Machtpolitik statt Service Public

Politiker von links bis rechts fordern die Streichung von SRG-Programmen. Zu Recht. Denn hinter der Expansion der vergangenen Jahre stand kaum je in erster Linie der Service-Public-Gedanke.

Verdrängung der Privaten als Idée Suisse: Die SRG.

Verdrängung der Privaten als Idée Suisse: Die SRG.

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Selbst die einst SRG-ergebene SP steht neuerdings nicht mehr vorbehaltlos hinter dem gebührenfinanzierten Medienbetrieb. SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr ist gar bereit, angesichts der Geldnot der SRG im «Angebotsbereich ein Tabu zu brechen». Dass es soweit kommen konnte, hat sich die SRG mit ihrer Expansionsstrategie in den letzten 30 Jahren selbst zuzuschreiben.

Mit der ständigen Wiederholung von Schlagwörtern wie «Idée Suisse» oder «Service Public», schaffte es die SRG lange erfolgreich, von den wahren Hintergründen ihres enormen Leistungsausbaus in den letzten 30 Jahren abzulenken. Bei den vielen Ausbauschritten ging es in erster Linie nicht um den Service-Public-Gedanken, es handelte sich im Gegenteil um Reaktionen auf Initiativen von Privaten. Immer, wenn ein Privatsender eine neue Idee lancierte, zog die SRG mit einem gebührenfinanzierten Konkurrenzprodukt nach. Hier einige Beispiele aus der Deutschschweiz:

  • 1979 geht Roger Schawinski mit Radio 24 auf Sendung, worauf auch die SRG-Radiosender den 24-Stunden-Betrieb bei ihren Radios einführen.
  • 1983 werden Lokalradios mit dem liberalisierten Mediengesetz offiziell erlaubt, die SRG reagiert mit dem Start der dritten Programme für ein jüngeres Publikum – früher wurden Forderungen nach einem Radio mit Popmusik von der SRG immer als «nicht zu finanzieren» abgelehnt.
  • 1992 bewirbt sich der volkstümliche Privatsender Radio Eviva erfolgreich für eine Mittelwellenfrequenz, worauf die SRG im Eiltempo den Konkurrenzsender Musikwelle 531 gründet – ebenfalls ein Volksmusiksender, der ebenfalls über Mittelwelle verbreitet wird.

  • 1998 geht mit 105 das erste private sprachregionale Jugendradio auf Sendung. Die SRG reagiert rasch und startet ein Jahr später den eigenen Jugendsender Virus.
  • In den Nuller-Jahren merkt die SRG, dass US-Serien bei deutschen Privatsendern grossen Anklang finden, insbesondere bei einem jungen Publikum. Mit SF2 positioniert die SRG einen TV-Sender exakt auf jener Schiene: Der Sender konzentriert sich fast ausschliesslich darauf, dieselben Serien und Spielfilme wie die Privaten abzuspielen, oft sogar zeitgleich.
  • In den letzten Jahren haben private Medienhäuser ihr Online-Angebot stark ausgebaut. Die SRG zieht nach dem üblichen Muster nach und beginnt, die Online-Auftritte der Privaten zu kopieren. Anstatt nur Radio und TV-Inhalte produziert die SRG plötzlich auch reine Textnachrichten und erstellt Bildstrecken.

Mit solchen Expansionsschritten baute die SRG über Jahrzehnte ihre Vormachtstellung in der Schweiz aus.

Niemand zweifelt die hervorragende Arbeit der SF-Dokfilmredaktion an, will die Schweiz-bezogenen Unterhaltungssendungen wie «SF bi de Lüt» abschaffen oder das umfassende Informationsangebot von Radio DRS einschränken. Doch dem Publikum teure US-Serien ohne Werbeunterbrechungen zu offerieren, ein Radiosender mit dem üblichen Popgedusel zu betreiben oder sonst ein Privatprogramm zu kopieren, gehört nicht zum Service-Public-Auftrag und führt erst noch zu einer Marktverzerrung. Hier den Rotstift anzusetzen, ist ein Gebot der Stunde – nicht nur aus Spargründen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.05.2010, 16:32 Uhr

Rico Bandle, Ressortleiter Kultur und Gesellschaft baz.ch/Newsnet.

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