Sie glühte für ihre Ziele

Zu Rosa Luxemburgs 100. Todestag legt der Historiker Ernst Piper eine exzellente Biografie vor.

Demonstrationen, Steuerverweigerung, Streiks – das waren Rosa Luxemburgs Mittel. Foto: Getty Images

Demonstrationen, Steuerverweigerung, Streiks – das waren Rosa Luxemburgs Mittel. Foto: Getty Images

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Wie oft kann man einen Menschen um sein Leben bringen? 1931 brandmarkte Josef Stalin die am 15. Januar 1919 von deutschen Soldaten umgebrachte Rosa Luxemburg als Feindin des einzig wahren, nämlich des sowjetischen Kommunismus. Damit, schreibt der Historiker Ernst Piper in seiner neuen Biografie, habe Stalin Rosa Luxemburg «zum zweiten Mal ermordet».

Piper meint das wörtlich. Der zweite Mord besteht nicht in der berechtigten Vermutung, dass Rosa Luxemburg den Grossen Terror in der Sowjetunion nicht überlebt hätte; er besteht in Stalins Satz. Es kommt auf die Sprache an. Auch die fanatisierten Soldaten, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Gründer der KPD, ermordeten, führten nur aus, was andere gesagt hatten.

Anders als es die Propaganda der von der SPD geführten Regierung behauptete, dachten die «Spartakisten» damals nicht an einen Putsch. Rosa Luxemburg, die immer die Ansicht vertreten hatte, eine Revolution könne man nicht «machen», sie pas­siere einfach, lehnte ihn sogar dezidiert ab.

Bücher, Aufsätze, Briefe

47 Jahre alt ist die im polnischen Zamosc als Tochter eines begüterten jüdischen Holzhändlers geborene Rosa Luxemburg geworden. Ein Hüftleiden fesselte sie als kleines Mädchen für ein ganzes Jahr ans Bett. Auch darum las und schrieb sie unentwegt. Bereits als Gymnasiastin schloss sie sich einer marxistischen Untergrundorganisation an. Ihr Biograf Piper zeichnet das sorgfältig und mit Empathie nach. Mit 17 machte Rosa als Klassenbeste das Abitur; kurz darauf floh sie vor der russischen Geheimpolizei nach Zürich und beginnt dort ihr Studium.

Studium in der Schweiz? Als Frau? Als Marxistin? Ja. Ausgerechnet die Schweiz hatte bereits 1840 Frauen zum Universitätsstudium zugelassen. In Schweizer Universitätsstädten, so der ebenfalls dort studierende Chaim Weizmann (später Israels erster Staatspräsident), trafen sich damals «die revolutionären Kräfte aus ganz Europa».

Doktorvater bestätigt

«Freiheit», lautet Rosa Luxemburgs meistzitierter Satz, «ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Ernst Piper dokumentiert, dass dieses Prinzip damals auch für die Universitäten galt. Rosa Luxemburgs Zürcher Doktorvater Julius Wolf war ein erklärter Gegner des Marxismus. Dennoch anerkannte er die Leistung seiner Doktorandin. «Der Arbeit», urteilt Wolf, «ist nachzurühmen volle Beherrschung des Gegenstandes, grosse Sorgfalt, grosser Scharfsinn.» Sie «legt Zeugnis ab ebenso von theoretischer Begabung wie von praktischem Blick».

Rosa Luxemburg hat eine schier unüberschaubare Menge von Büchern, Aufsätzen und Briefen verfasst. Es ist bewundernswert, wie viele dieser Texte Piper in seiner Biografie zitiert, erläutert und einordnet: Weiterentwicklungen der marxistischen Theorie, Auseinandersetzungen mit Funktionären, aber auch heftige Liebeserklärungen an ihren Jugendfreund Leo Jogiches, an den 15 Jahre jüngeren Kostja Zetkin oder an Paul Levi, der sie in vielen Strafverfahren verteidigte und die letzte grosse Liebe ihres Lebens war. Und auch wenn selbstverständlich nicht allen Texten die gleiche Bedeutung zukommt, so bestätigen doch so gut wie alle das zitierte Urteil ihres Doktorvaters.

