Eine Taste, ein Klick, eine Liebesbeziehung

Wer glaubt, der gute alte Teletext habe ausgedient, irrt – eine Hommage an das 30-jährige Informationsportal. Eine wichtige Rolle im Konzept des Teletexts spielt der Sport.

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Für viele ist es ein kaum wegzudenkendes Ritual bei der täglichen Heimkehr. Fernseher an, Teletext-Taste drücken, sich über das Wichtigste des Tages informieren. Diese Liebesbeziehung funktioniert auch im Ausland, sofern das Schweizer Fernsehen verfügbar ist. Ein Klick auf die Fernbedienung ist vielmals bequemer als die mühselige Sucherei nach schnellen Informationen im World Wide Web. Selbst an Orten, wo die Internetverbindung noch in den Kinderschuhen steckt, wird so der News-Draht in die Heimat hergestellt. «Noch immer», sagt Julien Kurt, Leiter Kommunikation bei Swiss Txt, «ist der Teletext für viele ein relevantes Medium.»

Heute nutzen pro Tag 800 000 Schweizer das Informationsportal via Fernseher. Eindrücklich sind auch die Online-Einschaltquoten: Im Februar wurde die Homepage von 1,4 Millionen Benutzern gelesen, die einmalig kostenpflichtige und werbefreie App hatte im selben Zeitraum gar 5 Millionen Zugriffe zu verzeichnen. Eine Studie von 2012 sagt, dass zwei Drittel der Schweizer vom Teletext-Paket Gebrauch machen. Bei 8 Millionen Einwohnern sind dies 5,3 Millionen Menschen.

Trotz der heute vielfältigen Informationskanäle behauptet sich der analoge Teletext also weiterhin auf dem Markt. Die Philosophie ist ein Erfolg und ihrer Linie in den letzten 30 Jahren treu geblieben. «Das Wichtigste in Kürze», sagt Kurt, finde man im Teletext.

Die heiligen Seiten im Sport

Das Rezept, das den Teletext seit 1984 für viele zum unverzichtbaren Medium macht, ist simpel: 620 Zeichen in maximal acht verschiedenen Farben sind es, die pro Seite gestalterisch verwendet werden können, um die Information zu formulieren. Bilder gibt es keine, das würde Stilbruch bedeuten. Hinzu kommt, dass der Inhalt neutral und aktuell verfasst ist. Aktualisiert wird die Seite alle 30 Sekunden, publiziert wird nur, was bestätigt ist. Für Gerüchte oder einseitig formulierte Beiträge ist der Teletext das falsche Medium.

Eine wichtige Rolle im Konzept des Teletexts spielt der Sport. Nebst den Wetterseiten, dem TV- und Radioprogramm sowie den News zählen die Sport-Informationen von Seite 180 bis Seite 299 zu den beliebtesten Rubriken. SRF-On­line-Sportchef Roland Schneider, der mit seinem Team die sportlichen Inhalte des Teletexts füllt, sagt: «202 und 241 sind unsere heiligen Seiten.» Fussball und Eishockey sind also Trumpf.

Das belegen Beispiele aus der Praxis (siehe Bildstrecke). Cristobal Huet, der Eishockey-Goalie des HC Lausanne, erzählt, dass in der Garderobe der Vaudois stets der Fernseher laufe – mit dem Teletext-Standbild und den Resultaten der Konkurrenz. Mit einem Klick mehr geht es schliesslich direkt zur aktualisierten Tabelle. Die einfache Bedienung und die Übersichtlichkeit des Portals sind ein weiterer Pluspunkt. Julien Kurt sagt: »Der Teletext hat auf der Fernbedienung seinen eigenen Knopf – welcher TV-Sender kann dies schon von sich behaupten?»

Negative Rückmeldungen von den Nutzern bekamen die Macher einzig 2004 zu spüren, als sie für den Sport mehr Platz benötigten und gewisse Seitenzahlen ändern musste. Seither beginnt die Welt des Sports auf Seite 180 und nicht mehr wie in den ersten 20 Jahren auf Seite 200.

In allen vier Landessprachen

Ein anderes Merkmal im Teletext- Sport ist die einfache Tabellendarstellung – Grün bedeutet gut, Rot schlecht. Mit dieser Symbolik arbeiten gelegentlich auch Sportler oder Medien. Unvergessen ist die erstmalige Nationalliga-A-Playoff-Teilnahme der SC Langnau Tigers im 2011, als die Eishockeyaner aus dem Emmental entsprechend der Einfärbung im Teletext in Grün – und nicht in den Clubfarben Gelbrot – feierten. Oder: Der Wohler Anzeiger titelte über den lokalen Fussballclub in einer Spielvorschau: «Linke Teletext-Seite als Ziel». Was nichts anderes heisst, als eine Platzierung in der vorderen Tabellenhälfte.

Die Bedeutung und die verschiedenen Möglichkeiten des Teletexts haben parallel zur technischen Entwicklung und zum Wachstum des Mediums zugenommen (siehe Tabelle). Als das Projekt 1984 in Biel gestartet wurde, ging es in erster Linie darum, programmunabhängige Informationen zu liefern. Das erste Layout kam der Zeit entsprechend einfach daher und erinnerte an das MS-DOS, das erste Betriebssystem von Windows. Doch nicht nur optisch wurden Fortschritte erzielt, sondern auch inhaltlich. 1985 folgten erste Seiten auf Französisch, ein Jahr später auf Italienisch. Heute sind ab Seite 370 auf SRF 1 sogar Beiträge in Rumantsch aufgeschaltet.

