«Alternative Geschichtsschreibung gilt als unseriös»

Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Historikerin Juliane Schiel über kontrafaktische Geschichte.

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Die BBC strahlt derzeit eine Serie aus, die davon ausgeht, dass die Nazis den Krieg gewonnen haben. Auch die Amazon-Serie «The Man in the High Castle» handelt davon. Wieso fasziniert uns dieses Szenario?
Ich nehme an, weil die Erfahrung des Nationalsozialismus unserer westlichen Wunschvorstellung einer kontinuierlichen Vorwärtsbewegung hin zu mehr Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden zuwiderläuft. Der Nationalsozialismus ist gewissermassen die Fratze der westlichen Moderne, das warnende Beispiel in unserer nächsten Umgebung, dass historischer Fortschritt kein Gesetz ist beziehungsweise, dass technische und kulturelle Errungenschaften nicht zwangsläufig in eine «bessere» Welt führen. Die Erinnerung an diese Zeit lebt als Bedrohungsszenario, das sich jederzeit vor der eigenen Haustür ereignen kann, in unseren westlichen Gesellschaften besonders stark nach.

Diese negativfiktionalen, oft auch apokalyptischen Szenarien, sind in den letzten Jahren sehr beliebt. Zufall oder nicht?
Ich bin nicht sicher, ob das Heraufbeschwören und Ausmalen apokalyptischer Szenarien ein besonderes Merkmal unserer Zeit ist. Auch die Menschen im Mittelalter lebten in ständiger Erwartung der Endzeit und konnten sich dieses apokalyptische letzte Zeitalter in den wildesten Farben ausmalen. Genre, Medium und die inhaltliche Ausgestaltung der eigenen Negativfantasien wandeln sich über die Zeit. Die Angst vor dem «Abgrund» beziehungsweise das Spiel mit dieser Angst und den Thrill, der von diesen Bedrohungsszenarien ausgeht, halte ich zunächst einmal für etwas zutiefst Menschliches.

«Zentrale Gewissheiten unserer westlichen Moderne sind ins Wanken geraten.» 

Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen unseren unsicheren Zeiten und solchen dystopischen Fantasien?
Heute ist der Reiz solcher Szenarien vielleicht vor allem darauf zurückzuführen, dass wir die innergesellschaftlichen Zusammenhänge als sehr viel fragiler erleben als etwa zu Zeiten des Wirtschaftswunders in der Nachkriegszeit oder nach der friedlichen Revolution von 1989. Zentrale Gewissheiten unserer westlichen Moderne sind in den letzten Jahren ins Wanken geraten und lassen Szenarien, in denen das «Unheil» von innen, aus der eigenen Gesellschaft kommt, plausibler erscheinen.

Ist die kontrafaktische Geschichtsschreibung primär unterhaltend – oder hat sie für Historiker auch einen Nutzen?
Die kontrafaktische oder alternative Geschichtsschreibung gilt innerhalb der Geschichtswissenschaften auch heute noch weithin als unseriös und populärwissenschaftlich. Bücher wie etwa der Verkaufsschlager von Rob Cowley «Was wäre gewesen, wenn? Wendepunkte der Weltgeschichte» werden deshalb im Fach weitestgehend ignoriert oder verurteilt. Unterhaltung gilt in der Wissenschaft weiterhin nicht als erstrebenswertes Ziel.

Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich bin überzeugt, dass das kontrafaktische Fragen unbedingt in den Werkzeugkasten von Historikerinnen gehört. Historiker ebenso wie Laien haben die Tendenz, Geschichte gewissermassen aus dem Rückspiegel zu lesen. Wir schauen über die Schulter zurück und plausibilisieren uns den Hergang der Dinge aus der Rückschau. Als Mittelalterhistorikerin sehe ich dabei immer wieder, wie stark dieser Rückspiegelblick die historischen Verhältnisse verzerrt und die Komplexität vergangener Situationen einebnet. Vor allem aber marginalisiert er die Offenheit von Geschichte. Das Entwerfen kontrafaktischer Szenarien hilft mir, der von mir untersuchten Zeit gerechter zu werden und den Denk- und Erwartungshorizont, vor dem die Zeitgenossen damals handelten, besser einzufangen.

Können Sie hierzu ein konkretes Beispiel nennen?
Ich habe das einmal exemplarisch am sogenannten «Mongolensturm» versucht. Anstatt sich – wie in populärwissenschaftlichen Darstellungen häufig geschehen – in apokalyptischen Farben auszumalen, was es für das «christliche Abendland» bedeutet hätte, wenn Dschingis Khan im 13. Jahrhundert seine Zelte in Paris und Rom aufgeschlagen hätte, habe ich die Bedeutung dieser Bedrohung für einen konkreten Fall, nämlich für die Entwicklung der Bettelorden, kontrafaktisch befragt. Dabei wurde deutlich, dass die mongolische Expansion für die erste Generation Bettelmönche ein Glücksfall war. Anfänglich in Zeiten der Ketzerverfolgung vom Häresievorwurf bedroht, konnten diese mobilen, hochgebildeten Mönche in der Auseinandersetzung und Verständigung mit der fremden Bedrohung eine Schlüsselrolle einnehmen.

