Ein Tag in Zürich

So könnte es im neuen Kulturzentrum Kosmos künftig zu- und hergehen.

Mikrosoziologisches Stadtdiorama? So soll es im Kulturzentrum Kosmos künftig aussehen. (Bild: www.kosmos-kultur.ch)

Mikrosoziologisches Stadtdiorama? So soll es im Kulturzentrum Kosmos künftig aussehen. (Bild: www.kosmos-kultur.ch)

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Es heisst Kosmos, Anfang September soll es eröffnet werden: das neue Kulturzentrum von Filmemacher Samir und Sphères-Chef Bruno Deckert an der Ecke Lager-/Langstrasse zwischen Kreis 4 und Europaallee, ausgestattet mit Kino, Restaurant, Buchladen, Bar und mehr. Im Netz gibts eine Werbebroschüre dazu, die sich unter anderem einen «Tag im Kosmos» ausmalt.

Man begegnet darin allerhand urbanen Typen, ein bisschen wie bei Architekturvisualisierungen, in die ein paar ausgewählt legere Menschen hineinretuschiert wurden. Es geht schon recht früh los an diesem erträumten Tag, um 7 Uhr «geniesst Susi von der Olé-Olé-Bar ihren ersten Espresso», sie hatte eine lange Nacht. Wenig später betritt ein Genfer Tourist aus dem nahen Lifestyle-Hotel die Bar und «amüsiert» sich über die Aufschrift «You pay but you dont agree with the price» auf seinem Latte-macchiato-Becher (sprich: Wird teuer, aber man kann darüber lachen). Um 8.40 kommt der erste «Chefredaktor», um 9.30 finden sich Angestellte einer Grossbank für eine Retraite im «Salon» ein. Einer «aus Linz» verliert sich im Buchladen, und nach dem Mittag kommt Reto Linder, für den ist «wie immer sein Private Desk reserviert», wo er «die nächsten drei bis vier Stunden liest, Notizen macht, telefoniert», also als ganz mühsamer Gast sehr viel Platz versperrt. Schon länger sitzt auch die «Psychologiestudentin Sandra» an ihrer Masterarbeit. Ihre Konsumation: «1 Cappuccino, 1 Espresso, 1 Glas frisch gepresster Orangensaft, 1 Croissant, 1 Suppe, 5 dl Züriwasser, 1 Brownie und 2 Portionen Yasmintee.» Was das wieder kostet, aber da macht eine wie Sandra kein Büro auf, das tun nämlich schon Reto Linder und seine Nachbarn, die im Kosmos-Kaffeehaus «eifrig in ihre Notebooks tippen», weil sie sich «Tag und Nacht in einem Wireless Urban Community Network vernetzen» können. Am Nachmittag dann an einem Tischchen auf der Piazza: Eine «Frau mittleren Alters» hat zwei Bücher gekauft und trinkt nun Cappuccino und danach Weisswein zum Apéro, wie das Frauen mittleren Alters, die Bücher lesen, halt so machen.

Gegen Abend wirds dann richtig voll im mikrosoziologischen Stadtdiorama, so eingezwängt zwischen den fotografierenden Japanerinnen und jenem Marco, der aus lauter Launenhaftigkeit mit seiner Stange ins Kino 2 geht. Sogar eine Equipe des Schweizer Fernsehens kommt im Kosmos vorbei, ein Geschäftsmann aus Berlin verschiebt extra seinen Rückflug, weil er sich noch einen Film ansehen will, und später ist ja noch Champions-League-Final. Das alles an einem Tag im Leben von Zürich, und fast hätten wir vergessen, dass um 10 Uhr im grössten Kinosaal eine «kurzfristig anberaumte und bereits ausverkaufte Veranstaltung mit Richard Sennett» stattgefunden hatte. Das Thema: «Die Kultur des neuen Kapitalismus». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2017, 12:18 Uhr

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