Hässliche Retter

Reduzieren oder untergehen: Die Welt muss den CO2-Ausstoss zurückfahren. Dafür brauche es neue AKW, sagt Steven Pinker. Schweizer Politiker möchten lieber nicht.

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2019 wird kein Jubeljahr für die Schweizer Atomwirtschaft, denn das Kernkraftwerk Mühleberg wird heuer abgeschaltet.

Mühlebergs Ende ist Teil eines Niedergangs, der vor 50 Jahren mit einem Knall begann – als der Reaktor Lucens am 21. Januar 1969 überhitzte und explodierte. Das welsche Versuchskraftwerk wurde abgeschaltet, bevor es den Betrieb richtig aufnehmen konnte. An der Euphorie ums gespaltene Atom änderte das erst noch wenig, Bundesbern liess Reaktoren in Beznau, Gösgen, Leibstadt und Mühleberg ans Netz. Doch mit den Unfällen von Three Mile Island und Tschernobyl wuchs die Anti-AKW-Bewegung, und nach Fukushima suchte Doris Leuthard den Ausstieg. Sie wurde an der Urne bestätigt. Schweizer AKW schaffen es mittlerweile nur noch mit Mängelberichten in die Schlagzeilen.

International ist die Lage weniger klar. China plant gerade 40 neue Atomkraftwerke. Die Russen planen 26, die Inder 19, die US-Amerikaner 16 neue AKW. Und auch die Finnen, Briten, Franzosen und Kanadier planen neue Reaktoren oder bauen sie bereits. Die Chinesen experimentieren mit der Technologie des «Schnellen Brüters», die USA mit Minireaktoren, die billiger und sicherer werden sollen als ältere AKW. Bei den nun in Europa geplanten Reaktoren sei eine Kernschmelze alle 500’000 Jahre zu erwarten, sagte ETH-Atomexperte Wolfgang Kröger in der NZZ.

Zuverlässiger Stromlieferant

Der Hitzesommer 2018 zeigte die Dringlichkeit der Klimakrise. In der Schweiz verdorrten Felder, Fische verendeten tonnenweise, Kühe wurden notgeschlachtet. Die Klimakonferenz von Katowice machte einen geradezu panischen Eindruck. «Die Welt brennt», sagte eine Vertreterin des WWF. Die Botschaft war alt, doch der Ton schrill wie nie: Der CO2-Ausstoss muss runter, und zwar schnell. Wie schwierig das wird, zeigt der Aufstand der Gelbwesten in Frankreich, der sich an einer Benzinverteuerung entzündete.

Und so wird der Atomstrom für manche wieder attraktiv. Einmal in Betrieb gesetzt, verursachen AKW keine CO2-Emissionen. Werden vorgelagerte Prozessketten einberechnet – Urangewinnung, Brennstoffherstellung –, trübt sich das Bild: Die CO2-Bilanz des Atomstroms ist oft schlechter als jene der erneuerbaren Energien. Dazu kommt das ungelöste Problem der Endlagerung. Allerdings ist Atomstrom deutlich sauberer als Kohle oder Gas. Und AKW liefern zuverlässiger als heutige Solarpanels oder Windparks.

Deshalb hat die Atomenergie auch nach Fukushima noch ihre Fürsprecher. So sagte jüngst Harvard-Professor Steven Pinker:

«Die erneuerbaren Energien sind nicht so weit, dass wir uns komplett auf sie verlassen könnten. Und Batterien, die ihre Energie speichern, gibt es auch noch nicht. Aber wir können nicht darauf warten. Dafür fehlt uns die Zeit.»

Pinkers Kalkül ist einfach. Seiner Meinung nach müssen wir das Problem der Endlagerung vertagen und das unwahrscheinliche Risiko eines AKW-Unfalls eingehen, um das wahrscheinliche Risiko des Klimakollapses abzuwenden.

Krasse Wachstumsraten

Damit stösst Pinker bei der Linken auf klare Ablehnung. «Auf die veraltete Kernenergie zu setzen, wäre ein fataler Fehler und Rückschritt», sagt SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. An das absolut sichere AKW glaube sie nicht. Zudem: «Ich finde auch, dass es zu langsam vorwärtsgeht mit den neuen erneuerbaren Energien! Aber das hat politische Gründe, die Technologien sind schon längst so weit.»

Auch der grüne Nationalrat Bastien Girod ist hinsichtlich der Erneuerbaren zuversichtlicher als Fortschrittsoptimist Pinker. «Die Windenergie kann heute global 5 Prozent des Strombedarfs decken und wächst mit 10 Prozent jährlich. Die Sonnenenergie deckt über 2 Prozent ab mit Wachstumsraten von fast 30 Prozent jährlich. Der AKW-Strom deckt etwa 11 Prozent ab und stagnierte in den letzten 15 Jahren.» Falls die Wachstumsraten weiter derart hoch bleiben, könnte der heutige Strombedarf der Welt bereits 2036 mit Solarstrom gedeckt werden, so Girods Berechnung.

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2050 muss der CO2-Ausstoss bei null sein, damit die Erwärmung in verkraftbaren Rahmen bleibt. Dies ist das Ziel der Pariser Klimakonferenz. Girod rechnet mit einem Abflauen des Wachstums der Erneuerbaren – aber auch damit, dass dennoch bereits 2030 weltweit mehr Solar- als Atomstrom produziert wird.

«Super-GAU im Hinterkopf»

Alfred Heer lieferte sich jüngst auf TeleZüri mit Girod ein giftiges Klima-Duell. Der SVP-Nationalrat bleibt skeptisch. «Wind- und Solarenergie sind nur dann verfügbar, wenn die Natur es will.» Eigentlich sollte man alte Kernkraftwerke durch die neuste Technologie ersetzen. Doch dafür sind heute Heer zufolge die Voraussetzungen nicht gegeben. Und selbstverständlich habe auch die Kernkraft grosse Nachteile. Die Lagerung der radioaktiven Abfälle sei problematisch. «Und ein Super-GAU ist halt trotz allem immer im Hinterkopf, sogar bei mir als eigentlichem Befürworter.»

Einigermassen resigniert reagiert auch Christian Wasserfallen auf Pinkers Vorstoss. Der FDP-Nationalrat trauert der verlorenen Abstimmung über die Energiestrategie nach. Sie bedeute letztlich eine Umstellung auf Gaskraftwerke, sei ein Rückschritt ins fossile Zeitalter. Das sei hoffentlich allen bewusst gewesen.

Ein Drittel muss kompensiert werden

Dem Beispiel Mühlebergs sollen die übrigen AKW folgen. Die Schweiz hat sich mit dem Atomausstieg eine gewaltige Aufgabe aufgebürdet: Ein Drittel des hier produzierten Stroms stammt heute aus den fünf Atomkraftwerken. Dieses Drittel muss kompensiert werden. Und das, ohne dass sich dabei der CO2-Ausstoss erhöht.

Wie man auch zur Atomenergie steht: Falls der Strom knapp wird, ist jedenfalls zu hoffen, dass hiesigen Politikern Schlaueres einfällt als Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm. Dieser empfahl jüngst, in Laufenburg, wo die Stromnetze Frankreichs, Deutschlands und der Schweiz zusammenkommen, notfalls etwas abzuzwacken.


«Es kann noch besser werden» Harvard-Professor Steven Pinker im Gespräch. (Bild: Keystone)


(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.01.2019, 11:39 Uhr

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