Essen für andere

Foodporn war gestern. Heute filmt man sich beim Essen – via Webcam.

So sieht soziales Essen aus: Diese Dame lässt andere an ihren Nudeln teilhaben.

So sieht soziales Essen aus: Diese Dame lässt andere an ihren Nudeln teilhaben. Bild: Screenshot Youtube/blndsundoll4mj

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Eigentlich ist es ja eine Unsitte, vor dem Computer zu essen – eine ungesunde noch dazu: Wenn man gedankenlos Nahrung zu sich nimmt, fühlt man sich weniger schnell satt, isst entsprechend mehr und kultiviert so früher oder später eine Wampe. Essen vor dem Computer ist aber auch unhygienisch. Die Finger hinterlassen fettige, klebrige oder farbige Spuren auf der Tastatur, und Essensreste verschwinden zwischen den Tastenschluchten, wo sie möglicherweise ein neues Leben beginnen.

Vor allem aber gilt Essen vor dem Computer als asozial. Ausser, man isst vor dem Computer und lässt andere, die ebenfalls irgendwo vor dem Computer sitzen, dabei zusehen. Dann gilt das als sozial, zumindest auf dem Live-Streaming-Portal Twitch. Normalerweise kann man dort anderen Usern beim Videospielen zusehen – neuerdings aber auch beim Essen. Vor zwei Wochen hat Twitch die Rubrik «Social Eating» eingeführt.

Ronaldo unter den sozialen Essern verschluckt sich

Man hält also nicht mehr nur stilllebenmässig fest, was man isst, sondern zeigt gleich auch noch, wie man es isst. Das wäre dann sozusagen «Foodporn Volume 2». Die Zuschauer haben die Wahl zwischen Livestream und Videos. Gerade eben isst zum Beispiel Gorgeous_Gamer ein «American Light Breakfast», und rund 300 Zuschauer sind live dabei. Es gibt knuspriges Brot mit Feigenkonfitüre und Tee aus einer M&Ms-Tasse.

Gorgeous_Gamer, eine junge Frau mit dunklem Pony, Hornbrille, rotem Lippenstift und T-Shirt mit Kirschenpaar, quasselt ununterbrochen mit vollem Mund, was dazu führt, dass sie sich regelmässig am Brot verschluckt. Sie reagiert auf Fragen von Usern, die sich via Chat einklinken. Jemand fragt, ob sie Sportautos möge. Sie sagt nein, die seien ihr zu tief, und ausserdem verbrauchten die viel zu viel Benzin. Jemand anderes will wissen, ob ihr schon mal jemand gesagt habe, sie sehe aus wie eine Lippenstift-Lesbe. was sie ebenfalls verneint. Kurz darauf wird sie leicht überheblich und sagt, sie sei die bekannteste Streamerin bei Social Eating. Sie sei sozusagen der Ronaldo unter den sozialen Essern.

Wettessen, Junkfood und Füttern verboten

Tatsächlich generiert sie deutlich mehr Zuschauer als die übrigen hier. Bei einem Livestream schauen nur sechs Personen zu. Im Bild zu sehen ist ein Twix, aber niemand, der es isst. Nicht so knackig. Bei Stream nebenan, «Eating ramen and drinking cold brew (gotta go to the store tomorrow)» ist es auch nicht spannender, denn der junge Mann isst und trinkt nicht wie versprochen, sondern spielt ein Videospiel. Vermutlich hat er bei Twitch den falschen Kanal erwischt.

Nicht alles ist im «Social Eating»-Kanal erlaubt: Man darf sich beispielsweise nicht mit Alkohol zudröhnen, Wettessen sind auch nicht erlaubt, genau wie gegenseitiges Füttern. Eigentlich wäre auch kein Junkfood erlaubt. Die Frage ist nur, in welche Kategorie die Chips fallen, die StarGirll, eine junge Frau mit rotem Lippenstift, aktuell isst. Mal schauen, ob Biffy gesünder und vor allem unterhaltsamer isst. Gemäss Überschrift handelt es sich um schwedische Fleischbällchen und Kartoffelstock. Leider erkennt man davon nichts, denn das Videofenster ist so winzig wie eine Briefmarke.

Inzwischen ist auf der Übersichtsseite ein Stream zu sehen, «Yacht Dinner Party Korea Eastcoast», und unglaubliche 602 Personen schauen zu. Passieren tut jedoch nicht viel. Da sitzen drei junge Asiaten entspannt an einem Tisch auf dem Deck einer Yacht und unterhalten sich in nicht ganz so fliessendem Englisch, während sie mit Essstäbchen in Take-away-Behältern stochern.

Trend stammt aus Südkorea

Weshalb bei den drei Asiaten über 600 Leute zuschauen, während fast alle übrigen Streams nur knapp ein halbes Dutzend Zuschauer generieren, liegt vermutlich daran, dass Essen vor laufender Kamera in Südkorea ein riesiger Trend ist, wie verschiedene Computermedien berichten. Dort wird das Ganze nicht «Social Eating» genannt, sondern «Meokbang». Manche können sich mit dem öffentlichen Essen problemlos ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Meokbang-Videos auf Youtube werden teilweise weit über 200'000-mal angeklickt.

Bei manchen geht es offenbar darum, möglichst schmatzend zu essen oder besonders viel oder besonders ungesund. Einer hat sich offenbar auf Desserts spezialisiert und putzt in wenigen Minuten eine ganze Torte weg. Eine andere flüstert in ihren Meokbang-Videos jeweils; vermutlich, weil man so besser ihre Schmatzgeräusche hört.

Was daran reizvoll sein soll, anderen beim Essen vor dem Computer zuzusehen, erschliesst sich ungeübten Augen nicht auf Anhieb. Im Fokus einer Webcam sieht schliesslich selten jemand attraktiv aus, schon gar nicht während des Essens. An den Gesprächen zwischen den Social Eatern und den Chat-Usern kann es auch nicht liegen. Die Inhalte sind noch viel banaler als die Gespräche an einem durchschnittlichen Mittagstisch in der Kantine. Aber vielleicht fühlt es sich ein bisschen weniger asozial an, wenn man beim Essen vor dem Computer jemand anderem beim Essen vor dem Computer zusehen kann. Alles andere ist offenbar Beilage. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.07.2016, 21:36 Uhr

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