Von der SPD eingespannt

Der Öffentlichkeit war Rosa Luxemburg in erster Linie durch ihre Reden bekannt, ja zur Berühmtheit geworden. Sie hatte, staunte sogar das bürgerlich-liberale «Hamburger Abendblatt», «etwas Faszinierendes in ihrem Wesen, sie verfügt über eine zündende Beredsamkeit, sie versteht es, für jede ihrer Ausführungen selbst dem nicht sozialistischen Zuhörer das regste Interesse einzuflössen, und gerade gestern wurde es dem rein objektiven Zuhörer klar, dass es einer Frau wie ihr gelingen muss, die Arbeitermassen mit sich fortzureissen».

Kein Wunder also, dass die SPD als damals mit Abstand grösste sozialistische Partei Europas Rosa Luxemburg sofort für sich einspannte, nachdem diese durch eine Scheinehe die preussische Staatsbürgerschaft erworben hatte und nach Berlin umgezogen war.

Die beiden grossen Männer der Partei, der Vorsitzende August Bebel und der Cheftheoretiker Karl Kautsky, hielten zwar, jedenfalls bis zur endgültigen Selbstdemontage der SPD 1914, stets loyal zu ihr. Doch schnell bekam die mit ihren zunehmenden Wahlerfolgen immer behäbiger und bürokratischer gewordene SPD zu spüren, welch kritischen Geist sie da in ihre Reihen aufgenommen hatte.

Für kostenlose Schulbildung

Ausführlich verfolgt Piper, wie sich Rosa Luxemburgs Grundpositionen bereits in ihrer polnischen Untergrundarbeit bildeten und sich dann weiterentwickelten – in ständiger Auseinandersetzung mit selbstgenügsamen, um ihre bürgerliche Anerkennung wie um ihre Privilegien als Abgeordnete oder Inhaber von Parteiämtern besorgten SPD-Funktionären auf der einen und mit doktrinären Bolschewisten auf der anderen Seite.

Diese Grundpositionen waren Verstaatlichung von Produktionsmitteln, Bildung von Genossenschaften, Trennung von Kirche und Staat, kostenlose Schulbildung. Wobei sie unter Bildung immer humanistische Bildung verstand; die «Internationale» sang sie so gerne wie Arien aus Mozarts «Figaro» oder die Lieder des Romantikers Hugo Wolf, und weil sie das alles laut und sogar nachts auf der Strasse sang, blieb sie auch dabei, was sie immer war: eine grosse Ruhestörerin.

Auch wenn sie ihre Genossen oft nervte: Sie war das Gegenteil einer Krampfhenne, sie glühte für ihre Ziele, und sie glaubte zu wissen, wie sie durchzusetzen waren: durch Demonstrationen, Steuerverweigerungen und Streiks. Vor allem die Überzeugung vom spontanen Massenstreik als wirksamstem politischem Instrument brachte sie immer heftiger in Konflikt mit etablierten Sozialdemokraten und um ihre Kontrolle fürchtenden Gewerkschaftlern. Individuellen Terror dagegen lehnte sie bis zuletzt vehement ab.

Gegen Nationalismus

Rosa Luxemburg glaubte, und das war zu ihrer Zeit noch nicht verkehrt, an das Proletariat als Subjekt der Geschichte. Dass das Proletariat als internationale Interessengemeinschaft agieren müsse, erschien ihr selbstverständlich. Und so kämpfte sie, prononcierter als auch die meisten Sozialisten ihrer Zeit, gegen jeden Nationalismus.

Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die SPD Rosa Luxemburgs Urteil über den Nationalismus auf eine Art bestätigt, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte. Sie dachte damals an Selbstmord, hat dann aber weiter und erbitterter denn je gegen den Nationalismuswahn gekämpft – eine Haltung, die es leicht machte, sie während des Kriegs für drei Jahre einzusperren und sie am Ende für vogelfrei zu erklären.

War Rosa Luxemburgs politisches Programm schon zu ihrer Zeit illusorisch? Ernst Piper sieht das anhand ihrer Auseinandersetzung mit Lenin differenzierter: «Rosa Luxemburg ist der lebendige Beweis dafür, dass ein Marxismus jenseits des Leninismus möglich ist. Wo Lenin Kontrolle verlangte, wollte sie Spontaneität.»

Ernst Piper: Rosa Luxemburg.Ein Leben. Karl Blessing, München 2018. 832 S., ca. 40 Fr. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.02.2019, 19:09 Uhr

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