«Hier vollgetankte russische Panzer, da hungernde ukrainische Soldaten»

Igort, preisgekrönter Comic-Künstler, Musiker, Essayist, hat über die Ukraine eine Comicreportage gemacht. Er kennt die historische Spaltung der Bevölkerung und ihre Not heute. Und fordert vom Westen Taten.

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Täglich skypen Sie mit Ihren Freunden in Odessa, Melitopol, in der Ostukraine. Wie geht es ihnen?
Sehr schlecht. Schon vor dem Krisenbeginn befand sich das Land in einer totalen Misere. Jetzt gesellen sich zur Armut Angst und Verzweiflung; eine Freundin in Odessa erzählte mir beispielsweise, dass sie zu panisch ist, um hinauszugehen, um Lebensmittel zu besorgen. Und über den Familien hängt der Schrecken der Einberufung: Viele junge Männer werden aufgeboten, und das ukrainische Parlament hat die Strafe für Verweigerung just drastisch angehoben: auf acht Jahre! Dabei will ein grosser Teil der Einberufenen nicht kämpfen, nicht in einen Bürgerkrieg ziehen; und die Armee hat ohnehin Mühe, ihre Soldaten zu verpflegen. Es obliegt den Familien, ihre Soldaten zu versorgen; zum Teil klopften die Soldaten in ihrer Verzweiflung an Türen von Bauern. Es ist ein völliger Irrsinn: hier russische, vollgetankte Panzer und gut ausgerüstete Soldaten, dort hungernde ukrainische Kämpfer und Fahrzeuge ohne Sprit. Und Europa schläft.

Europa schläft?
Die Sanktionen sind verlogen; schliesslich bangen alle ums russische Gas. Verhandlungen sind gut und schön, aber wir sollten auch ehrlich sein und uns nicht blind geben. Es ist doch klar: Putin geht es um geopolitische Interessen und um wirtschaftliche Erfolge, mit denen er seine Eliten gefügig hält; er kann keine starke, westliche Ukraine gebrauchen – allerdings auch keinen offenen Streit mit dem Westen. Also schickt er «heimlich» Soldaten und Tanks – ich selber habe über die Abzeichen auf den Tanks geschrieben, die sie als kaukasisch ausweisen. Russische Soldaten berichten auf Facebook von ihren Erlebnissen in der Ukraine, und Putin tut so, als sei man nie da gewesen. Das ist doch unglaublich! Er praktiziert die alte Taktik der Old-Style-Desinformation, die in den Fünfzigern gepflegt wurde, als es noch kein Internet gab. Und der Westen ist fassungslos, schaut hilflos zu, hat keinen Plan, hangelt sich von Tag zu Tag.

Was könnte Europa tun?
Ich sage nur: Die Ukraine bittet doch um Hilfe, auch um militärische Hilfe. Wenn die Ukraine russisch würde, wäre dieses Grossreich ganz nah an Europa herangerückt, würde Polen berühren. Das wäre eine grosse Bedrohung für uns, nicht nur ein Desaster für die Ukraine! Wladimir Putin braucht den Sieg für den Machterhalt. Aber wie erhält Europa die eigene Sicherheit? Ich habe russische Freunde, die leider auch mit diesem «Wir sind wieder wer»-Triumphgefühl herumlaufen und zudem meinen, dass es in Wahrheit gar keine Ukraine gibt, was in Russland ja gern propagiert wird. Ich finde es wichtig, dass wir die Geschichte von der Ukraine und Russland thematisieren: Dort, im Holodomor, entstand der Knacks, der nun durch die Nation geht.

Stalin hat in den Jahren 1932 und 1933 eine Hungersnot unter der ukrainischen Bevölkerung orchestriert. Mehrere Millionen Menschen starben.
Stalin hat damals das gesamte Getreide beschlagnahmt und damit die Industrialisierung bezahlt. Ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung starb, es kam zu Kannibalismus, Kinder wurden ermordet und gegessen und die Bevölkerungsregister verbrannt. Danach wurden rund 2 Millionen Russen besonders im Osten der Ukraine angesiedelt. Stalin hat die Identität des ukrainischen Volkes abgestritten, hat sie zu verwässern versucht, und heute gibt es dort zwei Sprachen, zwei Kulturen. Und es gibt tatsächlich russische Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts, die etwa die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Sprache leugnen – Strategien aus der Stalinzeit.

Wie geht die Bevölkerung damit um?
Ich kenne Familien, in denen die Mutter Ukrainisch spricht und der Vater Russisch: Das war nie ein Problem. Auch in der Ostukraine, wo etliche meiner Freunde russische Namen tragen, fühlen sich die meisten zu 100 Prozent ukrainisch, zahlen ukrainische Steuern, wollen Ukrainer sein ...

