«Ein Oin-Oin sitzt im letzten Wagon ...»

Franz Hohler erinnert sich an René Quellet – und erzählt einen herrlichen Witz.

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Von 1973 bis 1994 prägten Sie mit dem am Donnerstag verstorbenen René Quellet die Kindersendung «Das Spielhaus» auf SRF. Woher stammt sein Spruch «I säge nüt!»?
Ich wollte den Kindern einen nonverbalen Zugang zu dem, was ich sagte, ermöglichen. Dafür eignete sich der Spruch ideal. Geplant war, dass René die Pantomimen zu meinen Geschichten liefern, sie optisch spiegeln sollte. Dann wuchsen uns aber plötzlich und ungeplant andere Rollen zu: Ich war der Erwachsene, René das Kind.

Und das, obwohl Quellet zwölf Jahre älter war als Sie …
… aber immer zwölf Jahre jünger wirkte! Er spielte das Kind überzeugend in allen Facetten: das ungeduldige, das neugierige, das gluschtige Kind. Es war erstaunlich, wie intensiv sich die Kinder mit ihm identifizierten. «I säge nüt» wurde als nützlicher Verteidigungssatz unter den Schweizer Kindern rasch populär, das haben mir Eltern immer wieder bestätigt. «Wo hast du die Schuhe im Garten versteckt?» – «I säge nüt!» (lacht)

Welche Rückmeldungen gabs ansonsten von den Kindern?
Einmal drehten wir einen Tisch um, setzten uns darauf und erklärten, er sei nun ein Schiff, mit dem wir nach Afrika reisten. Wenig später trafen im Leutschenbach erste Fotos von Kindern ein, die auf umgedrehten Tischen nach Afrika reisen wollten. (lacht) Auch schickten uns die Kinder bald massenhaft Schoggipapiere für Renés Schoggipapieralbum. Und als ich die Kinder in einer Sendung aufforderte, ds Schöppelimungi, das Totemügerli und die anderen Fantasiefiguren aus meinem «Bärndeutschen Gschichtli» zu zeichnen, schickten sie uns 17’500 Zeichnungen zu, 17’500! Der Pöstler wurde richtig hässig, weil wir die normale Postadresse angegeben hatten und nicht jene, die für solche Einsendungen üblich war. Kistenweise mussten sie uns die Zeichnungen ins Redaktionsbüro tragen.

Wie stiessen Sie auf Quellet als Humorpartner?
1971 kam das Schweizer Fernsehen auf mich zu, man wollte eine Sendung für Kinder im Vorschulalter drehen. Da dachte ich sofort an Quellet, den ich mit seiner Kunstfigur «Türlü» auf der Bühne gesehen hatte. Er schuf mit seinen Pantomimen eine Poesie, die nah am Menschen und seinen Träumen war, die humorvoll und spielerisch, aber nie abgehoben oder künstlich wirkte.

Wer heute Ihre Sendung «Das Spielhaus» schaut, dem fällt die rührende Gemächlichkeit auf. Kindersendungen haben heute deutlich mehr Zack.
Und wir waren ja damals schon langsam! (lacht) Um 1980 herum entstand mit den Videoclips jene Tempokultur, die das Fernsehen bis heute prägt. Wir dagegen waren mit Absicht langsam. Wenn ich heute einen Kinderkanal einschalte, dann frage ich mich schon, ob die Kinder da nicht überfordert werden von dieser rasanten Dauerschlaufe, der Geschwindigkeit der Comics.

Wie würden Sie heute eine Kindersendung gestalten?
Ich würde vielleicht eine meiner Kindergeschichten vorlesen. Eine Kameraeinstellung, keine Schnitte, zehn Minuten erzählen, nichts Weiteres. Ich bin weiterhin überzeugt: Wenn jemand erzählen kann, dann hören die Kinder zu.

Gab es eine «Spielhaus»-Episode, die Ihnen besonders in Erinnerung ist?
Am liebsten war mir wohl die Weihnachtssendung, während der wir eine Krippe improvisierten. Josef war ein Bauklotz, Maria war eine Shampooflasche, das Jesuskind ein Tannzapfen in einer Streichholzschachtel. Mit solchen Spielereien wollten René und ich die Fantasie der Kinder anregen.

War Quellet eigentlich auch privat so wortkarg?
Überhaupt nicht. Er war unter anderem ein brillanter Witzerzähler. Er hatte sich ja schon in den 50er-Jahren als Conferéncier ein grosses Repertoire zugelegt. Zum Beispiel kannte er viele sogenannte Oin-Oin-Witze. Der Oin-Oin ist eine Figur aus der Romandie, ein glücklicher Trottel. Einer von Renés Oin-Oin-Witzen ging so: «Ein Oin-Oin sitzt im letzten Wagon, als der Zug in Neuenburg einfährt. Der Kondukteur steigt aus dem ersten Wagen aus und ruft: ‹Neuchâtel!› Da steigt der Oin-Oin ebenfalls aus und ruft: ‹Ici aussi!›» (lacht) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2017, 16:46 Uhr

Franz Hohler (*1943) ist Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher. (Bild: Karin Hofer)

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