TV-Kritik

«Club»-Kritik: Lumengo und die Doppelmoral

Der Politiker Ricardo Lumengo wurde wegen Wahlbetrugs verurteilt und trat aus der SP aus. Fiel er einer rassistischen Doppelmoral zum Opfer? Darüber diskutierte gestern eine hochkarätige Runde im «Club».

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Ricardo Lumengo ist eine Reizfigur. Als erster Afrikaner im Parlament, genoss er bis ins Jahr 2006 das Image eines Hoffnungsträgers. Dann kam es bei den Grossratswahlen zu Unsauberkeiten, ihm wurde Wahlbetrug vorgeworfen. Lumengo machte geltend, er habe nicht in böser Absicht gehandelt, ihm sein ein dummer Fehler unterlaufen. Die SP forderte nach dem Urteil gleichwohl seinen Rücktritt. Lumengo weigerte sich und will nun das Urteil weiterziehen. Darüber wurde gestern im «Club» debattiert. Und es entwickelte sich eine interessante Diskussion, die sich letztlich um Ehre und Würde drehte, um Politik und Glaubwürdigkeit, um Moral, um die Schweizer Kultur und Rassismus.

Keine juristische Frage

Zunächst erläuterte Roland Näf, Präsident SP Kanton Bern, Lumengos Weigerung zurückzutreten, sei ein Vertrauensbruch gewesen, zumal das so abgesprochen gewesen sei. Lumengo hält dagegen, es habe zwar ein Communiqué wegen eines möglichen Rücktritts gegeben, er habe sich aber in keiner Weise dazu verpflichtet. Seine Argumentation in der Sache ist: «Ich habe nicht vorsätzlich gehandelt, ich habe bloss einen Fehler gemacht.» Moralisch und ethisch habe er sich nichts vorzuwerfen, zumal der Betrug nicht vorsätzlich geschah. Er habe sich immer für die Benachteiligten eingesetzt, habe Bekannte auch in juristischen Belangen unterstützt. So sei es denn auch zum Vergehen gekommen. Das Ganze sei eine Bagatelle.

Dass es böse Absicht war, davon gehe auch die SP nicht aus, kontert Näf. Es sei auch keine juristische Frage sondern eine der Glaubwürdigkeit. In dieselbe Kerbe hauen die Journalisten. Peter Rothenbühler, Redaktionsdirektor «Le Matin», appelliert an Lumengos Vorbildfunktion. «Sie spielen eine historische Rolle. Der erste Afrikaner, der ins Parlament gewählt wurde. Sie sind ein Vorbild.» Die Verurteilung wegen Wahlbetrugs sei ein Schandfleck, er könne nicht einfach den Unschuldigen spielen und müsse die Konsequenzen ziehen. «Wenn sie einfach weitermachen, dann ist das unwürdig.»

Diskreter Leistungsausweis

Catherine Duttweiler, Chefredaktorin «Bieler Tagblatt», geht mit Lumengo am härtesten ins Gericht. Ihre Angriffe spielen auf die Person, sie verhält sich streckenweise wie eine verschmähte Liebhaberin. Sie bescheinigt Lumengo einen «diskreten Leistungsausweis» in der Politik - er spiele immer die Asylantenkarte und beanspruche eine Opferrolle. Dazu stellt sie auch seinen Charakter in Frage, zumal er sich auch im Falle eines Verkehrsvergehens nicht korrekt verhalten habe.

Die Lage ist tatsächlich verzwickt. Medien sind enttäuscht, weil Lumengo in der Rolle des Hoffnungsträgers versagt hat, die SP, weil er nicht nach ihren Regeln spielen wollte. Lumengo selber betont ein ums andere Mal, er habe zwar einen Fehler gemacht, so lange er sich aber nicht schuldig fühle, müsse er auch keine Konsequenzen ziehen. Mit dieser Trotzreaktion beweist er ein gewisses Mass an Ignoranz, nicht nur bezüglich der rechtsstaatlichen Grundlagen, sondern auch was das Verständnis für die politischen Mechanismen im hiesigen System betrifft.

