Robert Spaemann ist tot

Der Deutsche galt in seiner Heimat als führender konservativer Philosoph – und intellektueller Sparring-Partner Joseph Ratzingers. Ein Nachruf.

Die Menschen werden mit ihrem Fortschrittsglauben den Globus zugrunde richten – das Gottesgerücht aber wird bis zum Ende der Tage nicht auszurotten sein, glaubte Robert Spaemann.

Die Menschen werden mit ihrem Fortschrittsglauben den Globus zugrunde richten – das Gottesgerücht aber wird bis zum Ende der Tage nicht auszurotten sein, glaubte Robert Spaemann.

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Die Kritzelei hätte Robert Spaemann auch das Leben kosten können. Im Frühjahr 1944 malte der 16 Jahre alte Gymnasiast des Dorstener Petrinums anonym eine Hitler-Karikatur an die Tafel und schrieb darunter: «Achtung! Totengräber Deutschlands!» Mehrere Lehrer verlangten, hier müsse die Gestapo eingeschaltet werden; der Schulleiter, selber ein Nationalsozialist, sah die Sache weniger dramatisch, die Geheimpolizei blieb aussen vor, der Zeichner unentdeckt.

Spaemann hat später der Versuchung widerstanden, dies als Akt des Widerstands hinzustellen; er sah im Kreide-Hitler einen Fall von Schülerleichtsinn, mehr nicht. Den Widerspruchsgeist des künftigen Philosophen kann man aber schon in der Geschichte erkennen. Man kann den rebellischen Konservativen ahnen, der nicht an sich halten konnte und wollte, wenn ihm etwas gegen die gottgegebene Würde des Menschen zu verstossen schien und die Wahrheit in Relativismen aufgelöst, wenn die Wunden und Widersprüche der Moderne sichtbar wurden – ob bei der Atomkraft, den Tierversuchen, der Abtreibung oder dem assistierten Suizid. «Passt euch der Welt nicht an», hat einst der Apostel Paulus den ersten Christen mit auf den Weg gegeben, Spaemann hat sich so treu wie unerbittlich daran gehalten.

Seine Mutter war Tänzerin, sein Vater Kulturredakteur der «Sozialistischen Monatshefte» – beide waren sie überzeugte Atheisten, beide konvertierten sie zum Katholizismus. Der tieffromme Glaube der Konvertiten hat Spaemann geprägt: «Wenn man tief überzeugt ist, dass die Gottesbeziehung im Leben das Wichtigste ist, dann erzeugt das eine gewisse Standfestigkeit», hat er später geschrieben. Die Mutter starb früh, der Vater liess sich 1942 zum katholischen Priester weihen und wurde Kaplan in Dorsten; für die Dorstener war er noch lange «der Sohn vom Kaplan».

Hauptwerk «Glück und Wohlwollen»

Der Kaplanssohn wurde allerdings kein Priester, er studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik in Münster, München, Fribourg und Paris. Promoviert wurde er 1952 beim Münsteraner Philosophen Joachim Ritter über den französischen Philosophen Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald, der die Französische Revolution für ein grosses Unglück hielt. Über die Assistenz bei Ritter kam er zu dessen Schülerkreis, der die einflussreichsten konservativ-liberalen Philosophen der Bundesrepublik versammelte: Hermann Lübbe, Odo Marquard, Günter Rohrmoser und Ernst-Wolfgang Böckenförde. Spaemann wurde zunächst Lektor, dann Philosophieprofessor, erst in Stuttgart und Heidelberg, ab 1972 in München, wo er 1992 emeritiert wurde.

