Elternbriefe in Simpeldeutsch – was bringt das?

Eine Basler Schule verschickt Elternbriefe nur noch in «Leichter Sprache», damit sie alle verstehen. Ist das sinnvoll? Dazu Linguistin Regula Schmidlin.

Links der Elternbrief in einfacher Sprache: nur die wichtigsten Informationen, kurze Sätze, klare Struktur und mit dem «Medio·punkt getrennte, zusammen·gesetzte Wörter».


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Statt Elternbriefe in die Muttersprache von ausländischen Eltern zu übersetzen, setzt die Primarschule Hirzbrunnen in Basel auf die Leichte Sprache, die ursprünglich für Menschen mit Lernschwierigkeiten konzipiert wurde. Offenbar soll das Beispiel Schule machen, wie Blick.ch gestern berichtete. Wir haben bei Linguistin Regula Schmidlin nachgefragt, wie sie diesen Einsatz der Leichten Sprache sieht.

Was halten Sie von der Massnahme der Basler Schule?
Ich verstehe gut, wenn die Schulen die Kommunikation mit den Eltern optimal und effizient gestalten wollen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man sich in Texten um Verständlichkeit und Einfachheit bemüht, solange nicht der dargestellte Sachverhalt selbst vereinfacht wird. Die Massnahme, Elternbriefe konsequent in Leichte Sprache zu übersetzen, geht schon sehr weit. Allerdings muss die Verzweiflung über Inhalte, die bei den Eltern nicht ankommen, bei der betreffenden Schule gross gewesen sein. Ich kenne die Hintergründe allerdings nicht.

Umfrage

Ist es richtig Elternbriefe in Leichter Sprache zu verfassen?






Ist es sinnvoll, dass offenbar alle Eltern – auch Nicht-Ausländer – Briefe nun in Leichter Sprache erhalten?
Nur bildungsfernen und fremdsprachigen Eltern die Briefe in Leichter Sprache zu schicken, den andern aber nicht, halte ich für noch problematischer. Nach welchen Kriterien sollen die Eltern ausgewählt werden, die die Briefe in Leichter Sprache bekommen? Eine Alternative wäre aber vielleicht, dem Brief, der in normaler Sprache geschrieben wird, eine möglichst einfache Zusammenfassung der Informationen anzufügen – für alle.

Besteht die Gefahr einer Nivellierung gegen unten?
Komplexe Sachverhalte können nicht immer einfach ausgedrückt werden. Eine verlustfreie Übersetzung von Normalsprache in Leichte Sprache ist nicht möglich. Darin sehe ich das grösste Problem. Wenn man etwa Nebensätze und ihre einleitenden Wörter (nachdem, obwohl etc.) weglässt, ist es kaum noch möglich, bestimmte Verhältnisse darzustellen. Es wäre vermessen, zu glauben, dass Menschen einen in Leichte Sprache überführten Text genau so verstehen, wie er in der Normalsprache gemeint war. Gesetzestexte verlustfrei in Leichte Sprache zu übersetzen, halte ich beispielsweise für unmöglich.

Wo sonst ist leichte Sprache sinnvoll, wo nicht?
Wir alle sind froh, wenn Beschriftungen in Flughäfen, Gebrauchsanweisungen, Waschanleitungen, Produktebeschreibungen, Montageanleitungen, Websites einfach und verständlich sind. Wenn die Kommunikation mit den Behörden verständlich genug ist, braucht es keine zusätzlichen Erklärungen. In dieser Hinsicht verstehe ich die Massnahme der Primarschule Hirzbrunnen gut. Damit werden die Behörden entlastet. Bei Menschen mit Lernschwierigkeiten und anderen kognitiven Einschränkungen kann Leichte Sprache zudem generell sinnvoll sein. Sie ermöglicht ihnen, an der Kommunikation stärker zu partizipieren. Die Normalsprache gerade im Bildungsbereich durch Leichte Sprache zu ersetzen, halte ich aber für heikel. Eher sollen den Lernenden Strategien vermittelt werden, wie das Textverständnis verbessert werden kann.

Wie funktioniert Leichte Sprache – linguistisch gesehen?
Man vermeidet zum Beispiel Genitivkonstruktionen, weil diese ganz unterschiedliche Dinge ausdrücken können, die der Leser aus dem Kontext erschliessen muss: Qualität – ein Mann mittleren Alters. Teil-Ganzes-Beziehung – die Hälfte des Lohns. Besitzverhältnis – das Haus meiner Eltern. Subjekt – das Lied des Komponisten. Objekt – der Komponist des Lieds. Man vermeidet auch Satzgefüge, also Nebensätze. Metaphern und Fremdwörter werden wenn möglich ebenfalls vermieden. Aus linguistischer Sicht ist das eigentlich problematisch, denn Metaphern können auch verständniserleichternd sein und Fremdwörter sind nicht per se schwierige Wörter.

Geht so auch Sprachschatz und Sprachraffinesse verloren, von dem Ausländer gerade profitieren könnten?
Absolut. Differenzierte und komplexe Sachverhalte können oft nicht anders als in einer komplexen Sprache ausgedrückt werden. Witz, Ironie, Rhythmus, Anspielungen, verschiedene Stilebenen – alles, was kompetente Leser attraktiv finden, wenn sie Texte lesen. Die Verständlichkeitsforschung konnte zeigen, dass Texte dann am besten verstanden werden, wenn sie einfach, kurz, klar gegliedert und attraktiv sind – den Leser direkt ansprechen. Texte in Leichter Sprache wirken nun aber alles andere als attraktiv. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 11:20 Uhr

Regula Schmidlin ist Professorin für Germanistik, Fachbereich Linguistik, an der Universität Freiburg.

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