Eine Solidarität, die verblüfft

Die Schweizer spenden weiter viel Geld für Syrer und Syrien. Hilfsorganisationen staunen.

Nach Bombardement verletzter Junge im syrischen Douma. (13. Januar 2018)

Nach Bombardement verletzter Junge im syrischen Douma. (13. Januar 2018) Bild: Keystone

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Vor sieben Jahren gabs in Syrien die ersten Proteste gegen den Diktator – worauf Bashar al-Assad die Demonstranten in den Würgegriff nahm. Der Konflikt wurde härter, die Opposition bewaffnete sich, zersplitterte, der IS breitete sich aus, es gab Häuserkämpfe, Flüchtlingstrecks machten sich auf den Weg, Russen und Amerikaner warfen ihre Bomben.

Heute hat Assad die Kontrolle weitgehend zurück, aber das Land liegt in Trümmern. Zirka 500’000 Menschen starben im Bürgerkrieg, elf Millionen mussten fliehen. Syrien gilt vielen als gescheiterter Staat, bereits 2013 berichtete der «Spiegel» über Syriens «verlorene Generation». Das chronische Elend und die jüngsten Gefechte sind nicht mehr im Fokus der Medien.

Bilder: Eine halbe Million Tote seit Kriegsbeginn

Die Schweizer Spender haben die Syrer dennoch nicht vergessen. Das zeigt eine Umfrage unter hiesigen Hilfsorganisationen. «Die Spenden für die syrischen Kriegsvertriebenen sind in all den Jahren nie gesunken», sagt der Sprecher der Caritas – «eine keineswegs selbstverständliche Konstanz.» 2017 hat die Caritas vier Millionen Franken für Syrer gesammelt, derselbe Betrag wie in den Jahren zuvor. Positiv ist das Bild auch beim Schweizer Ableger der Unicef: Die Spenden zugunsten syrischer Flüchtlingskinder seien seit 2013 linear gewachsen. «Die Solidarität der Schweizer Spender für die syrischen Kinder ist ungebrochen. Die Spendenbereitschaft hat nicht abgenommen», erklärt die Hilfsorganisation.

Terre des Hommes sammelte deutlich weniger Geld für Syrer als 2016, hatte 2017 allerdings auch keine Werbung mehr für ihre Syrien-Hilfe gemacht. Dennoch gingen noch immer zirka 200’000 Franken ein. «Dass 2017 trotzdem noch viele Spenden für die Syrien-Krise eintrafen, bedeutet, dass es viele Personen gab, die bewusst zu diesem Thema spenden wollten, ohne daran erinnert zu werden», sagt eine Sprecherin. Die Syrien-Spender hätten im Durchschnitt zudem höhere Beträge überwiesen als 2016.

2017 als Wendepunkt?

Dass die Spendebereitschaft weiterhin hoch bleibt, hat für Georg von Schnurbein verschiedene Gründe. Schnurbein ist Wirtschaftsprofessor der Unversität Basel mit Spezialgebiet Philanthropie. Viele Non-Profit-Organisationen hätten ihre Arbeit auf den Nahen Osten konzentriert, weshalb sie sich dort stärker als anderswo engagierten – auch mit Sammelkampagnen.

Zudem sei die mediale Aufmerksamkeit für Syrien noch immer vergleichsweise gross. Und die Flüchtlingskrise spiele ebenfalls eine Rolle, sagt Schnurbein. Syrien-Spenden gälten als «wesentlicher Teil zur Bewältigung der Flüchtlingskrise.» Und da sei, «natürlich», die offensichtliche Ohnmacht der Syrer, die zum Spielball der nationalen und internationalen Mächte geworden seien. Das mache die Schweizer noch immer betroffen: «Ohne diese emotionale Komponente wäre das Spendenaufkommen viel geringer.»

Zur Weihnachtszeit hatte SVP-Nationalrat Erich Hess die Schweizer aufgerufen, kein Geld mehr ins Ausland zu spenden.

Für den Schweizer Spendemarkt könnte sich das Jahr 2017 als wegweisend herausstellen (eine Gesamtübersicht ist diesen Sommer zu erwarten). Seit die Stiftung Zewo Buch führt, haben die Schweizer nie mehr Geld gespendet als in den Jahren 2015 und 2016. Weil die Spenden von 2015 zu 2016 jedoch nach zehn Jahren kontinuierlichen Anstiegs erstmals zurückgingen, stellt sich die Frage, ob der Plafond erreicht wurde, ob der Schweizer Spendemarkt nun gesättigt ist.

Zur Weihnachtszeit hatte SVP-Nationalrat Erich Hess die Schweizer aufgerufen, kein Geld mehr ins Ausland zu spenden. Die staatliche Entwicklungshilfe sei üppig genug. Dass das – Spende-Plafond hin oder her – schwerlich Volkes Wille ist, legt die Evaluation der jüngsten Syrien-Spenden nahe. Der Aufruf werde wohl bloss jene angesprochen haben, «die sowieso schon nicht spenden», vermutet Experte Schnurbein. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2018, 10:26 Uhr

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