Abgesang auf die Zeitungen

Dieter Fahrer sucht «Die vierte Gewalt» und findet eine ausgewogene Medienlandschaft.

Unscharfe Porträts. Fahrers Medien wirken wie Echokammern der Gesellschaft ohne politisches Profil.

Unscharfe Porträts. Fahrers Medien wirken wie Echokammern der Gesellschaft ohne politisches Profil. Bild: Christian Jäggi

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Mit einem gehörigen Schuss Nostalgie berichtet Dieter Fahrer in seinem Dokumentarfilm «Die vierte Gewalt» vom Niedergang des Journalismus in der Schweiz. Das Geschäftsmodell der klassischen Tageszeitungen wird bekanntlich durch die Konkurrenz des Gratisjournalismus auf dem Internet sowie durch die Abwanderung der Werbung zu den elektronischen Medien und ins Internet zunehmend infrage gestellt: Die Vielfalt der Zeitungslandschaft geht verloren. Die Zeitungen werden dünner. Die Redaktionen kleiner und das Angebot gleicht sich immer mehr an.

Auf der Redaktion der Berner Traditionszeitung Der Bund sind die negativen Aspekte dieser Entwicklung besonders gut spürbar. Hier beginnt Regisseur Dieter Fahrer mit seiner Recherche. Er ist Berner und verbindet mit dieser Zeitung besonders viele Erinnerungen.

Seine Eltern haben seit über sechzig Jahren den Bund abonniert. Seine betagte Mutter liest seinem Vater, der pflegebedürftig ist, noch jeden Tag aus der Zeitung vor. Das Blatt bringt den alten Leuten jeden Tag ein Stück nahe und weite Welt in die Wohnstube.

Diese Aufgabe, die auch schon mit jener des wärmenden Lagerfeuers verglichen wurde, hat inzwischen wohl in der Mehrzahl der Wohnstuben das Fernsehen übernommen. Und bei einer jüngeren Generation ist das Internet an jene Stelle getreten, die früher Zeitung, Radio und Fernsehen einnahmen. Für die traditionellen Informations- und Unterhaltungsmedien wird es eng. Sie müssen ihre Redaktionen abbauen und ihre Produktion rationalisieren.

Die Journalisten des Bund arbeiten im Grosskonzern des Zürcher Tages-Anzeigers, der die Ressorts Ausland, Inland, Wirtschaft und Kultur in seinen Zeitungstiteln zusammenlegt, sodass Dutzende von Mitarbeitern bei den angeschlossenen Zeitungen wegrationalisiert werden. Aber auch die Arbeitssituation für die Lokalredaktionen wird schwieriger. Es bleibt immer weniger Zeit für ausgedehnte Reportagen und eigene Geschichten.

Fahrer kommt in seinem Film mit einzelnen Journalisten ins Gespräch und filmt sie auch bei der Arbeit, sodass sein Film nicht nur ein Abgesang auf die ökonomische Modellzeitung ist, sondern auch eine Würdigung der gesellschaftspolitisch wichtigen Arbeit, die von Journalisten in verschiedensten Medien gemacht wird.

Die vierte Macht

Die klassische Zeitung hat längst Konkurrenz bekommen, die sie in vielen Funktionen beerbt: Fahrer zeigt die Arbeit der Journalisten bei der Radioinformationssendung «Echo der Zeit», die sich bemühen, politisch möglichst umfassend und möglichst neutral zu berichten. Die Internetzeitung Watson hat dagegen die klassischen Informationsangebote in Richtung Infotainement ausgeweitet und macht auch vor recht frivolen Unterhaltungsangeboten nicht halt.

Schliesslich darf man auch noch dem Gründungsteam bei der neuen Internetzeitschrift Die Republik über die Schultern schauen. Im vergangenen Jahr hat es in unzähligen Sitzungen und Workshops die Vision einer links-liberalen Publikation konkretisiert, die es seit nunmehr drei Wochen auf dem Internet zu lesen gibt.

Während mit dem Bund und «Echo der Zeit» zwei Informationskanäle vorgestellt werden, die sich aus wirtschaftlichen oder ideologischen Gründen (wegen der No-Billag-Initiative) in der Defensive befinden, sind Watson und Die Republik zwei Internetangebote, die erfolgreich neue Wege gehen, deren wirtschaftliche Grundlagen aber nicht mehr durch Werbung gesichert ist.

Die Republik wird durch Mäzene und ihre Leser finanziert. Watson versucht sich mit Native Advertisement über Wasser zu halten, darunter versteht man Werbung, die kaum mehr von redaktionellen Angeboten unterschieden werden kann. Die Grenze zwischen Journalismus und Werbung wird verwischt, was der Glaubwürdigkeit des Journalismus nicht zuträglich ist.

Fahrer zeigt die verschiedenen Formen des Journalismus durchaus mit Empathie, ohne sich aber für die Medien, die er porträtiert, ins Zeug zu legen. Sein Dokumentarfilm enthält zwar auch inhaltliche Aspekte der Medienarbeit auf. Dennoch bleiben seine Medienporträts politisch unscharf.

Die Medien, die er uns vorstellt, wirken wie Echokammern der Gesellschaft und wärmende Lagerfeuer ohne politisches Profil. Warum der Film «Die vierte Gewalt» heisst, das bleibt Fahrers Geheimnis. Denn seine Medien sind weit davon entfernt, jene vierte Macht im Staate zu sein, die den Mächtigen unerbittlich auf die Finger schaut und sie in ihre Schranken weist, wie das exemplarisch bei der Watergate-Affäre der Fall war. Der Titel «Vierte Gewalt» wirkt vor diesem Hintergrund unfreiwillig ironisch, irgendwie aufgesetzt für einen Film, der nicht mehr und nicht weniger ist als eine etwas zurückhaltende Reportage über die Zustände in einem Teil unserer Medien. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.02.2018, 09:20 Uhr

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