Christa und die Neidgenossen

Die neue TV-Moderatorin Christa Rigozzi löst eine Revolte aus, weil sie zu blond ist.

«Warum sind Blondinenwitze so kurz?» Christa Rigozzi, die mit Jonas Projer eine neue Sendung moderieren wird, stösst auf unerwarteten Widerstand. Foto SRF

«Warum sind Blondinenwitze so kurz?» Christa Rigozzi, die mit Jonas Projer eine neue Sendung moderieren wird, stösst auf unerwarteten Widerstand. Foto SRF

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Wenn die Kamera läuft, Achtung, Sendung, wenn «Tagesschau»-Sprecher die Welt und «Meteo»-Damen das Wetter erklären, erinnern sie an Darsteller in einem Dorftheater. Jeder Satz ist eingeübt, jeder Spruch einstudiert, brav folgen sie den Anweisungen der Regie. Wehe aber, wenn die Scheinwerfer ausgehen. Dann wird dieser Tage im Fernsehstudio in Leutschenbach getuschelt und gelästert, dass es weh tut in den Ohren. Die Mitarbeiter fallen aus der Rolle, sie reden sich in Rage.

Das Objekt ihrer Erregung ist 34 Jahre alt, 1 Meter 69 gross und von blendendem Blond: Christa Rigozzi, Tessinerin, 2006 zur Miss Schweiz gekrönt, Model, Werbefigur für Käse, Möbel, Autos und eine Bank – ab 11. Juni hat sie einen weiteren Job. Sie wird Co-Moderatorin mit Jonas Projer, dem Gesicht der «Arena». In der neuen Sonntagabend-Sendung «Arena/Reporter» sollen Rigozzi und Projer im Anschluss an einen zuvor ausgestrahlten Reporter-­Beitrag eine «gesellschaftspolitische Debatte entfachen», wie das Schweizer Fernsehen SRF mitteilte. Mit Gästen darf das Duo diskutieren: «Wie war der Film? Welche Fragen wirft er auf? Was muss die Politik machen?» Rigozzi soll dabei «Meinungen und Fragen des Publikums» einbringen.

«Christa Rigozzi wird Polit-Reporterin», meldete der Blick am Dienstag. Auf der Frontseite lächelte uns die Schönheitskönigin mit strahlend weissen Zähnen entgegen. Am Mittwoch präsentierte die Zeitung die Nachricht: ­«Riesen-Knatsch am Leutschenbach. SRF-Kollegen toben: Das Werbe-Model zerstört unsere Glaubwürdigkeit.»

Dass man Rigozzi engagiert habe, sei «reiner Zuschauerfang», giftelte da «eine TV-Frau» im Schutz der Anonymität. Sie verdächtigte ihre Vorgesetzten, aus billigsten Motiven gehandelt zu haben: «Kurzes Röckli holt mit lustigem Tessiner Akzent Quoten.» Ein anderes, ebenfalls «ungenannt sein wollendes SRF-Aushängeschild» erklärte, Rigozzi verfüge über ein «Portfolio mit vielen lukrativen Mandaten». Deshalb sei es «nicht glaubwürdig, wenn sie jetzt unabhängig gesellschaftsrelevante Themen verhandeln soll».

Mäkelnde Medien

Gut möglich, dass schon Blondinenwitze zirkulieren in der TV-Kantine und den Fluren der Fernsehanstalt: «Weisst du, was passiert, wenn sich eine Blondine an einen Baum anlehnt? Der Baum fällt um, denn der Klügere gibt nach.» Oder: «Wie kann man eine Blondine ewig beschäftigen? Man nimmt einen Zettel und schreibt auf beide Seiten: ‹Bitte wenden!›.»

Bei vielen ist Rigozzi abgeschrieben, bevor die Premiere stattgefunden hat. Fernsehdirektor Ruedi Matter sah sich genötigt, den Personalentscheid zu verteidigen und seinen nörgelnden Mitarbeitern im Intranet auf die Finger zu hauen: «Alles andere als mutig ist es, sich mit seiner Meinung anonym in einer Zeitung zitieren zu lassen.»