Mediale Doppelmoral

Etwas näher zum Kern der Sache stösst Sonja Buholzer vor, Wirtschafts- und Unternehmensberaterin: Sie räumt zwar ein, dass Lumengo es an politischem Fingerspitzengefühl habe mangeln lassen, kritisiert aber gleichzeitig die moralischen Massstäbe, die in seinem Fall besonders streng angesetzt würden. Lumengo sei zum Helden hochgespielt worden und kippe deshalb jetzt in die Opferrolle. Dabei sei Politik doch vornehmlich Selfmarketing, betrieben von Menschen, die Fehler machten. «Wäre Herr Lumengo männlich, weiss und sozial gut vernetzt, wäre ihm das wahrscheinlich nicht passiert», sagt sie. «Die von Frau Duttweiler geforderte Moral ist eine Doppelmoral.»

Auch Gross schwingt sich nochmals zur Verteidigung auf: Rothenbühler verlange vom Afrikaner ein Musterschweizerdasein. Er habe, kontert Rothenbühler von Lumengo ein Musterafrikanerverhalten verlangt. Denn lasse man sein Vergehen durchgehen, bestätige man damit das Vorurteil, dass bei einem Afrikaner einfach damit gerechnet werden müsse, dass er auch ein bisschen betrüge. Und ja, der Massstab, der angelegt werde, sei streng. «Es gibt sehr viele hochanständige Afrikaner, die sich nicht auch nur den geringsten Betrug leisten. Und wenn es ihm nicht gelingt, die hohen Erwartungen zu erfüllen, muss er zurücktreten.»

Rassismuskarte

Moderatorin Christine Maier greift die Rassismuskarte auf und wirft sie ins Spiel, beziehungsweise Lumengo zu: Wird er besonders streng beurteilt, weil er Afrikaner ist? Nur zum Teil, sagt Lumengo. Die politische Diskussion drehe sich nicht in erster Linie um einen rassistischen Aspekt, sondern entscheidend sei seine emotionsgeladene Geschichte, sein Migranten-Hintergrund usw.

Und so biegt die Runde in die Schlussgerade ein: mit der Frage, wie weiss die Weste eines Politikers eigentlich sein muss, also wie viele Prozent Fehlerquote erlaubt sind. Näf bemerkt, dass die Massstäbe tatsächlich je nach Kultur und auch je nach Partei unterschiedlich seien. Und führt stolz aus, dass die SP in dieser Hinsicht besonders streng sei. Gross belächelt diesen Vorstoss und bemerkt süffisant, dass die Nulltoleranz bei jener Firma auch nicht zum Zuge gekommen sei, welche in den USA illegale Geschäftige getätigt habe und dann in finanzielle Schieflage geraten sei. Dort sei es wiederum in Ordnung, wenn der Bund einspringe, um sie zu retten. Buholzer fordert mehr Toleranz und eine offensivere Fehlerkultur, anstatt immer alles nur unter den Tisch zu wischen und sich in moralischem Relativismus zu üben. Und Lumengo sagt ein ums andere Mal: Wichtig ist ja, wie ich mich fühle - und ich bin mir keiner Schuld bewusst - was natürlich nicht sehr zu seiner Glaubwürdigkeit beiträgt.

Deutlich wird an diesem «Club» einerseits, dass Medien und Partei tatsächlich einen moralischen Relativismus pflegen, dass Lumengo wegen seiner Vorbildfunktion tatsächlich strenger beurteilt wird. Wahr ist aber auch, dass es in der Politik nunmal um Symbole, Botschaften und Etiketten geht und dass Lumengo auch rhetorisch kein sonderliches Geschick zeigt, seinen Fehler auszubügeln. Letztlich werden die Wähler entscheiden müssen, wie sie den Fall Lumengo behandeln sollen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2010, 10:33 Uhr

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