Der Untergang des Kokain-Milliardärs

Heute stellt Netflix die zweite Staffel des Escobar-Epos «Narcos» online. Wieder erwartet die Zuschauer überwältigendes Fernsehen.

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Immer noch rieselt das Kokain. Aber die schöne, weisse Welt hat Risse bekommen. Die Erfolgsstory von Pablo Escobar, dem mächtigsten Drogenboss der 80er-Jahre, geht in der zweiten und wohl letzten Staffel vom Netflix-Hit «Narcos» zu Ende. Was bisher geschah: Escobar stieg vom Bauernsohn zum milliardenschweren Kopf des Medellin-Kartells auf. Dazu setzte der Familienvater Kopfgeld auf Polizisten aus, liess Richter umbringen und sprengte ein Linienflugzeug in die Luft, um einen unliebsamen Präsidentschaftskandidaten loszuwerden. Sogar den Justizpalast stürmte er, weil dort Beweise gegen ihn aufbewahrt wurden.

Normalerweise wartet das Finale einer Serie mit einer überraschenden Wendung auf. Hier ist das Ende aus den Geschichtsbüchern bekannt: Pablo Escobar wird getötet. Während die erste Staffel Escobars Aufstieg, also die Jahre 1975 bis 1992 abdeckte, konzentriert sich der zweite Teil auf die Monate vor seinem Tod. Das bedeutet weniger Epos, mehr Drama und auch mehr Action – der Bodycount dürfte noch höher als in der ersten Staffel sein.

Denn Escobar (gespielt vom Brasilianer Wagner Moura) und seine Privatarmee werden gejagt, der neue Präsident und sein Polizeichef wollen kurzen Prozess mit ihm machen. Was dem Drogenbaron allerdings mehr Sorgen bereitet, sind amerikanische Agenten, die im Auftrag George Bushs hinter ihm her sind. Eine Auslieferung an die USA und ein Leben in einem Gefängnis, wo er keine Spezialbehandlung von bestochenen Wärtern erwarten kann, fürchtet er mehr als den Tod. Weiter beunruhigt ihn, dass mit dem Aufstieg des Cali-Kartells seine Vormachtstellung gefährdet ist.

Escobar reagiert, wie er stets reagiert, wenn er unter Druck ist: Mit einem Gegenangriff. Und so kontrastiert die liebliche Landschaft Kolumbiens, die die Serie zusammen mit Cumbia-Rhythmen inszeniert, immer wieder mit Greueltaten und blutigen Leichen. Der Schrecken der Gewalt bekommt durch diese Ästhetik eine ungeheure Direktheit. Die Gefahr der Kokainfolklore, der Gewaltverherrlichung zu Entertainmentzwecken wird umschifft, indem «Narcos» Escobars Charakter ambivalent zeichnet. Was treibt ihn an: Gier, Wahnsinn, die Herkunft oder die Liebe zu seinem Volk, das ihn als Robin Hood verehrt? Es sind wohl genau diese Widersprüche, die auch den richtigen Escobar so unberechenbar und gefährlich machten.

Minutiös erklärt «Narcos» die Welt Escobars, die ja bis heute popkulturell gerne verklärt wird. Dabei wird auch die grosse und immer noch umstrittene Frage thematisiert, wie man gegen den Drogenhandel in Südamerika vorgehen soll. Eine klare Antwort erhält der Zuschauer nicht – die Legalisierung von Drogen war zu Escobars Zeiten noch kein Thema. Aber indem die Serie schildert, wie sich die Ermittler der Brutalität und moralischen Beliebigkeit von Escobars Kartell anpassen, zeigt sie eindrücklich, wie der Drogenkrieg zu einem Teufelskreis aus Kokain, Geld und Gewalt führte.

«Narcos», Staffel 2. Ab heute auf Netflix. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2016, 09:48 Uhr

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