Giftige Mixtur: Heidenreich, Heidegger, Holocaust

Die Absetzung von Literaturclub-Moderator Stefan Zweifel wirft einen dunklen Schatten auf das Schweizer Fernsehen. Der Dilettantismus hat im Leutschenbach gesiegt. Ein Kommentar.

Die Kulturredaktion liess Stefan Zweifel im Regen stehen.

Die Kulturredaktion liess Stefan Zweifel im Regen stehen. Bild: Keystone

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Die verkürzte Version dieser Geschichte geht so: Elke Heidenreich erfindet im SRF-«Literaturclub» ein Zitat und Stefan Zweifel wird abgesetzt. Das ist grotesk und der Duktus der Empörung sei ausnahmsweise erlaubt: Ein Skandal!

Wir rekapitulieren: Im «Literaturclub» vom 22. April trug Heidenreich ein angebliches Zitat des Philosophen Martin Heidegger vor: «Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland» – Zitatende. Zweifel hat den Satz in der Sendung sofort angefochten und darauf hingewiesen, dass er nirgends in den «Schwarzen Heften» stehe. Mit einem dreimaligen trotzigen «doch» beharrte Heidenreich aber auf ihrer Irrmeinung. In einem Furor schliesslich knallte sie ihr Buch auf den Tisch.

Nichtstun kann eine klare Parteinahme sein

Die internen Querelen und Intrigen im «Literaturclub» bleiben weitgehend im Dunkeln. Sicher ist aber, dass die Redaktion das falsche Heidegger-Zitat von Heidenreich nicht geahndet, geschweige denn überhaupt geprüft hatte. Auch Nichtstun kann zuweilen eine klare Parteinahme sein. Zumal dann, wenn der Moderator im eigenen Haus wiederholt eine Aufklärung der Sachlage fordert und diese verweigert wird. In ihrer Verweigerungshaltung hat die Redaktion Zweifels Autorität untergraben und ihre journalistische Sorgfaltspflicht nicht wahrgenommen. Das Schweizer Fernsehen redete sich heraus, dass man nicht eine Debatte um eine Sendung auslösen wolle, die schon über einen Monat zurückliege. Dabei ist die Zeit ganz und gar unerheblich. Die Kulturredaktion hat die Explosivität und Relevanz von Heidenreichs Aussage und ihrer journalistischen Unterlassungssünde bis heute nicht verstanden. Man liess Stefan Zweifel im Regen stehen, zuletzt setzte man ihn als Moderator ab. Der fehlende Sachverstand in der Redaktion mag dabei noch die grössere Rolle gespielt haben als der Wunsch, die rechthaberische Lieblingskritikerin nicht mit einer für sie peinlichen Untersuchung zu düpieren.

Reagierte Heidenreich in der Sendung deshalb so gereizt, weil sie sich bei einer Lüge ertappt fühlte? Hatte sich eine grosse und grobe Kritikerin daran gewöhnt, ungestraft in die Welt zu schreien, was ihr als Wahrheit lieb ist? Wollte sie Martin Heidegger, der zweifellos auch antisemitisch schrieb, mit einem erfundenen Totschläger-Zitat endgültig in der Grusel-Kiste der Nazi-Literatur entsorgen? Damit er nie mehr gelesen werde, kraft ihrer kritischen Gewalt? – Wen interessierts? Das Schweizer Fernsehen jedenfalls nicht. Zweifellos wäre der Satz, so er denn in den «Schwarzen Heften» auffindbar gewesen wäre, eine Sensation. Denn Heideggers Werk wurde auf Antisemitismus abgetastet und -geklopft wie vielleicht kein zweites. Ein solcher Satz existiert als Zitat aber nur im Kopf und Notizbuch von Elke Heidenreich.

SRF reagierte am Mittwoch auf Anfrage der BaZ und stellte fest, dass dieses Zitat tatsächlich erfunden ist, dass ganze zwei Wörter Heidegger-Zitat sind: «verborgene Deutschheit».

Die Wahrheit ist ein dehnbares Feld

Heidenreich sagte der BaZ, diese zwei Wörter seien «echtes Zitat», beim Rest handle es sich um «meine eigenen Gedanken zu Heidegger». In ihrer Aussage zum falschen Heidegger-Zitat im Fernsehen und einen Monat später am Telefon kann die Kritikerin gleichwohl keinen Widerspruch sehen. Weshalb sie über die entstandene Diskussion auch «verblüfft» sei. Die Wahrheit scheint für sie ein ganz weites und dehnbares Feld zu sein. Stossend ist weiter, dass sich Heidenreich so deutlich zu einem Buch äussert, das sie nicht einmal ganz gelesen hatte. Weil sie «keine Lust» hatte, wie sie im «Literaturclub» gestand. Diese diletantische Herangehensweise ist kein Einzelfall, wie in der gleichen Sendung die Besprechung von Sibylle Lewitscharoffs «Kilmousky» zeigt. Nach 60 Seiten Lewitscharoff denke sie jeweils «scheiss drauf», um das Buch wegzulegen. Gleichwohl weiss sie danach, dass das Buch «blöd», «überflüssig» und «dämlich» ist.

In diesem Heidegger-Komplex hat auch die Schweizer Presse versagt: Die NZZ versteckt sich hinter einer Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur. Der Tages-Anzeiger berichtet über die Nebenschauplätze. Man dämmert vornehm vor sich hin oder freut sich ungemein auf Mundart-Literat Pedro Lenz, der die Moderation übernehmen soll. Gespannt sein darf man, ob das deutsche Feuilleton ebenso gnädig über Heidenreichs erfundenes Zitat hinwegsehen wird: Heidenreich, Heidegger und Holocaust – die Mischung ist für deutsche Geister Dynamit. Die FAZ hat sich der Sache gestern schon mal angenommen.

Das Schweizer Fernsehen bestätigt derweil, dass Zweifel in der nächsten Sendung vom 23. Juni nicht mehr anwesend sein wird, weder als Moderator noch als Kritiker. Der Dilettantismus hat im Leutschenbach gesiegt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.05.2014, 07:30 Uhr

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