Zu drei Vierteln Service public

Zu finden ist der Schweizer Teletext auf sieben Kanälen (SRF 1, SRF 2, SRF info, RTS 1, RTS 2, RSI 1, RSI 2), betrieben wird er durch die Firma Swiss Txt, die eine Tochtergesellschaft der SRG ist. Deshalb werden die Inhalte seit 2006 von den Multimedia-Zentren der SRG aufbereitet, am einstigen Hauptsitz in Biel arbeiten nur noch rund 40 der total 162 Mitarbeiter. Das Rückgrat SRG ermöglicht es dem Teletext, drei Viertel der Kosten aus dem Service public zu decken, ein Viertel wird durch Werbung generiert. Julien Kurt sagt aber auch: «Die Werbeeinnahmen sind in letzter Zeit insgesamt rückläufig.»

Auch deshalb war ein Vordrängen in den Multimedia-Markt vonnöten. Wichtig schien den Teletext-Machern, den aktuellen Strömungen zu folgen. «Wir mussten aufgrund der veränderten Mediennutzung der Konsumenten Gegensteuer geben», erklärt Kurt den Mehrwert, den man sich von den Bemühungen im Onlinesektor erhoffte. Die jüngsten Zahlen belegen, dass sich die Investitionen bei App und Webseite gelohnt haben.

Spitzenergebnisse erzielt der Teletext vor allem bei sportlichen und politischen Grossanlässen. Bei Ereignissen also, die den Schweizer besonders stark interessieren. So etwa Anfang September 2013, als am zweiten und entscheidenden Tag des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Burgdorf 2,1 Millionen Menschen den Dienst des Teletexts beanspruchten. Ähnliche Werte erzielte das Portal am zweiten Februar-Wochenende dieses Jahres, als die Abstimmung zur Masseneinwanderung sowie das erste Olympia-Wochenende in Sotschi zuoberst auf dem Nachrichtenindex des Landes standen.

Männer sind fleissige Nutzer

Interessant ist, wie sich die Nutzergruppen zusammensetzen. Wer meint, das 30-jährige Medium sei nur etwas für die älteren Semester, täuscht sich. Fast ein Drittel der Nutzer sind unter 35-jährig, den grössten Anteil machen die 35- bis 54-Jährigen aus (37,5 Prozent). Kurzum: Der Teletext wird von allen genutzt. Grösser als bei den Segmenten ist der Unterschied in der Geschlechterfrage: Die Männer sind mit 57,8 Prozent die fleissigeren Teletext-Kunden als die Frauen. Bemerkenswert auch, dass ein Teletext-Nutzer pro Tag fünfeinhalb Minuten auf dem Portal verweilt, vor allem zur Primetime nach 18 Uhr. Manchmal auch länger als geplant, weil das Durchschauen der Unterseiten Zeit braucht. Je nach TV-Gerät ist es nicht möglich, manuell zu blättern. Die Geduld, zu warten, bis die Seite automatisch auf die nächste schaltet, bringen viele nicht auf.

Dass die Schweizer zum Teletext stehen, erfuhr Swiss Txt besonders im letzten Jahr, als wieder einmal die Werbetrommel gerührt wurde. Gesucht wurden Botschafter, die das Produkt lieben und dafür einstehen. Letztlich lagen zehn Dossiers auf dem Tisch, die alle die Anforderungen der Kampagne erfüllten. Swiss Txt hatte die Qual der Wahl und entschied sich letztlich für Ex-Miss-Schweiz Christa Rigozzi, Musiker Knackeboul und Tennisspieler Stanislas Wawrinka. Dass Letzterer in der zweiten Hälfte des 2013 sein bestes Tennis der Karriere auspackte, spielte der Teletext-Offensive zusätzlich in die Karten. Seit dem Relaunch der Homepage im Vorjahr haben sich die Zugriffe versiebenfacht.

Auch wenn sich eine Verschiebung der Nutzung in den mobilen Bereich bemerkbar macht, wird der Teletext am Fernseher so rasch nicht verschwinden. Roland Schneider sagt: «Solange es den Teletext gibt, tragen wir Sorge zu ihm.» Sein Sport-Team am Leutschenbach ist es, das seinen Teil dazu beiträgt. Auch wenn das Gros der Resultate automatisch ins System einfliesst, geht den SRF-Mitarbeitern der Multimedia-Abteilung die Teletext-Arbeit nie aus. Das grosse Plus sei eben die Verlässlichkeit des Mediums. Auf den Sportbereich umgemünzt heisst dies, das Sternchen blinkt im Teletext erst auf, wenn der Schiedsrichter das Tor gegeben hat. Vorher passiert gar nichts.

Der Teletext zählt also noch immer zu den sichersten, schnellsten und benutzerfreundlichsten Quellen. Deshalb lässt sich festhalten: Auch im schnelllebigen Jahr 2014 hat dieser Dienst seine Daseinsberechtigung. Vielleicht sogar mehr denn je. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.04.2014, 11:35 Uhr

Der Teletext als Kunstform

Auch Künstler haben den Teletext entdeckt. Die Reduktion auf einzelne Pixel hat in der heutigen Welt der HD-Auflösung einen starken visuellen Reiz und ist für Kunstschaffende eine willkommene Spielwiese. Seit 2012 findet in Helsinki jedes Jahr das internationale Teletext Art Festival Itaf statt. Die Werke der elektronischen Kunstszene werden während der Ausstellung auch auf den Teletexten von SRF, ARD und ORF publiziert. Die Motive sind vielfältig: Die Bandbreite reicht von Städtelandschaften über Tiere oder ein Gehirn bis hin zu abstrakter Pixel-Art. Zu sehen sind einige Ergebnisse des letztjährigen Festival auf dessen Homepage.

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