Lemmy Kilmister

«Wir waren zu anständig in letzter Zeit»

Er kommt, um Lärm zu machen: Ian Fraser Kilmister, die Verkörperung des Rock ’n’ Roll. In einer Woche tritt «Lemmy», wie ihn alle Welt nennt, mit seiner Gruppe Motörhead im Hallenstadion an.

«Ich hasse es, meinen Beruf nicht ausüben zu können»: Lemmy, 65-jähriger Rocker.

«Ich hasse es, meinen Beruf nicht ausüben zu können»: Lemmy, 65-jähriger Rocker. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich komme gerade vom Britney- Spears-Konzert zurück. Stellt sie den Feind dar?
Ach was. An solche Dinge denke ich nicht mal. Das sind ganz andere Leute, die sich so etwas anhören. Es hat genug Platz für alle.

Wer repräsentiert denn heutzutage den echten Rock ’n’ Roll?
Schwierig zu sagen. Da gibts niemanden. Oder niemanden, den man wirklich kennt.

Kennen Sie jemanden?
Es gibt hier eine Band namens The Slaves. Die sind wirklich gut. Aber ausserhalb von L.A. kennt sie keine Sau.

Eine junge Band?
Ziemlich jung. Da draussen gibt es sicher noch eine Menge Bands, die richtigen Rock ’n’ Roll machen und Nacht für Nacht in kleinen Clubs spielen. Ich geh einfach nicht mehr so viel raus.

Was hören Sie zu Hause für Musik?
Ich hör kaum Musik. Wenn man beim Arbeiten schon ständig Lärm macht, muss man sich zu Hause nicht auch noch volldröhnen lassen. Ich bin ohnehin mehrere Monate pro Jahr unterwegs.

Sie nennen Ihre Musik «Lärm»?
Was soll das anderes sein? Es ist Lärm, sonst könnte man sie nicht hören.

Ist es Aggression?
Natürlich. Jede Art von öffentlicher Darstellung ist das. Sogar eine Ansprache oder Schauspielerei ist Aggression. Man zwingt die Leute dazu, ihre Aufmerksamkeit auf einen zu richten.

Muss man dafür aggressiv sein?
Nein. Ich muss nur fühlen, dass ich das, was ich da singe, auch wirklich meine. That’s it. Ehrlichkeit ist alles, wenns um Musik geht. Deshalb sagt mir Britney Spears ja auch nichts.

Verfolgen Sie das Musikgeschehen?
Nicht bewusst. Aber man kann dem ja nicht ganz entrinnen. Dass Rihanna einen süssen Arsch hat, ist sogar mir aufgefallen. Lady Gaga ist da von Gott weniger gesegnet. Deswegen muss sie sich auch die ganze Zeit verkleiden.

Bald spielen Sie mit Motörhead in der gleichen Halle wie all diese Popstars. Ein Ort, an dem oft mehr die Illusion als Musik gepflegt wird.
Ach, mir ist das recht. Ich spiele überall. Ich hab schon an den komischsten Orten gespielt. Zum Beispiel im Opernhaus in fucking London. Danach gibts keine Schamgrenze mehr.

Boten sie dort eine spezielle Show?
Ja, ich hab einen weissen Frack getragen. Aber nach dem ersten Song wurde es mir zu bunt.

Ich spiele in einem Fussballklub namens Eintracht Motörhead. Unser Präsident ist Ihr grösster Fan. 2002 haben Sie im Volkshaus mit ihm gekifft und gesoffen.
(lacht) «Motörhead United»! Scheisse, das gefällt mir.

Seither meidet er Ihre Konzerte. Er sagt, das Erlebnis von damals sei nicht zu toppen. Verstehen Sie das?
Ich kann die Einstellungen der meisten Leute nicht verstehen – aber ich geb mir die grösste Mühe.

Waren Sie je so begeistert von einem Musiker?
Natürlich! Von Little Richard oder von Elvis. Leider hatte ich nie die Möglichkeit, sie zu treffen. Ein Flugticket nach Amerika war damals viel zu teuer.

Sie haben nie einen Ihrer Helden live gesehen?
Doch, das schon. Aber ich hab nie mit ihnen reden können. Immerhin hab ich die Autogramme der Beatles.

Sind die besser als die Stones?
Ja. Die haben die besseren Songs geschrieben. Vor allem am Anfang. Die Stones haben zuerst nur Cover gespielt. Erst mit der Zeit wurden sie besser.

Aber sie stehen schon einiges länger auf der Bühne als Motörhead.
Ja, und? Was sollen sie denn sonst machen? Ich glaub nicht, dass die gute Neurochirurgen abgeben würden. Die machen halt Rock ’n’ Roll. Das ist ihr Leben. Würden die aufhören, würden sie wahrscheinlich an Langeweile sterben.

Wie lange können Sie überleben, ohne auf der Bühne zu stehen?
Alles über sechs Monate ist purer Horror. Ich hasse es, wenn ich meinen Beruf nicht ausüben kann.

