Elke Heidenreich ist nicht mehr tragbar

Nach dem Eklat beim «Literaturclub» ist klar: Die Sendung von SRF muss neu lanciert werden. Es braucht einen neuen Moderator und einen Ersatz für Elke Heidenreich.

Hat sich mit ihrem falschen Heidegger-Zitat ins Out gespielt: Elke Heidenreich.

Hat sich mit ihrem falschen Heidegger-Zitat ins Out gespielt: Elke Heidenreich. Bild: Keystone

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Am Dienstag, 24. Juni, um 22 Uhr spielt Japan gegen Kolumbien und Griechenland gegen die Elfenbeinküste. Dies steht genauso fest wie die Tatsache, dass Stefan Zweifel und Elke Heidenreich beim zeitgleich stattfindenden «Literaturclub» nicht mehr gegeneinander antreten werden. Das Gegensatzpaar par excellence, der ausschweifende Moderator und die zupackende Kritikerin, werden uns den Abend nicht versüssen mit ihren Sticheleien. Die Antipathie war jeweils nur schwer unter Kontrolle zu halten. Bei der Heidegger-Debatte ist sie in Aggression umgeschlagen: Elke Heidenreich gab als Zitat des Philosophen aus, was sie frei erfunden hatte. Als Stefan Zweifel sie dabei ertappte, verlor sie die Beherrschung, warf das Buch, das sie weder ganz gelesen noch verstanden hatte, mit herrischer Geste auf den Tisch und verteidigte ihr offensichtliches Fehlverhalten wider jede Vernunft am Dienstag im «Tages-Anzeiger».

Während Stefan Zweifel zu Recht, aber erfolglos eine Korrektur der irreführenden Paraphrase bei der Redaktion von SRF einforderte, blieb Elke Heidenreich stur bei ihrer Version. Damit verspielte sie ihre Glaubwürdigkeit. Auch wenn sie mit ihrem munteren Drauflosplappern immer mal wieder dafür sorgte, dass der Literaturclub nicht ins Reich der reinen Metaphysik abhob, manövrierte sie sich mit ihrem unkollegialen Verhalten selbst ins Offside. Nun sollte sie selbst zitiert werden. Bloss von wem? Das ist das eigentliche Problem: Das Schweizer Fernsehen SRF hat in diesem Stück nämlich die schlechteste Rolle von allen gespielt. Die Redaktion verzichtete auf eine Klarstellung in der nächsten Sendung und schwieg vielsagend, als Stefan Zweifel das Handtuch warf. Das Staatsfernsehen wollte das Problem aussitzen; die Stellungnahme der Kulturchefin Nathalie Wappler war der verspätete Versuch, die Schwäche zu vertuschen.

Wer sich das TV-Desaster aus Distanz anschaut, gelangt zu folgendem Schluss: Der schnelle, tiefe Fall des «Literaturclub» müsste einerseits Konsequenzen haben für die zuständige Redaktorin Esther Schneider. Der Konflikt zwischen Zweifel und Heidenreich loderte schon länger, wobei der Bitte des Moderators um Klärung der höchst misslichen Lage nicht entsprochen wurde. Zweitens sollte Elke Heidenreich wegen bewusster Vorspiegelung falscher Tatsachen zurücktreten. Eine Literaturkritikerin, die mit Falschzitaten um sich wirft, hat einen schweren Stand in einer Diskussionsrunde, die auf Präzision und Genauigkeit angewiesen ist. Mittlerweile hat sich selbst Peter Trawny, der Herausgeber der «Schwarzen Hefte», um die es bei der Debatte ging, von der Kritikerin distanziert (siehe Kasten). Heidenreich hat den ausgewiesenen Heidegger-Experten für ihre tendenziöse Auslegung der Texte instrumentalisiert und damit seinen Ruf in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn die Herbstsaison beginnt, steht ein Neustart der Sendung an. Wenn schon Stefan Zweifel, der mit seiner flammenden Begeisterung für die Literatur überzeugte, nicht mehr dabei sein wird, sollte die Zusammensetzung der Runde grundsätzlich überdacht werden. Elke Heidenreich, die ohnehin am liebsten im Alleingang wieder ihre ZDF-Sendung «Lesen!» machen würde, ist für SRF untragbar geworden.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2014, 16:54 Uhr

Stellungnahme von Peter Trawny

Der Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe widerspricht Elke Heidenreich

Frau Heidenreich nennt in ihrer Stellungnahme im «Tages-Anzeiger» vom 27. Mai 2014 meinen Namen, um ihr mit Nachdruck vorgetragenes Pseudo-Zitat, Heidegger habe die endgültige Beseitigung der Juden aus Deutschland befürwortet («Die verborgene Deutschheit muss man entbergen. Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.»), zu stützen. Ich hätte in meinem Nachwort zu den «Überlegungen XII–XV» (GA 96) angedeutet, Heidegger habe «dieses Ziel» der Nationalsozialisten «sehr wohl zur Kenntnis genommen».

Dazu Folgendes: Zwischen einer Kenntnisnahme der Judenverfolgung und ihrer Befürwortung besteht ein Unterschied. Man kann bedauern, dass der, der das Verbrechen zur Kenntnis nimmt, nicht dagegen Stellung bezieht. Doch er wird dadurch nicht zu seinem Fürsprecher. Sonst wären all die Deutschen, die vor, während und nach der Shoa geschwiegen haben, ihre Befürworter. Eine ähnliche These hatte Daniel Goldhagen 1996 in seinem Buch «Hitlers willige Vollstrecker» vertreten. Sie wurde von anerkannten Historikern abgelehnt. Ich behaupte daher nirgendwo und deute es auch nicht an, dass Heidegger die endgültige Beseitigung der Juden aus Deutschland, will doch wohl sagen: ihre Vernichtung, begrüsst hat. Darüber hinaus behaupte ich auch nirgendwo und deute es auch nicht an, dass Heidegger überhaupt etwas von der Vernichtung der Juden gewusst hat.

Der Eklat in der Sendung

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