Für ihn ist die Gebühren-Abschaffung «moralisch»

Matthias Aeschlimann ist Profi-Geiger und für No Billag – wie bitte?!

Wandelte sich vom «Marx-Fan» zum Libertären: Künstler Aeschlimann. Screenshot: Youtube/Matthias Aeschlimann

Wandelte sich vom «Marx-Fan» zum Libertären: Künstler Aeschlimann. Screenshot: Youtube/Matthias Aeschlimann

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Der Chor der Musiker singt gerade die traurige Ballade vom No-Billag-Kahlschlag. Der Verein Musikschaffende Schweiz warnt, SRG und subventionierte Privatsender bezahlten einen «Hauptanteil der Urheberrechtsgebühren», es geht um Dutzende Millionen, und weil bei einem Ja wichtige Plattformen zerstört würden, hätten es neue Künstler schwerer, bekannt zu werden. Jüngst bat sogar Campino um ein Nein. «Ich flehe die Leute an», sagte der deutsche Altpunk.

Nun mischt sich ins einstimmige Konzert ein schräger Ton. Matthias Aeschlimann – 45 Jahre alt, Berner Seeländer, Berufsmusiker – bejahte jüngst prominent auf 3sat No Billag. Bisher war Aeschlimann ein mittelbekannter Violinist, ausgebildet an den Konservatorien Bern und Luzern, aufgetreten auf Bühnen im ganzen Land, angestellt als Konzertmeister am privaten Stadttheater Sursee. Jetzt ist er der erste Schweizer Musiker, der sich für No Billag einsetzt. Profi-Geiger mit klassisch-romantischem Repertoire und aktiver Bekämpfer von Subventionen – wie geht das zusammen? Nachfrage bei Aeschlimann.

Den Staat minimieren

«Für einen Künstler wie mich sind 350 Franken zusätzlich natürlich ein schöner Batzen», sagt Matthias Aeschlimann. Er verdiene höchstens so viel wie eine Supermarkt-Kassiererin. «Aber ums Geld geht es mir gar nicht.» Es geht um Weltanschauung, Aeschlimann denkt wie die No-Billag-Initianten libertär, will also die persönliche Freiheit maximieren und den Staat minimieren. Richtig spannend wird eine Diskussion für Libertäre, wenn es um die Privatisierungen des Strassenbaus, der Grenzsicherung oder der Armee geht. Aufgaben, die auch traditionelle Liberale in Staatshand lassen wollen.

Heimatland der Libertären sind die USA, hier wirkten die Propheten ihres Marktradikalismus, der Ökonom Friedrich von Hayek etwa oder die Schriftstellerin Ayn Rand. Im Silicon Valley und bei den Sponsoren der Republikanischen Partei hat der Libertarismus heute mächtige Unterstützer. Aber auch im deutschsprachigen Raum ist eine aktive Szene entstanden, zu der Matthias Aeschlimann gehört. Er drehte Videos für das Szenemagazin «Eigentümlich frei», und der deutsche Publizist und Hayek-Schüler Roland Baader (1940 bis 2012) war für ihn eine prägende Figur.

Das Erweckungserlebnis

Eine staatliche Finanzierung von Medien erscheint aus libertärer Sicht als unnötig, wenn nicht als absurd. «Wer für die Abschaffung von Gebühren ist, handelt moralisch, weil er seine Mitbürger von einem Steuerzwang befreit. Denn nichts anderes sind die sogenannten Gebühren, eine Mediensteuer», sagt Aeschlimann. Im «Schweizer Monat» hatte er 2015 seine Wandlung vom «Marx-Fan» zum Libertären erklärt. Das Erweckungserlebnis kam, als er merkte, dass «all das Geld, welches in von mir mitgestaltete Kulturbetriebe, Opern, Operetten, Konzerte gesteckt wurde, fast ausschliesslich aus bürgerlichen, wirtschaftsnahen, oft auch konservativen Kreisen stammt».

Die Sorgen von Campino und Co. teilt Aeschlimann nicht. «Wenn die SRG-Gebühren abgeschafft werden, tangiert das die Schweizer Demokratie nicht im Geringsten. Man kann sich heute im Internet so einfach und günstig wie nie informieren.» Aeschlimann ist überzeugt, dass die SRG bei einem No-Billag-Erfolg nicht völlig verschwinden würde. Wenn die Hälfte der heutigen Gebührenzahler freiwillig weiter einzahlen würde, erklärt der Musiker, bleibe im Leutschenbach «immer noch viel Geld für guten Journalismus» übrig. «Gewisse SRF-Mitarbeiter wie Jonas Projer oder Thomas Bucheli sind bei den Leuten zudem derart beliebt, dass ihre Arbeit auch ohne Gebühren nachgefragt, also in kleinerem Rahmen finanzierbar bliebe.»

Und die Kunst? Für Aeschlimann leben wir in einem musikalischen Schlaraffenland. «Youtube ist eine grossartige Sache.» Selbst er als Spezialist werde auf der Video-Plattform fündig, «jedes Werk, das ich üben will, ist hier online.» Sicher, Berufsmusiker müssten sich heute etwas mehr anstrengen, «wohl mehr als ich in meiner Studentenzeit». Aber gerade die klassische Musik könne im freien Markt auf Financiers hoffen. Aeschlimann schweben Gönner vor wie zur höfischen Zeit, als Aristokraten sich einen Mozart oder Beethoven gönnten. Ein solches Mäzenatentum werde erneut erblühen, wenn vermehrt libertär gedacht würde. Aeschlimann spricht von «Förder-Energie», die durch die Hürden und falschen Anreize staatlicher Bürokratie blockiert werde. «Ich erlebe bereits heute in meinem Umfeld viel private Solidarität. Und finanzkräftige Sponsoren gibts ja auch schon. Zum Beispiel Christoph Blocher, die Hayeks, oder eine breit abgestützte Stiftung.»

Das nächste Youtube-Video folgt

Er selber lebe heute praktisch ohne Subventionen, sagt Matthias Aeschlimann. «Vielleicht ist hier und dort bei einer Operetten-Inszenierung eine Gemeinde mit einem kleinen Betrag dabei.» Aeschlimann sagt, er kenne zwar die Initianten von No Billag um Olivier Kessler persönlich, sei aber nicht in die Organisation des Wahlkampfs involviert, in keinem Komitee, werde vom No-Billag-Lager auch nicht finanziell unterstützt. «Ich engagiere mich privat, aus Überzeugung.» Und ja, er wisse schon, dass er damit in der Musikszene gerade etwas alleine sei, sagt der Seeländer und lacht.

Die Abstimmung vom 4. März wird zum Härtetest für die SRG. Sie wird aber auch zeigen, wie stark der Libertarismus hierzulande ist. Matthias Aeschlimann, der Bilderbuch-Libertäre, ist vorsichtig. Die Schweizer seien risikoscheu geworden, hätten sich ein weitgehend sozialdemokratisch geprägtes Staatsverständnis angeeignet. Etwas sehnsüchtig blickt Aeschlimann nach Neuseeland und Australien, wo es in den letzten Jahren zu «bewundernswerten radikalliberalen Vorstössen» gekommen sei.

Seine Skepsis wird Aeschlimann nicht daran hindern, in den nächsten Tagen die nächste Video-Ansprache auf Youtube zu stellen. Vielleicht ein wenig länglich und nicht ganz ideal ausgeleuchtet – aber jedenfalls gratis für alle.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2017, 14:47 Uhr

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