen die Schweiz die Personenfreizügigkeit mit der EU hat.
Aber einen Hinweis ist es allemal wert. Man muss doch sehen, dass die EU-Programme vielfach auch politische Absichten verfolgen und wissenschaftliche Entwicklungshilfe mit einschliessen. Wer von der EU Geld will, bildet darum am besten eine Forschungsgruppe mit Rumänien oder Bulgarien.

Sie wollen die Gelder, die bisher in europäische Bildungsprojekte investiert wurden, in Schweizer Projekte stecken. Woran denken Sie konkret?
Es gibt grossartige Projekte an der Uni Zürich, wie beispielsweise am Zentrum für Neurowissenschaften, mit der Vision, dereinst querschnittgelähmte Menschen zu heilen. Wir können auch den Nationalfonds aufstocken, der über grosse Erfahrung und einen anerkannten Leistungsausweis verfügt. Die hiesigen Forscher dürften sich freuen, wenn sie erst merken, dass unsere Investitionen nicht mehr den Umweg über Brüssel nehmen, wo viel Geld in der Bürokratie verdampft.

ETH-Präsident Patrick Aebischer erklärte jüngst, dass die Schweiz für jeden in ein kompetitives EU-Projekt investierten Franken 1.50 Franken zurückbekommen habe.
Niemand sagt, dass alle EU-Projekte schlecht sind. Im aktuellen 7. Forschungsprogramm bezahlte die Schweiz allerdings 2,45 Milliarden Franken, und bisher sind erst 1,56 Milliarden zurückgeflossen. Wird die EU in zehn Jahren überhaupt noch zahlungsfähig sein? Bereits heute sind ja viele EU-Länder hoch verschuldet oder faktisch bankrott.

Die Weiterführung des Erasmus-Programmes ist in der Schwebe. Erachten Sie den heutigen Ausländeranteil unter den Studierenden als zu hoch?
Ganz klar, solche Rückmeldungen kriege ich auch von Studierenden. Unsere Hochschulen werden überschwemmt mit ausländischen Studierenden, denn die Maturitätsquoten sind ja in allen umliegenden Ländern deutlich höher. Das finanzieren die Schweizer Steuerzahler.

Aber wenn der deutsche ETH-Physiker besser qualifiziert ist als sein Schweizer Konkurrent, dann sollte er den Posten bekommen, nicht?
Sicher. Gegen Exzellenz habe ich gar nichts, wirkliche Leistungsträger sind immer willkommen. Nur frage ich mich, ob alle Berufungen in wichtige Positionen an unseren Unis wirklich wegen überragender Leistungen und nicht auch oft wegen gut funktionierender Netzwerke erfolgt sind. Ich kenne hervorragende Schweizer Nachwuchskräfte im Ausland, die bis jetzt vergeblich auf eine Rückberufung in die Schweiz hoffen.

Wie wollen Sie die exzellenten Studenten künftig in die Schweiz locken?
Indem wir auf Qualität statt auf Masse setzen. Indem wir die Türe für die wirklich Besten offen halten. Die kommen vielleicht nicht nur aus dem EU-Raum, sondern auch aus Kanada, Indien oder Japan.

Bildung gilt gemeinhin als einziger Rohstoff, den die Schweiz hat. Was tut Ihre Partei eigentlich dafür, dass das Land diesen Rohstoff bestmöglich nutzen kann?
Wir setzen konsequent auf Leistung, und zwar auf allen Stufen. Die SVP tritt hemmenden Entwicklungen in unserer Bildung entgegen, etwa dem Larifari-Geist der Achtundsechziger und der einseitigen Ausrichtung auf die EU. Die Primarschule muss wieder in erster Linie die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln. Das duale Berufsbildungsmodell ist beizubehalten. Ins Gymnasium sollen die besten 20 Prozent, nicht mehr. Und an unseren Hochschulen sollten wir das Bologna-Modell überdenken, denn es führte hauptsächlich zu Bürokratie, Massenabfertigung und Nivellierung nach unten. Unsere Partei ist bereit, für eine gute Bildung das nötige Geld zu sprechen. Doch Bildung und Forschung sind nicht nur eine Frage des Geldes, sondern in erster Linie der Qualität. Es sind wenige, die geistig wirklich Überragendes leisten und unsere Welt voranbringen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.02.2014, 11:22 Uhr

Christoph Mörgeli (*1960) ist SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker. Er studierte, promovierte und habilitierte an der Uni Zürich. 2001 wurde er dort zum Titularprofessor ernannt (Professor mit Lehrauftrag, aber ohne Anspruch auf einen Lehrstuhl). Seine Anstellung wurde im September 2012 gekündigt. (lsch) (Bild: Keystone )

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