Wenn Jahrtausend-Schätze verschwinden

Im Ägyptischen Museum waren Plünderer. André Wiese, Kurator der Tutanchamun-Ausstellung 2004 in Basel, glaubt nicht, dass nichts gestohlen wurde, wie dies die ägyptische Regierung behauptet.

Spuren der Verwüstung: Teile von nicht identifizierten Mumien in Ägyptischen Museum in Kairo.

Spuren der Verwüstung: Teile von nicht identifizierten Mumien in Ägyptischen Museum in Kairo. Bild: Keystone

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Nie werde die Öffentlichkeit wohl das genaue Ausmass der Zerstörung im Ägyptischen Museum erfahren. Davon ist André Wiese überzeugt. Der Ägyptologe hat 2004 die Ausstellung «Tutanchamun – Das goldene Jenseits» im Antikenmuseum Basel kuratiert. Die Informationen, die von Kairo nach Europa dringen, findet er äusserst widersprüchlich.

Letzten Freitag sind zwei Gruppen übers Dach ins Museum in Kairo eingestiegen. Die ehemalige Direktorin des Museums, Wafaa al-Saddik, sprach gegenüber deutschen Medien von «vielen Figuren», die auf den Boden geworfen worden seien, darunter auch Götterfiguren aus dem Schatz des Tutanchamun, des jungen Pharaos aus der 18. Dynastie (ca. 1330 v. Chr.).

Der ehemalige Direktor des ägyptischen Antikendienstes, Zahi Hawass – er wurde letzten Montag in das neu geschaffene Amt des Antikenministers berufen –, dagegen relativiert: Auf seiner Website (www.drhawass.com) schrieb er Anfang Woche, nur eine einzige Figur aus dem Tutanchamun-Schatz sei beschädigt worden. In seinem neusten Eintrag gibt er nun zu, dass rund 70 Objekte betroffen seien. Die wertvollsten aber hätten die Plünderer übersehen, nichts sei gestohlen worden. Er schreibt, er sage die Wahrheit.

3000-jährige Mumien zerstört

Der Basler Experte André Wiese nimmt Hawass nicht ab, dass die Plünderer nichts hätten mitgehen lassen. «Das Interesse der ägyptischen Regierung ist gross, den Schaden kleinzureden.» Denn Museumswächter und Polizisten seien an den Plünderungen beteiligt gewesen. Staatsangestellte also, die laut der ehemaligen Museumsdirektorin pro Monat 250 ägyptische Pfund verdienen, rund 45 Franken; der Eintritt ins Museum kostet 100 Pfund.

Zudem ist kein einziger Gegenstand des Museums versichert. Und die Alarmanlage – so wird gemunkelt – habe gar nie richtig funktioniert. Für André Wiese ein Witz: Er erinnert sich an die pingeligen Auflagen, die ihm die ägyptische Regierung gemacht hat, als er für seine Ausstellung Sarkophage, Statuetten und Zepter als Leihgabe nach Basel holte. Ein Prunkstück der Ausstellung, den vergoldeten Sarg der Tuja, Tutanchamuns Urgrossmutter, versicherte Wiese damals für 200 Millionen Franken. Und nun soll sich gerade dieser Sarg unter den Kulturschätzen befinden, die Schaden genommen haben.

Angaben zu den Gegenständen, die tatsächlich zerstört oder gestohlen wurden, kursieren auf verschiedenen Internetseiten, etwa auf der von Ägyptologen geführten Site www.osirisnet.net.

Noch noch die Sockel

Wiese hat sich Bilder von der Verwüstung im Museum angeschaut, Bilder, die abgerissene Mumienköpfe neben Knochen zeigen und Teile von am Boden liegenden Zeptern, bei denen die Goldverzierungen fehlen.

Auch Tuja und ihrem Mann Juja soll der Kopf abgerissen worden sein. Die Eheleute, seit über 3000 Jahren mumifiziert, galten als die besterhaltenen Mumien überhaupt.

Auf einigen Bildern sieht Wiese nur noch die Sockel von zwei Statuetten aus Tutanchamuns Grab: Die eine hat die Gestalt einer Raubkatze, das Symbol der Göttin Mafdet, der Schlangenvernichterin, die andere die eines Papyrusschiffs. Von den vergoldeten Figuren des Königs ist nichts zu sehen. Wiese kennt die beiden nur 60 Zentimeter grossen vergoldeten Statuetten bestens. 2004 hatte er sie für den Ausstellungskatalog besprochen. Plünderer könnten ihre Goldelemente einschmelzen. «Es tut weh, wenn ich daran denke, dass solche Kunstschätze für immer verloren sein könnten», sagt Wiese.

«Büste soll in Deutschland bleiben»

Als Demonstranten auf dem Tahrir-Platz neben dem Museum von den Plünderungen hörten, haben sie eine schützende Menschenkette ums Museum gebildet. Nun bewachen Scharfschützen der Armee den klassizistischen Bau. Auch Museen in Luxor und in Memphis sollen ausgeraubt worden sein, was der Antikenminister Zahi Hawass wiederum dementiert.

Für André Wiese hat sich inzwischen auch die Frage erledigt, ob Deutschland die Büste von Nofretete den Ägyptern zurückgeben solle, wie Zahi Hawass dies letzte Woche erneut verlangte. «Die Museen in Ägypten sind zu unsicher», sagt Wiese. Nofretete werde wohl für weitere 100 Jahre in Berlin bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2011, 19:44 Uhr

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