Auch renommierte Historiker wie ein Niall Ferguson spekulieren hin und wieder über ein «Was wäre, wenn»: Ferguson sagte, dass das britische Empire ein Jahrhundert länger überlebt hätte, wenn Deutschland Europa erobert hätte – und daraus eine Art EU geformt hätte.
Ich habe das kontrafaktische Fragen bei Niall Ferguson in Oxford gelernt. Auch wenn ich seine Art der kontrafaktischen Imperiengeschichte nicht teile, haben mich diese wöchentlichen Tête-à-tête-Diskussionen sehr geprägt. Das kontrafaktische Fragen macht beweglicher und freier in der Entwicklung eines eigenständigen historischen Urteils. Trotzdem macht uns – und dort widerspreche ich Niall Ferguson – das kontrafaktische Fragen nicht zu besseren Politikberatern. Wir können bei der Betrachtung von Geschichte gewisse Muster erkennen und zuweilen auch eine Logik ausmachen, historische Gesetze oder gar Szenarien für die Zukunft können wir daraus nicht ableiten.

Wieso nicht?
Die Geschichte hat sich noch nie wiederholt. Dazu ist nicht nur jede historische Zeit in sich zu komplex, dazu sind auch zu viele «irrationale» Faktoren im Spiel. Die Wahl- und Abstimmungsergebnisse, die uns in den letzten Monaten so aufgeschreckt haben, sind dafür eigentlich ein gutes Beispiel. Denn das Verhalten der Wahlberechtigten ist immer auch ein stückweit situativ und nicht streng logisch kalkulierbar.

Gibt es aus Ihrer Sicht historische Ereignisse, bei denen es problemlos auch in eine ganz andere Richtung hätte gehen können?
Die Geschichte kann grundsätzlich immer eine ganz andere Richtung nehmen als die tatsächlich eingetroffene. Das gilt für Grossereignisse, die sich stark ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, ebenso wie für die kleinen, unmerklichen Veränderungen. Das ist ja eben der erkenntnistheoretische Mehrwert kontrafaktischen Fragens.

Kann Geschichte wirklich von einzelnen Personen grundlegend verändert werden?
Das ist eine Grundsatzfrage unter Historikern, seit es Geschichte als wissenschaftliches Fach gibt. Es ist die Frage, ob gesellschaftlicher Wandel eher auf politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Strukturen oder in erster Linie auf die Handlungsmacht einzelner historischer Akteure zurückzuführen ist. Es ist das Spannungsverhältnis zwischen «Struktur» und «Agency». Schon Marc Bloch und Lucien Febvre haben die Historiker des 19. Jahrhunderts für ihre Geschichte der grossen Männer und Taten kritisiert. Später wurde die stark strukturalistisch ausgerichtete Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von der neuen Kulturgeschichte herausgefordert, die die Handlungsmacht des Subjekts wieder stärker in den Fokus rückte. Und heute im Zeitalter des Anthropozän wird über die Grenze von Natur und Kultur nachgedacht und die Frage gestellt, ob nicht eigentlich auch Nichtmenschliches wie Naturkräfte – Erdbeben, Vulkane, Klimawandel – oder Tiere historische Handlungsmacht besitzen und als Akteure von Geschichte ernst genommen werden müssen.

«Die Geschichte kann grundsätzlich immer eine ganz andere Richtung nehmen als die tatsächlich eingetroffene.»

Tiere?
Die westliche Moderne stützt sich auf zwei zentrale Differenzsetzungen: diejenige zwischen «Natur» und «Kultur» und diejenige zwischen «Mensch» und «Tier». Folglich fiel lange Zeit nur die Untersuchung menschlicher Kulturen in den Kompetenzbereich der Historie. Phänomene der Natur und der Tierwelt überliess man den Geologen und Biologinnen. Tiere galten nicht als geschichtsfähig. Das Mittelalter lehrt allerdings, dass diese Differenzsetzung keine «naturgegebene», sondern eine historisch gewachsene ist. Für die Menschen der Vormoderne besassen etwa Geister und Dämonen ebenso selbstverständlich Akteurstatus wie Tiere. So konnte beispielsweise Hunden und Pferden der Prozess gemacht werden. Es wurden Anklagen gegen sie erhoben und Urteile verhängt und vollstreckt.

«The Man In The High Castle» ist auf Amazon Prime als Stream erhältlich. «SS-GB» läuft auf BBC One.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2017, 08:44 Uhr

Dr. Juliane Schiel forscht am historischen Seminar der Uni Zürich. Zu ihren Fachgebieten gehören unter anderen die Seuchengeschichte der Pest, Globalgeschichte und kontrafaktische Geschichtsschreibung.

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