Hintergrund

«Vielleicht wars keine Demenz, sondern eine Altersdepression»

Er leide «an der ausweglosen Krankheit A.», so Gunther Sachs in seinem Abschiedsbrief. Kann man Alzheimer an sich selber diagnostizieren? War Sachs' Kopfschuss ein symbolischer Akt? Neurologe Luka Kulic mit Antworten.

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Gunter Sachs hat «durch die Lektüre einschlägiger Publikationen» Alzheimer an sich selbst diagnostiziert. Kann man das überhaupt?
Es gibt schon gewisse Symptome, die auf eine beginnende Demenz hinweisen können. Aber gerade eine Störung des Kurzzeitgedächtnisses, wie sie Gunter Sachs bei sich offenbar feststellte, kann auch bei anderen – eventuell gut behandelbaren – Krankheiten typischerweise vorkommen. Zum Ausschluss alternativer Ursachen ist allerdings eine umfangreiche Diagnostik bei einem Arzt unumgänglich.

Wie lange dauert es bei einem Alzheimerpatient von ersten Gedächtnisstörungen bis zur Unzurechnungsfähigkeit?
Das ist sehr verschieden. Bei einem schnellen Verlauf unter Umständen wenige Jahre. Aber auch längere Verläufe von 10 Jahren und mehr sind möglich.

Dann hat Sachs überreagiert?
Das ist sicher so. Nur schon, weil er die Diagnose selbst gestellt und keinen Arzt aufgesucht hat. Denn wer weiss: Vielleicht litt er nicht unter einer Demenz, sondern unter einer Altersdepression. Eine Depression in höherem Alter muss sich nicht unbedingt in «klassischen» Symptomen wie Traurigkeit äussern. Manchmal stehen ganz andere Symptome wie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme im Vordergrund. In diesem Zusammenhang spricht man auch von «Pseudodemenz».

Kann Demenz Auslöser für einen Suizid sein?
Demenz scheint nicht auffallend häufiger mit Suizid verbunden zu sein. Man geht aber davon aus, dass in frühen Stadien der Krankheit, insbesondere bei erhaltener Einsichtsfähigkeit, das Suizidrisiko leicht erhöht ist. Auch eine depressive Entwicklung im Rahmen der Demenzerkrankung kann mit einem höheren Suizidrisiko vergesellschaftet sein. Im Allgemeinen dürfte allerdings die Tatsache, dass Alzheimerpatienten sich selbst oft nicht als krank wahrnehmen – ein häufiges Merkmal der Erkrankung – eher Suizid-verhindernd sein.

Gunter Sachs war Mathematiker. Spielt eine hohe Bildung auch eine Rolle beim Suizidwunsch von Demenzkranken?
Möglicherweise, weil eine solche eventuell dazu führt, dass man sich umfassender (z. B. im Internet) über Symptome und den Verlauf der Krankheit informiert. Dies kann allerdings auch dazu führen, dass man sich – wie im Falle von Herrn Sachs offenbar geschehen – eine vorschnelle Meinung über die eigenen Symptome bildet. Und wie gesagt: Dass Herr Sachs an Demenz erkrankt war, ist nicht klar.

Angenommen, er war es: Wie geht man mit einem solchen Menschen um?
Wenn die Alltagsaktivitäten relevant eingeschränkt sind, beginnt man mit einer Therapie - mit Medikamenten, die den Verlauf der Krankheit etwas verzögern und das Gedächtnis über eine gewisse Zeit stabilisieren.

Also hatte Sachs Recht, wenn er sagt, dass die Krankheit ausweglos ist?
Zurzeit gibt es nur eine symptomatische Therapie, die den Verlauf der Krankheit, also den Gedächtnisverlust, um zirka ein Jahr verzögert. Unsere Hoffnung ist aber, dass man in den nächsten Jahren den Verlauf mit neuen vielversprechenden ursächlichen Therapieverfahren massgeblich beeinflussen kann.

Gunter Sachs’ Suizid wurde auch als heroischer und konsequenter Akt aufgenommen. Haben Sie dafür Verständnis?
Nun, es war seine individuelle Entscheidung. Aber als Arzt kann ich diesen Suizid natürlich nicht befürworten. Wir haben viele demente Patienten, die durchaus noch einige erfüllte Jahre vor sich haben. So wäre es eventuell auch bei Herrn Sachs gewesen, angenommen er war denn wirklich an einer Demenz erkrankt.

Hätte er auch die Hilfe von Exit in Anspruch nehmen können?
In der Schweiz ist das unter bestimmten Umständen theoretisch möglich. Aber wir unterstützen das natürlich nicht.

Sachs schoss sich eine Kugel ins Gehirn. War das ein symbolischer Akt, ist eine solche Todesart typisch für Suizide von Dementen?
Dazu gibt es keine ausreichenden Studien. Was man weiss: Gewaltsuizide werden eher von Männern vollführt. Bei Frauen sind Suizide mit Tabletten häufiger. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.05.2011, 15:34 Uhr

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Luka Kulic ist Neurologe am Universitätsspital Zürich.

Der Abschiedsbrief im Wortlaut

«In den letzten Monaten habe ich durch die Lektüre einschlägiger Publikationen erkannt, an der ausweglosen Krankheit A. zu leiden.

Ich stelle dies heute noch in keiner Weise durch ein Fehlen oder einen Rückgang meines logischen Denkens fest - jedoch an einer wachsenden Vergesslichkeit wie auch an der rapiden Verschlechterung meines Gedächtnisses und dem meiner Bildung entsprechenden Sprachschatzes. Dies führt schon jetzt zu gelegentlichen Verzögerungen in Konversationen.

Jene Bedrohung galt mir schon immer als einziges Kriterium, meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich habe mich grossen Herausforderungen stets gestellt. Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben, wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.

Ich danke meiner lieben Ehefrau und meiner engsten Familie sowie meinen in tiefer Freundschaft verbundenen Weggefährten, mein Leben wundervoll bereichert zu haben.»

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