Lauter Beziehungsanalphabeten

Der Ostermontag-«Tatort» führte Heike Makatsch als Kommissarin nach Mainz – in einen Fall mit autistischem Teen, traumatisiertem Ermittler und totem Girlie. Too much.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein junges Mädchen geht im Dunkel durch eine verlassene Gegend der Stadt, schenkt dem unsichtbaren Betrachter ein verführerisches Lächeln, dreht sich um. Black. Klar, dass später, im Mainzer Morgengrauen, die Blitzlichter der Polizeifotografen flackern. Auch der zweite «Tatort» mit Heike Makatsch – der erste wurde am Ostermontag 2016 ausgestrahlt und spielte in Freiburg – trägt also erst mal dick auf. In der Ouvertüre von «Zeit der Frösche» wird zudem eine vorderhand verwirrende Gemengelage an Themen skizziert.

Makatschs Hauptkommissarin Ellen Berlinger fischt da nachts mit dem dreizehnjährigen Jonas, dem Sohn ihrer Cousine, am Rhein. Der schlägt ungerührt seinen zappelnden Fang tot und stellt dabei Fragen nach der Liebe. Sachlich referiert er übers Kuschelhormon Oxytocin, von dem die beziehungsunfähige, alleinerziehende Kommissarin keinen Schimmer hat. Deren Handy klingelt, der Job ruft. Sie fährt den Buben heim, dessen Mutter wiederum auf Berlingers dreijährige Tochter aufpasst. Küsschen, und ab ins Büro, wo der traumatisierte Teamkollege Rascher zögert, einen geständigen Kindermörder zu verhören. Denn die jungen Toten verfolgen ihn bis in seine Träume. Die knallharte, fintenreiche Kommissarin dagegen wird, mit nicht ganz legalen Mitteln, den Selbstbezichtiger der Lüge überführen. Umso schlimmer: Wird doch bald wieder ein Mädchen ermordet aufgefunden; siehe oben. Und Jonas verschwindet.

Viel Blut, viel Küchenpsychologie

Drehbuchautor Marco Wiersch hat ein wenig Mühe mit den vielen Fäden seiner Story. Da soll die Geschichte der grossäugigen, komplizierten Kommissarin weitergesponnen werden, der Makatsch ein unverwechselbares Gesicht gibt. Aber eigentlich gehts um die tote Sechzehnjährige, eine Schulkollegin des hochbegabten, aber auch hochgestörten, halbautistischen Jonas. Ein stinknormaler Freund und falsche Fährten, Lösegeldforderungen, Küchenpsychologie und ein blutverschmierter Kapuzenpulli in einer Altkleidersammlung: Wiersch hat in «Zeit der Frösche» nichts ausgelassen, ausser, weitgehend, Gesellschaftsrelevanz.

Plakativ sind auch die Charaktere: Luis Kureckis freakiger Jonas und Paul Stiehlers Obernormalo; Makatschs skrupellose Ermittlerin, die ihre «Verkorkstheit» (wie sie selbst sagt) vor sich her trägt wie einen Orden, und ihr sensibel-sympathischer Kollege Rascher, der wie ein kältegeschockter Frosch erstarrt ist – von ihm würde man gern mehr sehen: Sebastian Blomberg. Der schweizerische Regisseur Markus Imboden wechselt für diesen Film über Beziehungsgeknorze zwischen intimen, emotional aufgeladenen Szenen und klassischen Rückblenden. Das ist solides Handwerk mit schauspielerischen Highlights, ein Krimi-Tuttifrutti mit Schnabulierwert. Aber keine Feinkost.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 21:59 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie stets nach dem «Tatort»-Film die Kritik und das Rating der Kulturredaktion – und beurteilen Sie den Film selbst.

Rating

«Tatort»-Folge: «Zeit der Frösche»

Gesellschaftsrelevanz
Blutzoll
Spannung
Humor
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wieviele Sterne verdient diese Folge?







Artikel zum Thema

Film im Film im Film

TV-Kritik Der neue Berliner «Tatort» besuchte den roten Teppich der Berlinale und präsentierte mit «Meta» ein hübsches Verwirrspiel. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...