«Tatort»-Kritik

Der Transvestit darf nicht böse sein

Im Zentrum des gestrigen «Tatorts» stand ein alter Mann in Frauenkleidern. Leider übernahm am Ende doch noch die Political Correctness das Diktat.

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«Unsere kleine Familie», nannte sie Kommissar Schenk einmal scherzhaft, jene vierköpfige, untereinander kompliziert verbandelte Gruppe der Tatverdächtigen – der weichliche Frank, seine abgewrackte Freundin Sophie, der schleimige Zocker Stamm und Trudy Hütten, der Transvestit. Letztere war die Hauptdarstellerin des gestrigen Kölner «Tatorts» «Altes Eisen». Edgar Selge, gelegentlicher Mime am Wiener Burgtheater, interpretierte die Figur mit einer Finesse, wie sie in deutschsprachigen TV-Filmen nur selten zu bewundern ist.

Gekonntes Spiel mit Klischees

Einerseits spielte Selge gekonnt mit bekannten Tunten-Klischees wie der schnatternden Artikulation oder einer unkonventionellen Freundlichkeit (so duzte Hütten die beiden Kommissare Ballauf und Schenk hartnäckig). Andererseits liess er immer wieder ein irritierend düsteres Gemüt durchblicken. Dem Betrachter stellte sich unweigerlich die Frage: Setzen ihm schlicht die notorischen Ressentiments zu, denen er seit seinem Geschlechterwandel ausgesetzt ist (in einem Nebensatz verrät Hütten, dass er anatomisch noch immer ein Mann ist)? Oder hat es doch mit dem Mord an der greisen Hausbesitzerin Erika Roeder zu tun, die offenbar eine Entmietung Hüttens in Erwägung gezogen hatte? Gegen Ende des Films verdichteten sich die Indizien, dass tatsächlich Hütten den Mord verübt hat. Ihre Furcht vor dem Wohnungsverlust überstieg das konkret Materielle nämlich bei weitem. «Diese Wohnung ist meine kleine Festung», sagte sie während des Besuchs der Kommissare; «hier kann ich ich sein».

(Zu) überraschende Mörderin

Schliesslich kam alles anders, Mörderin war Hüttens Ex-Frau Gerda, eine Nebenfigur. Den Filmemachern um Regisseur Mark Schlichter gelang so eine deftige Überraschung. Indes fiel sie ein wenig zu gross aus, denn Gerdas Mordmotive wirkten wenig plausibel. Hauptgrund der Tötung war letztlich eine Lappalie, die abendliche Vertreibung aus dem Innenhof durch die garstige Roeder. Die Erschiessung mit dem im Gerangel entwundenen Revolver kam einer Affekthandlung gleich, zumal die apathisch-todessehnsüchtige Gerda (im Gegensatz zu Trudy Hütten) während des gesamten Films kaum Interesse an einem Verbleib in Roeders Haus erkennen liess.

Die wenig überzeugende Täterschaft war die gewichtigste von diversen Unstimmigkeiten des gestrigen Tatorts. Ebenfalls wenig geglückt war die filmische Umsetzung des Trend-Themas Gentrifizierung, der Verdrängung Alteingesessener durch reichere Zuzüger also. Zwar wurde diese urbane Entwicklung, die dem roedlerschen Hausstreit zugrunde lag, mehrmals angesprochen, anhand der Filmkulisse Kölns visualisiert wurde sie hingegen nicht. Ohnehin: Vom rheinischen Charme und Kolorit war enttäuschend wenig zu hören und zu sehen, vereinzelte Stichworte («Jeder Jecke ist anders») und Behauptungen («Toleranz», «Fröhlichkeit») ausgenommen.

Jubiläums-«Tatort» für Ballauf und Schenk

Leicht tollpatschig wirkte schliesslich, dass Ballauf und Schenk bei allen gewalttätigen Szenen rein zufällig mit ihrem Dienstwagen vorbeituckerten, um justament ins Geschehen eingreifen zu können. Ein dramaturgischer Trick, den der Film mit vielen anderen, eher durchschnittlichen Krimis gemein hatte. Diese Minuspunkte wurden allerdings anderweitig ausgeglichen, etwa durch einen tollen Soundtrack oder den Verzicht auf billige Erotik. Das eingespielte Duo Klaus Behrendt und Dietmar Bär alias Ballauf und Schenk bestritt seinen 50. gemeinsamen «Tatort» erwartungsgemäss schlagfertig und feixfreudig. Grösster Vorzug blieb nichtsdestotrotz das Schauspiel von Edgar Selge. Es verlieh der Folge «Altes Eisen» erst das Prädikat «sehenswert». Schade, dass seiner ambivalenten Figur die finale Mordtat letztlich nicht zugetraut und sie zur blossen Handlangerin degradiert wurde.

Erst gekitzelt – dann doch geduckt

Es hat den Anschein, als hätten die Filmemacher den Schulmeister Political Correctness erst tüchtig gereizt und gekitzelt, um sich schliesslich doch unter seinem Stöckchen zu ducken. Vielleicht täte es der «Tatort»-Serie mit ihrem unverkennbaren gesellschaftlichen Harmonisierungsanspruch ganz gut, bisweilen auch soziale Outsider Mord und Totschlag begehen zu lassen.

Wie fanden Sie den gestrigen «Tatort»? Beugten sich die Macher dem Diktat der Political Correctness? Wie gefiel Ihnen Edgar Selge als Trudy Hütten? Diskutieren Sie mit! (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2011, 09:31 Uhr

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