Riesenbetrug beim «Spiegel»

Ein Reporter des Nachrichtenmagazins hat preisgekrönte Beiträge erfunden oder teilweise gefälscht.

Aufgeflogen: «Spiegel»-Reporter Claas Relotius hat Berichte gefälscht.

Aufgeflogen: «Spiegel»-Reporter Claas Relotius hat Berichte gefälscht. Bild: Golejewski/Eventpress/EPA

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«Sagen, was ist» lautet das Motto des «Spiegels», geprägt hat es Rudolf Augstein, der Gründer des berühmten Nachrichtenmagazins. Nun erschüttert einer der grössten journalistischen Betrugsfälle die Institution aus Hamburg. Redaktor Claas Relotius hat mindestens 14 seiner 60 Texte erfunden oder teilweise gefälscht.

Relotius ist nicht irgendein «Spiegel»-Autor. Der 33-Jährige galt als Nachwuchshoffnung, sein Erfolg war fast schon unheimlich. Relotius' erschütternde Berichte aus Kriegsgebieten oder Abtreibungskliniken erhielten vier Deutsche Reporterpreise. Von CNN wurde er zum «Journalist of the Year» gewählt. Seine Texte erschienen auch in anderen renommierten Titeln wie «Cicero», der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» oder im «SZ-Magazin». Mit der «NZZ am Sonntag» und der «Weltwoche» hatte Relotius auch zwei hiesige regelmässige Abnehmer.

Der Fall erinnert an den Schweizer Journalisten Tom Kummer, der in den 90er-Jahren Porträts und Interviews erfunden hatte. Wie damals Kummer ist Relotius jung und ein talentierter Schreiber, der den Betrug am Leser gar nicht nötig hätte. Im Unterschied zu Kummer, der von Magazinen später eine zweite Chance erhielt, scheint die journalistische Karriere von Relotius ein für alle Mal beendet. Statt den Fall beschämt kleinzuhalten, ging der «Spiegel» nämlich in die Offensive und veröffentlichte heute mehrere Artikel zum Fall Relotius. In einem Q&A werden die wichtigsten Fragen beantwortet: was gefälscht wurde und mit welcher Methodik. Aufgedeckt wurde der Fall «nach internen Hinweisen, eigenen Recherchen und schliesslich einem umfassenden Geständnis des Redaktors selbst». Dies, nachdem ein Co-Autor Relotius auf die Schliche gekommen war – zuerst allerdings selber als Verleumder erschien, weil Relotius «alle Angriffe, alle gut recherchierten Beweise parierte».

Für den Journalismus kommt der Fall zur Unzeit; gerade die Qualitätspresse verliert laufend Leser und versucht, diesem Trend mit besonderem Augenmerk auf faktenorientierter Berichterstattung zu begegnen. Insbesondere für den «Spiegel», der die grösste Dokumentarabteilung der Welt hat, die Texte auf Fakten überprüft, ist der Fall ein Desaster. Ein 40'000 Zeichen langer Text über Relotius, der auch heute veröffentlicht wurde, soll den Schaden begrenzen. Die Leitung des «Spiegels» will ausserdem eine Kommission einsetzen, welche die Fälschungen detailliert dokumentiert.

Relotius hat sich während seines Geständnisses erklärt. Es sei ihm nicht um das nächste grosse Ding gegangen: «Es war die Angst vor dem Scheitern – der Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer grösser, je erfolgreicher ich wurde.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.12.2018, 15:00 Uhr

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