Eine unmögliche Debatte

Der gestrige SRF-Club hat gezeigt: Die Doppeladlergeste von Shaqiri und Co. ist nur die Spitze des Eisbergs. Und der Eisberg war zu gross für eine Sendung.

Politisch oder nicht? Die Runde im «Club» war sich uneinig über die Motivation hinter der Doppeladlergeste. Bild: Keystone

Politisch oder nicht? Die Runde im «Club» war sich uneinig über die Motivation hinter der Doppeladlergeste. Bild: Keystone

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Auf den ersten Blick mag das Thema des jüngsten «Clubs» ältlich erscheinen: «Doppeladler, Doppelbürger, Doppelmoral?» Tagelang beherrschte die Geste von Shaqiri, Xhaka und Lichtsteiner die Medien, sogar weltweit. Genau deshalb war es vielleicht nicht verkehrt, dass die Sendung das Thema mit etwas Abstand aufgriff, wenn sich nach dem Aus für die Schweizer Nati die Fussballgemüter nun wohl endgültig etwas abgekühlt haben.

Gemütlich fing es denn auch an. Bequem, breitbeinig im Sessel sitzend erzählte der ehemalige serbische Nationalspieler und ehemalige Captain des FC Basel, Ivan Ergic, wie er seine Balkanspieler mit dem gemeinschaftlichen Geist Ex-Jugoslawiens als Team eingeschworen habe.

Diese nostalgischen und versöhnlichen Worte wurden schnell von Roger Köppels Ansichten überrollt, die der SVP-Nationalrat während der Sendung bei jeder seiner Wortmeldungen wiederholte: Keine ausländische Politik unter Schweizer Fahne. Dass albanischstämmige Spieler in der Schweizernati den Nationalismus ihres Heimatlandes vor Serben zelebrieren, Rachegesten für Kriegsgräuel ausleben, das gehe gar nicht.

Spieler denken nicht über Politik nach

Auch wenn sich der Rest der Runde einig war, dass die Doppeladlergeste ungeschickt, unnötig und auch dumm war, wurde erklärt und relativiert.

Für den Integrationsexperten Thomas Kessler steht fest: Politisch war die Geste sicher nicht. Das Problem sei eher die Mimik zur Geste gewesen, was wahrscheinlich dem Adrenalin geschuldet gewesen sei, welches mit den Spielern durchgegangen sei.

Für Ergic steht fest: Die intellektuelle Schuldfähigkeit der Spieler schätzt er generell geringer ein als jene von Medien und Politik. Gerade junge Spieler seien sich der Konsequenzen ihres Handels nicht bewusst, leider auch dann nicht, wenn es um ethnische Konflikte gehe. Das sei problematisch, da sie in der Öffentlichkeit trotzdem als Vorbilder wahrgenommen werden.

Beni Thurnheer, ehemaliger SRF-Sportkommentator, sieht das Ganze sehr pragmatisch: Da spiele ein Haufen Millionäre Fussball. Der Spieler kicke, wo er mehr Geld verdiene und nicht wo sein Herz schlage. Was alles in Gesten und Adler hineinprojiziert werde, sage mehr über diejenigen Leute aus, die das machen und nicht über die Nati selbst.

Das Integrationsmass «Natihymne singen»

Heiter wurde die Runde, als darüber diskutiert wurde, wieso Shaqiri und Co. nicht die Nationalhymne singen würden. «Glaubt ihr etwa, dass Roger Federer vor Wimbledon gerne die Nationalhymne singen würde?», fragte Thurnheer in die Runde. Richtig bemerkte Kessler, dass das Singen der Nationalhymne an einem Fussballmatch wohl kaum ein geeigneter Indikator für Integration sei. Man schaue da eher auf die Erwerbsquote, die Bildung oder die IV-Quote.

Arber Bullakaj, SP-Stadtparlamentarier in Wil St. Gallen sprach daraufhin einen zentralen Punkt in der Debatte an: Man würde von Personen mit Migrationshintergrund verlangen, dass sie die besseren Schweizer als die Schweizer selbst seien. Ist eine zugewanderte Person nicht genau so, wie man sie haben möchte, wird sie zum Verräter gemacht.

Die Zeit im «Club» war schnell um. Die Vielfalt an Themen war gross, zu gross vielleicht für eine Sendung. Denn es ging um den politischen Kontext und die Geschichte des Doppeladlers, den Konflikt zwischen Serben und Albanern, um die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit, Identitäten und Doppelidentitäten, um Integration und um Fussball.

Chance auf gute Debatte vergeben

Was bleibt von der medialen Adlerdebatte der letzten Woche? Nichts, findet Jeronim Perovic, Professor für osteuropäische Geschichte. Nach dem Vorfall habe er auf eine konstruktive klärende Diskussion in der Öffentlichkeit gehofft. Stattdessen habe man den Vorfall medial und politisch aufgebauscht und ausgenutzt. Nun komme alles wieder hoch – Serben, Albaner. «Niemand braucht das.»

Wieso, wurde dem Zuschauer während der Sendung unter Hühnerhaut klar. Aus den persönlichen Geschichten von Bullakaj und Ergic hörte man, dass für sie der Konflikt real ist. Nicht etwa, weil sie ihn ausleben oder unterstützen würden, sondern weil er ihr Leben mitprägt, ob sie wollen oder nicht. Sie redeten bedacht. Für sie ist der Vorfall, die Debatte und der Kontext nicht einfach ein Spektakel, um Sensationshungrige zu unterhalten.

Die immer wieder aufheizenden Voten von Köppel liessen einen dabei umso mehr schaudern. Gleich verhielt es sich mit der Schroffheit von Moderatorin Barbara Lüthi, die Köppel immer wieder zu bremsen versuchte. Auch das wirkte oft unnötig und plakativ.

Was braucht es, um beim nächsten Adleraufschrei in der Debatte auf einen grünen Zweig zu kommen? Perovic meint: Reflexion, Abstand, Aufarbeitung der Vergangenheit, eine Auseinandersetzung mit Erinnerungskulturen. Die Debatte, ob man Schweizer sei oder nicht, die aber sei und bleibe unmöglich. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2018, 11:29 Uhr

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