Eine ziemliche Drecksstadt

Die Fernsehserie «The Deuce» von «Wire»-Macher David Simon erzählt vom Aufstieg der Pornoindustrie im New York der Siebzigerjahre.

Schicke Schmuddeligkeit? «The Deuce» spielt im New York der 70er.


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Es gibt zwei Arten von Sex in «The Deuce», und weil es sehr viel Sex in dieser Serie zu studieren gibt, wird dem Zuschauer der Unterschied auch relativ bald klar. Es gibt Leute, die haben Sex, weil es ihnen Freude bereitet oder weil sie wenigstens mal wieder einen ordentlichen Orgasmus erleben wollen. Und es gibt Menschen, die schlafen mit anderen vor allem deshalb, weil sie Geld dafür bekommen. Als Prostituierte, als Pornodarsteller, als Partner reicher Liebhaber. Erstaunlich daran ist vor allem, wie viel Sex es gibt in dieser Serien-Welt, bei dem der eine Freude hat oder wenigstens einen ordentlichen Orgasmus erlebt – und der andere es ausschliesslich tut, weil er dafür bezahlt wird.

Eine Geschichte über diesen Unterschied kann auf vielfältige Weise scheitern – zumal, wenn sie im New York der 70er-Jahre spielt. Dieser Ort und diese Zeit werden oft verklärt als niemals endende Party im Studio 54, mit Künstlern und Freigeistern auf den Trottoirs und einer schicken Schmuddeligkeit. In Wirklichkeit war New York eine ziemliche Drecksstadt damals, ekelhaft und gefährlich. Es stank in den Strassen, weil wieder einer im Drogenrausch nicht kapierte, dass er sich gerade anpinkelte. Eltern gaben ihren Kindern Geld mit auf den Schulweg. Mugger’s Money – ein paar Dollar für die Räuber.

Charles Dickens der Bilder

Vordergründig geht es um den Aufstieg der Pornoindustrie rund um den Times Square in New York, den Erfolg des Film «Deep Throat» im Jahr 1971, um den daraus resultierenden gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Sex, Obszönität, Moral und der Heuchelei, die das alles mit sich bringt. Die Geschichte könnte scheitern, wenn es diese Zeit romantisieren und ein paar Pretty-Woman-Märchen erzählen würde. Sie könnte misslingen, wenn sie über knallharte Bilder und Unhappy-End-Folgen nur schockieren und den moralischen Zeigefinger heben würde. Sie könnte schiefgehen, wenn es nur um Prostitution und Pornografie ginge und wenn Gewalt gegen Frauen normalisiert würde, wie «The National Center on Sexual Exploitation» der Serie vorwirft.

«The Deuce» aber scheitert nicht, ganz im Gegenteil. Erfinder David Simon hat nach «The Wire» und der Miniserie «Show Me a Hero» eine weitere faszinierende Charakterstudie und ein weiteres grossartiges Porträt einer Stadt zu einer bestimmten Zeit erschaffen. Simon urteilt nicht, er predigt nicht, er kommentiert noch nicht einmal. Er ist der Charles Dickens bewegter Bilder, er nimmt den Zuschauer bei der Hand, führt ihn vom damals noch nicht disneyfizierten Times Square weg in eine dreckige Nebenstrasse und lässt ihn dort gemeinsam mit ein paar Ratten auf Pumps und Prostituierte, aber eben auch in die Sterne gucken. Es gibt einen Moment, gleich in der ersten Folge, der die Bildsprache für diese komplette erste Staffel vorgibt: Der Bartender Vincent (James Franco) holt eine Kiste Schnaps aus dem Keller, als sein Bruder Frankie (ebenfalls James Franco) das Etablissement betritt. Weil sich hinter der Bar ein Spiegel befindet, sieht man beide Gesichter gleichzeitig bei diesem Gespräch. Natürlich gehört das – zwei Figuren mit dem gleichen Schauspieler besetzen und sie in einer Szene sich miteinander unterhalten lassen – zu den Grundübungen an jeder Filmhochschule, doch sind diese 30 Sekunden derart virtuos von Franco und Regisseurin Michelle MacLaren umgesetzt, dass es grosses Kino auf kleinem Bildschirm wird.

Fast wie bei «The Wire»

David Simon hat über sein Baltimore-Drama «The Wire», wegweisend für die verlangsamte Erzählstruktur in TV-Serien heutzutage, einmal gesagt: «Es ist eine Serie über eine amerikanische Stadt und darüber, dass wir alle irgendwie miteinander leben müssen und wie das Individuum letztlich an Institutionen zerbricht.» Er transportiert diese Thematik nach New York, bringt «Wire»-Veteranen (die Produzenten und Autoren George Pelecanos und Richard Price sowie zahlreiche Schauspieler) mit und fügt die grandiosen James Franco und Maggie Gyllenhaal (als Prostituierte und ambitionierte Pornodarstellerin Eileen) hinzu.

Frankie ist ein netter Kerl, er ist aber auch ein spielsüchtiger Schlingel, der dem Mafiamob Geld schuldet. Sein Bruder ist der Held der Geschichte, der aufgrund seiner Hilfsbereitschaft hineingezogen wird in eine Welt, die er faszinierend und abstossend zugleich findet. Es gibt Gefahren und Ungerechtigkeit, die Polizisten kennen jede Nutte und jeden Zuhälter beim Vornamen, und im Hintergrund bestimmen die organisierten Verbrecher, wie es läuft auf dem Times Square. Es gibt Schurken und Halunken, aber irgendwie auch keinen abgrundtief bösen Antagonisten. Es ist, wie es ist. Und alle sind, wie sie sind.

Es geht nur vordergründig um zwei Arten von Sex in «The Deuce». Vincent und Frankie eröffnen irgendwann mal eine Kneipe, und es geht auch nicht darum, ob die beiden am Ende erfolgreich sein werden. Es geht um den erstaunlichen Zusammenhalt von Menschen, die in einer Drecksstadt überleben und vielleicht ein bisschen glücklich sein wollen. Es geht darum, dass wir alle in einer dreckigen Nebenstrasse liegen, aber einige von uns die Sterne sehen.

In der Schweiz läuft «The Deuce» auf Teleclub. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 14:01 Uhr

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