Viele sehen Sie als die Verkörperung des Rock ’n’ Roll. Was ist das für ein Gefühl?
(lacht) Na ja, das klingt ganz nett. Nur glauben darf man das nicht.

Warum?
Weil man nicht darauf reinfallen darf, wie man in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Das killt einen. Schauen Sie sich Hendrix an: Der hat irgendwann alles geglaubt, was ihm die Leute gesagt haben. Klar bist du Künstler und machst was Spezielles. Aber wenn du von der Bühne runterkommst, bist du ein kleiner Scheisser wie jeder andere auch.

Tja, aber bei Hendrix stimmte doch alles, was man über ihn sagte, oder?
Trotzdem. Das killt dich. Natürlich war Hendrix der beste Gitarrist, den es je gegeben hat. Ich weiss das, ich war ja sein Roadie. Ich hab ihn während dreier Monate jeden Abend spielen sehen. Es gab niemanden, der nur annähernd so gut war. Er hatte gute Manieren, hat leise gesprochen. Ein Träumer, aber nicht dumm. Wenn er die Bühne betrat, konnte man einfach nicht wegschauen. Es gibt nur wenige, die das schaffen. Ozzy Osbourne etwa, Jimi Hendrix und wahrscheinlich auch die verdammte Lady Gaga.

Sie werden bald 66 Jahre alt. Wie ist es, an Weihnachten Geburtstag zu haben?
Beschissen. Alle geben dir nur ein Geschenk, sogar deine Eltern. Das war mein ganzes Leben so. Immer hiess es: «Da ist es jetzt. Bitte schön.»

Wie feiern Sie Weihnachten?
Gar nicht. Ich fahr nach Vegas und zocke an den Spielautomaten.

Ist das nicht Kinderkram?
Jungchen, glaubst du das wirklich? Ich hab mal 35'000 Dollar gewonnen an so einem Automaten. Bei einigen kann man bis zu einer halben Million machen. Das ist kein Kinderkram!

Wann standen Sie das letzte Mal vor dem Geldautomaten und konnten kein Geld rauslassen?
Das ist jetzt etwa ein Jahr her. Da hatte ich mein Konto leer geräumt. Aber ich hatte noch Kohle auf einem anderen Konto. Richtig pleite war ich vor zehn Jahren das letzte Mal.

Sie sind kein getarnter Millionär?
(lacht) Seh ich etwa so aus? Das wäre wirklich eine gute Verkleidung.

Vielleicht klappts ja noch.
Solange ich auf der Bühne stehen kann, ein Dach über dem Kopf und was zu essen habe, ist mir das herzlich egal.

Sind Motörhead gerade in?
Momentan nicht, aber wir bereiten uns auf den Gegenschlag vor. Wir waren zu anständig in letzter Zeit. Es ist ruhig geworden, zu ruhig. Das müsste euch stutzig machen. Es ist, wie wenn du im Dschungel bist und die Eingeborenen nicht hörst: Dann weisst du, dass du in Schwierigkeiten steckst!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2011, 09:07 Uhr

Lemmy Kilmister: Der kaltschnäuzige Rockstar

Mit ihrer kompromisslosen, lauten Musik und ihrer Beständigkeit hat sich die britische Band Motörhead in den letzten 35 Jahren zu einer wahren Rock-’n’-Roll-Institution entwickelt. Angeführt von Sänger und Bassist Ian Fraser Kilmister (65), genannt Lemmy, kreierte das Trio einen unverwechselbaren, schnellen, röhrenden Sound. Ihre erfolgreichste Phase hatte die Band zwischen 1979 und 1982. In dieser Zeit veröffentlichten sie Alben wie «Overkill», «Bomber» und «Ace Of Spades», die allesamt als Klassiker gelten. Im vergangenen Jahr erschien mit «The Wörld Is Yours» das 21. Studioalbum. Lemmy, berühmt-berüchtigt für seine Kaltschnäuzigkeit, verlegte seinen Wohnsitz 1990 nach Los Angeles. Whiskey trinkt er am liebsten in der Rainbow Bar am Sunset Boulevard. (TA)

Artikel zum Thema

Lemmys ehemaliger Weggefährte ist tot

Der Gitarrist Michael Burston starb im Alter von 61 Jahren. Der Engländer erlangte durch sein Engagement bei der Band Motörhead und deren Bandleader Lemmy Kilmister Berühmtheit. Mehr...

Rock, Warzen und Nazi-Fanartikel

«Lemmy – The Movie» ist so unruhig geworden wie der Alltag des mittlerweile 65-jährigen Bassisten und seiner Band Motörhead. Mehr...

Jenseits von Wischiwaschi

Lemmy Kilmister ist mit seiner Band Motörhead seit 35 Jahren unterwegs. Er sieht sich selber als einen der letzten Gralshüter des wahren Rock’n’Roll. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerspuckender Drache: Zur Feier des chinesischen Neujahrs lässt eine Folklore-Gruppe auf den Strassen von Peking die Funken sprühen. (18. Februar 2018)
(Bild: Jason Lee ) Mehr...