Das sah aber bei der Volksabstimmung auf der Krim ganz anders aus.
Schon. Aber man kann nicht von einer freien Abstimmung sprechen, wenn überall Bewaffnete herumstehen. Meine Freunde auf der Krim, wo ich ja selbst lange gelebt habe, erzählten mir von der Situation am Wahltag. Wenn du Angst hast, wenn eine latente Bedrohung herrscht, wenn du verzweifelt und sogar hungrig bist, dann kannst du nicht unabhängig und frei entscheiden. Das ist keine demokratische Ausgangslage. Und für die Ostukraine gilt das noch viel mehr! Ich möchte darum dem kleinen Mann eine Stimme geben, der nie gehört wird und auf dessen Kosten Politik gemacht wird. Hier, und früher bei den Tschetschenen, die jetzt eine Marionettenregierung haben.

Man hat Sie gebeten, in der Ukraine als Beobachter für die Wahlen Ende Mai zu fungieren.
Das überlege ich noch; der Schokolade-Oligarch wird sowieso gewinnen. Jedenfalls sammle ich Material für einen neuen Bericht über die Ukraine.

Den Band «Berichte aus der Ukraine» publizierten Sie 2010 und «Berichte aus Russland» mit einem Blick auf die Ukraine 2011: Sie konstatieren da auch eine Spannung zwischen dem Entsetzen vor dem Holodomor und der Sowjetnostalgie.
Der Holodomor ist der Grund für die Zweiteilung der Ukraine in einen russischen und einen westlichen Teil. Es gibt in dieser Nation einen grossen Schmerz. Auf der anderen Seite ist da der Schock der postsowjetischen Gesellschaft. Ich habe zwei Jahre lang, bis 2010, in der Ukraine und in Russland gelebt und besuche beide Länder seither häufig. Ursprünglich hatte ich ja, als grosser Tschechow-Fan, über Tschechow arbeiten wollen, besonders über seine letzten Jahre auf der Krim in seinem Weissen Haus; für diese Recherchen war ich eingereist. Aber je länger ich dort war, desto mehr wurde ich von diesem allgegenwärtigen Gefühl der Verzweiflung aufgesogen.

Verzweiflung in der Ukraine?
Es war ein Zweite-Welt-Land: Alles sah aus wie in Europa, kostete so viel wie in Europa, aber die Löhne betrugen nur einen Bruchteil europäischer Löhne. Ein Kopfhörer fürs Skypen kostete etwa 60 Euro – den Monatslohn einer Krankenschwester! Die Leute lernten dort als Allererstes: Deine Wünsche werden nicht erfüllt; vermutlich nie. Also sei bescheiden. Selbstdisziplin und Selbstbeschränkung sind dort aus der Not geborene Tugenden, die mich im Übrigen sehr beeindruckt haben. Was braucht man wirklich? In Wahrheit nicht so furchtbar viel. Diese Erlebnisse zwangen mich dann, mit meinem Tschechow-Buch aufzuhören. Das ging einfach nicht. Ich musste hinausgehen, auf die Strassen, Menschen wie dich und mich befragen und die ukrainische Geschichte aus ihrer Sicht erzählen.

Das haben Sie auf schrecklich schöne Weise getan, egal ob Sie Zeugen der Hungersnot sprechen lassen, Tschernobyl-Opfer oder Verarmte der postsowjetischen Zeit.
Die russische Avantgarde, besonders Rodtschenko mit seinem Faible für verschiedene Materialien, hat mich geprägt. Aber wie auch immer ich den Mix von Wort und Bild gestalte: Ich befürchte Schlimmstes für die Menschen in der Ukraine und will Zeugnis ablegen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.05.2014, 15:44 Uhr

Igort, mit bürgerlichem Namen Igor Tuveri, wurde 1958 auf Sardinien geboren. Sein Vater, ein Komponist, liebte russische Musik, und seine Mutter machte ihn mit Puschkin vertraut. Igort ist Zeichner, experimenteller Comic-Künstler, Essayist, Verleger und Musiker, lebt in Paris und auf Sardinien.
Seine Werke wurden in vielen Sprachen und überall auf der Welt publiziert; in Deutschland erhielt Igort u. a. einen Preis für den «Comic des Jahres» an der Frankfurter Buchmesse 2003 für «5 ist die perfekte Zahl».
Im Reprodukt-Verlag erschienen die beiden Comicbände «Berichte aus der Ukraine» (2011) und «Berichte aus Russland» (2012).

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