Die Macht der Demütigen

Martin Winterkorn tat es, Bill Clinton auch. John F. Kennedy musste noch nicht. Vom Wesen der öffentlichen Entschuldigung

Aller Laster Anfang: Bill Clinton und Monica Lewinsky im Weissen Haus (17. November 1995)

Aller Laster Anfang: Bill Clinton und Monica Lewinsky im Weissen Haus (17. November 1995) Bild: Keystone

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Ernster Blick, gepresste Stimme, «es tut mir ­aufrichtig leid», «ich entschuldige mich in aller Form»: Martin Winterkorn, damals noch VW-Chef, dessen Konzern selbst verschuldet in Turbulenzen ge­­raten ist, lieferte am Dienstag eine solide Vorstellung ab, die man durchaus für glaubwürdig erklären konnte, ohne selbst unglaubwürdig zu wirken.

Schon das Wort «Entschuldigung» ist ja ein heikles. Allzu oft «entschuldigt» sich einer, anstatt um Entschuldigung zu bitten. Auf solche Nuancen hinzuweisen, ist mehr als nur Wortklauberei. Im ersten Fall ermächtigt sich der Übeltäter selbst, im zweiten zeigt er eine gewisse Demut, die der Situation eher angebracht ist.

Der Schuldige auf dem hohen Ross

Im schlimmsten Fall wird die Entschuldigung zur emotionalen Erpressung: Auf dem hohen Ross sitzt nun der Täter, während vom Opfer geradezu erwartet wird, ihn durch Annahme seiner Entschuldigung symbolisch wieder in die Gemeinschaft der Anständigen aufzunehmen. Die Möglichkeit, die Entschuldigung nicht zu akzeptieren, wird dem Geschädigten damit praktisch verwehrt.

Auf besonders entlarvende Weise entschuldigte sich John Hickenlooper, der Gouverneur von Colorado, bei den Polizisten seines Staates, die er durch unsensible Äusserungen verärgert hatte. Erst sagte er «sorry». Als ein Polizist später eine kritische Frage stellte, explodierte der Politiker: «What the fuck? I apologized!», «Was zum Teufel? Ich habe mich entschuldigt!» Nicht nur, dass die Schuld aus Sicht des Gouverneurs beglichen war, er schien seine Entschuldigung auch für einen Gnadenakt zu halten, der von den Beglückten durch Wohlverhalten zu vergelten war.

Die öffentliche Entschuldigung als Massenphänomen ist eine Entwicklung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte. «Instant-Reue» habe sich seither in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft breit­gemacht, spottete der verstorbene britische Historiker Tony Judt. Schuld daran ist auch die veränderte Einstellung der Medien: John F. Kennedy musste sich für seine Frauengeschichten nie rechtfertigen, weil sich Journalisten mit der simplen Teilhabe am Herrschaftswissen begnügten und dichthielten. Drei Jahrzehnte später musste sein Nachfolger Bill Clinton vor dem versammelten Pressecorps zum Bussritual antreten.

Ein gutes und ein schlechtes Zeichen

Wahrscheinlich ist die Inflation der öffentlichen Abbitte ein gutes und ein schlechtes Zeichen: Wenn sich ein Prominenter wie Clinton für einen privaten Fehltritt rechtfertigen muss, ist das absurd und allein der Klatschsucht der Leute geschuldet. Andererseits zeigt sich in der Entschuldigungsmode aber auch, dass sich die Mächtigen heute weniger leicht aus der Verantwortung stehlen können: Noch in den Siebzigerjahren ­hätten Repräsentanten der katholischen Kirche nie und nimmer ihr Bedauern über Missbrauchs­skandale ausgedrückt, ganz einfach, weil man ­solches stillschweigend unter den Teppich kehrte.

Die Mächtigen sind heute nicht mehr so ­mächtig wie auch schon. «Never apologize, never explain», «Entschuldige dich nie, gib keine Erklärungen ab», empfahl der Oxforder Gelehrte Ben­jamin Jowett im 19. Jahrhundert als einzige ­mögliche Verhaltensweise eines englischen ­Gentlemans. Diese Möglichkeit steht einem modernen Manager wie Martin Winterkorn nicht mehr zu Gebote. Entschuldigungen sind heute eine Pflichtaufgabe. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.09.2015, 13:28 Uhr

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