Spaemann war ein Konservativer, was die Ausrichtung seiner Philosophie am katholischen Naturrecht betraf, dass es also natürliche, dem Diskurs entzogene Grundlagen des Menschseins, des Zusammenlebens und der Staatsverfassung gibt. Er war ein Konservativer in der Annahme, dass eine rein aufs innerweltliche bezogene Philosophie bald an die Grenzen der Erkenntnis gerät – «wenn wir Gott wegnehmen, dann bricht das Denken zusammen», lautete einer seiner Kernsätze. In seinem Hauptwerk «Glück und Wohlwollen» schreibt er 1989: «Dieser Versuch über Ethik enthält hoffentlich nichts grundsätzlich Neues. Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches richtig neu sein.» Kein Wunder, dass der ebenfalls 1927 geborene Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., so gerne mit Spaemann diskutierte und ihn als Berater ansah – in der Analyse, dass Religion und Vernunft zusammengehören und in der Klage über die gegenwärtige «Diktatur des Relativismus» waren sie sich einig.

Dieser Konservatismus Spaemanns blieb aber immer widerständig, rebellisch, unberechenbar. Das Naturrecht diente ihm ja nicht dazu, bestehende Verhältnisse zu stützen und zu rechtfertigen – sondern um im Gegenteil ihre Grenzen aufzuzeigen und in Frage zu stellen, was fraglos schien, um der unhinterfragbaren Menschenwürde willen. Und so engagierte sich Spaemann gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und gegen die Nutzung der Atomkraft, gemeinsam mit seinem Freund Heinrich Böll – was ihm zeitweise den Ruf einbrachte, ein Linkskatholik zu sein. Er war gegen Tierversuche und als Gentechnik-Skeptiker auch bei den Grünen gern gesehen, aber selbstverständlich und scharf gegen jede Liberalisierung von Abtreibungsregelungen, gegen jede Form des assistierten Suizids, gegen die antiautoritäre Pädagogik, die ihm als grosser Menschenversuch erschien. Das war für Spaemann das grosse Problem der «radikal-emanzipatorischen Selbstaufhebung»: Wenn der Mensch sich von jeder inneren und äusseren Bestimmung löst, wird er schliesslich nur noch funktional verstanden, er ist nicht mehr Person, sondern Objekt. Sein zweites grosses Buch «Personen» aus dem Jahr 1996 trägt den Untertitel «Versuche über den Unterschied zwischen ,etwas‘ und ,jemand'»; eindringlich tritt er dort jeder Verdinglichung des Menschen entgegen.

In den letzten Jahren seines Lebens stand diese Seite im Denken Spaemanns weniger im Mittelpunkt, diese faszinierende Mischung aus Weltskepsis und Heilsoptimismus: Die Menschen werden mit ihrem Fortschrittsglauben den Globus zugrunde richten – das Gottesgerücht aber wird bis zum Ende der Tage nicht auszurotten und von daher unsterblich sein.

Im Lager der reaktionären Traditionalisten?

Sein Eintreten für die vorkonziliare lateinische Tridentinische Messe und seine scharfe Kritik an Papst Franziskus vorsichtiger Liberalisierung der katholischen Kirche war für seine Kritiker der endgültige Beleg, dass Spaemann im Lager der reaktionären Traditionalisten angekommen war. Sein Eintreten für die rechtskonservative Zeitung Junge Freiheit verstörte auch viele Konservative, die seine Bücher und Essays schätzten. Spaemann lehnte Bündnisse und Aktionen gegen Rechtspopulisten ab. Der demokratische Staat sei eine Rechtsgemeinschaft, in der nicht alle die gleichen Werte teilen müssten, argumentierte der Philosoph – verstehe er sich als Wertegemeinschaft, drohe die Gefahr des «liberalen Totalitarismus». Im Oktober 2017 unterschrieb er eine «Pariser Erklärung», mit der europäische konservative Intellektuelle eine Rückbesinnung auf die christliche und je nationale Identität als Grundlage Europas fordern.

Was ihn beschäftige, hat Robert Spaemann 2007 geschrieben, sei «die Frage nach dem, was ist, wenn das Palaver abends zu Ende ist». Die Frage bleibt, auch wenn nun einer der Fragesteller tot ist: Am Montag starb der vielfach ausgezeichnete Gelehrte mit 91 Jahren in seinem Haus in Stuttgart.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2018, 17:14 Uhr

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