Bärfuss' Wut-Essay – «die Schweiz ist des Wahnsinns»

Der linke Intellektuelle rechnet in der FAZ mit der Schweiz ab: Es geht um «Halluzinationen», «psychotische Störungen» und die Migros.

Scheut die Polemik nicht: Autor Bärfuss. (4. Juli 2015)

Scheut die Polemik nicht: Autor Bärfuss. (4. Juli 2015) Bild: Keystone

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Lukas Bärfuss geht in der heutigen Ausgabe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» brachial mit der Schweiz ins Gericht. Der Schriftsteller und Theatermacher füllt die Aufschlagseite des Feuilletons mit einem wütenden Essay, der mit «Die Schweiz ist des Wahnsinns» (hier gehts zum Artikel) betitelt ist.

Bärfuss Text beginnt mit einer Betrachtung des Migros-Sammelspiels «Suisse Mania», das zum Sammeln hiesiger Sehenswürdigkeiten en miniature anregt («Im orangen Nichts schwebt oszillierend eine Scholle mit den Umrissen der Schweizerischen Eidgenossenschaft»). Man müsse «Suissemania» nicht als Ausdruck einer allgemeinen Schweizer Manie betrachten, so der Gewinner des letztjährigen Schweizer Buchpreises – «aber man kann».

Wirtschaft, Beznau, Medien

Dann setzt Bärfuss zum Rundumschlag an: Die Schweizer suchten Trost in ihren Halluzinationen und hofften, die Probleme mögen auf magische Weise von allein verschwinden. Und die Schweiz hat Bärfuss zufolge so einige Probleme, die er in der Folge eines nach dem andern aufzählt, beginnend mit der Wirtschaft: Dieser gehe es schlecht, als Antwort darauf drangsalierten die Schweizer Unternehmen die Arbeitnehmer; die Linke bleibe brav.

Auch den Atommeiler Beznau I, der älteste der Welt, interpretiert Bärfuss als Symptom der Schweizer Malaise. Hier vertrauten die Eidgenossen auf den Herrgott, derweil internationale Experten den Kopf schüttelten. Eine weitere Eigenart, die das Land negativ vom umliegenden Europa abhebe: «Die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt.» Bärfuss denkt dabei in erster Linie an SVP-Patron Christoph Blocher, der «das Land mit seinen obskuren Ideen inspiriert».

Die Schweizer Medien kommen in Bärfuss' Abrechnung ebenfalls miserabel weg. «Weltwoche»und «Basler Zeitung» hätten die journalistischen Standesregeln verhökert, das SRF übe Selbstzensur, die NZZ werde von rechts unterwandert, und der «Tages-Anzeiger» erscheint Bärfuss «verwirrt».

Lob der US-Justiz

Am Ende seines Texts stellt Bärfuss fest, die Schweizer flüchteten auch deshalb in den Populismus, weil sie in der globalisierten Welt nichts mehr zu sagen hätten. Hoffnung für die Schweiz sieht Bärfuss in den Interventionen der amerikanischen Justiz. Ihr sei es zu verdanken, dass die Eidgenossenschaft den Kontakt zu den zivilisatorischen Nationen nicht ganz verliere.

Nun sei es an den Schweizern, ihre «psychotische Störung» zu überwinden und «den Monstern zu trotzen». Sonst bleibe nach dem bösen Erwachen nur die Nippessammlung der Migros übrig. (lsch)

Erstellt: 15.10.2015, 11:00 Uhr

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