Das Schweizer Fernsehen verteidigte sich mit dem Hinweis, Rigozzi sei «eine erfolgreiche Geschäftsfrau». Ihre Werbetätigkeit stelle einen «wichtigen Teil ihres Einkommens dar». Für ihr Engagement bei «Arena/Reporter» nehme sie «gewichtige Einschränkungen in Kauf», denn im Umfeld der neuen Sendung dürfen keine Werbespots mit Rigozzi geschaltet werden. Wie auch immer, passiert ist passiert: Rigozzi sieht sich auf die Rolle als Requisit reduziert.

Der Tages-Anzeiger mäkelte: «Es bleibt der Verdacht, dass Christa Rigozzi vor allem eine Aufgabe hat: die Sendung attraktiver zu machen.» Der Zürcher SVP-Nationalrat und Medienpolitiker Gregor Rutz kritisierte zwar das Konzept als Ganzes: Die Schweizerische Radio- und Fernseh-Gesellschaft (SRG) versuche «einmal mehr», die Privaten mit «Infotainment» zu konkurrieren.

Doch er zielte auch auf Rigozzi als Person: «Sie bringt einen Promi-Faktor mit, der helfen soll, die Quote raufzujagen. Denn ginge es nicht bloss um die Quote, hätte die SRG auch auf haus­interne Moderatorinnen zurückgreifen können.»

Es läuft ein schlechter Film, er könnte den Titel tragen: «Christa und die Neidgenossen».

Entzücktes Land

Rigozzi sagte kürzlich der Coop-­Zeitung, sie sei eine Frau, die Action brauche. «Wenn ich mit der Ducati Scrambler oder der Ducati Monster unterwegs bin, fühle ich mich frei.» Für viele Bedenkenträger braust sie wohl allzu unbekümmert durchs Leben. Nur als Jurymitglied der Sendung «Die grössten Schweizer Talente» sah man sie am richtigen Platz; als Gast bei «Bauer, ledig, sucht …» schien sie die Idealbesetzung zu sein; als Mutter von Zwillingen blieb sie für Hochglanzmagazine begehrt, die Reporter schmolzen dahin: «Die Tessinerin strahlt sich in unsere Herzen.» Am Genfer Autosalon wedelte Rigozzi graziös imaginäre Staubflöckchen von blanken Karosserien. Das Land war entzückt.

Rigozzi sagt Sätze wie «ich liebe unsere Bauern» oder «ich liebe Ordnung, alles muss seinen Platz haben, aufgeräumt und sauber sein». Das mag tatsächlich ein bisschen eindimensional klingen. Rigozzi macht aber auch Aussagen, die ahnen lassen, dass sie andere Kategorien als nur Liebe, Ordnung, Sauberkeit kennt.

Das klingt dann so: «Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen. Aber Frauen sollen die genau gleichen Chancen bekommen wie Männer, sofern sie bereit sind, gleich viel dafür zu tun.»

Verdutzte Kontrahenten

Rigozzi hat einen Studienabschluss in Medien- und Kommunikationswissenschaft, Nebenfach Strafrecht und Kriminologie. 2014 war sie Gast in der «Arena», es ging um den Bau einer zweiten Strassenröhre am Gotthard. «Ich fahre mehrmals pro Woche durch den Tunnel», sagte sie, «es gibt immer wieder Pannen, Staus, Unfälle, die Situation können wir nur verbessern, wenn wir einen zweiten Tunnel bauen.» Sie argumentierte so dezidiert, dass der Vertreter der Alpenschutz-Initiative verdutzt zusammenzuckte. Als man sie unterbrach, fauchte sie: «Entschuldigung, ich will jetzt fertig reden!»

Diese Christina Rigozzi löst in Leutschenbach jetzt eine Revolte aus, weil ein paar Fernsehleute meinen, sie sei blond, aber blöd und rhetorisch beschränkt. Doch man würde sich nicht wundern, wenn Rigozzi, sollte in ihrer Nähe jemand über sie witzeln, zurückzischen würde: «Warum sind Blondinenwitze so kurz? Damit auch Männer sie verstehen.» Schön schlagfertig ist sie nämlich auch, die unterschätzte Tessinerin. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.06.2017, 07:17 Uhr

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