Mit Kubrick einen Mädchenmörder jagen

Der neue «Tatort» aus Stuttgart stürzt sich lustvoll in die Abgründe der Cyberwelt. Wir fliegen mit.

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Das Mädchen pfeift «Hänschen klein», trägt ein rotes Mäntelein, ein rotweisses Mützelein und marschiert im Vorspann unter dem Filmtitel «HAL» in Gummistiefelchen durchs Bild. Gleich wird sie im Fluss etwas anderes Rotes treiben sehen – die Leiche einer jungen Frau – und einen Stock danach werfen. Hoch durch die Luft wird er wirbeln: Das ist eine der mannigfaltigen unübersehbaren und zugleich grandios unterspielten Referenzen auf Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» in diesem Stuttgarter «Tatort».

Wie Kubricks knochenwirbelnder Urmensch durch die Entdeckung von Werkzeug, Technik, zum Mörder wird: Davon erzählt auf mehreren Ebenen auch der Krimi, der ins Sci-Fi-Genre lappt, aber eben nur ein winziges Bisschen. Denn Virtual Reality und CCTV, grosser Lauschangriff und Handyortung lassen sich mühelos auf Bad Big Brother drehen: Dem vielfach preisgekrönten Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein gelingt das mit scharf gewetztem Witz und schier apokalyptischer Wucht.

Compi komplett ausser Kontrolle

Die Technik ist in «HAL» bei einem Computersystem namens Bluesky angekommen, das sich permanent selbst verbessert, sekundenschnell Big Data der ganzen Welt auswertet und am Ende, wie Kubricks HAL, komplett ausser Kontrolle gerät. Bluesky war die geniale Entwicklung einer IT-Firma, die Polizei, Grenzschutz und sonstige Sicherheitsverantwortliche beliefern wollte. Als Programmierer David Bogmann (Ken Duken) das gefährliche Ding endlich abschalten will – wie einst Kubricks David Bowman im roten (!) Raumanzug den mörderischen Bordcomputer herunterfuhr, dass der bloss noch «Hänschen klein» grölen konnte –, manipuliert Bluesky alle Daten so, dass Bogmann den Tod findet. Die Maschine sieht alles, weiss alles, trickst alle aus: auch die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare), die hier schön bescheiden bleiben, und das LKA. Von der diesmal recht nervigen Staatsanwältin Alvarez ganz zu schweigen.

Niki Stein hat einen packenden und galligen Wettlauf rund um die totale Überwachung geschaffen: mit harten Dialogen und noch härteren Einsichten; mit einer Lichtsprache aus Neongrelle und Düsternis und – auch das – mit viel Spass an digitalen biometrischen Erfassungsmethoden. Dass zudem eine Geschichte über Prostitutionsportale im Darknet aufgedröselt wird und der Mord sich als recht lahmes, simpel analoges Verbrechen, als Nebensache mit Voyeursfaktor erweist: Das ist eine rotzige Antiklimax, die uns Menschen endgültig als dumme Affen abstempelt. Alles in allem ein Superstart in die neue «Tatort»-Saison am Neckar! (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2016, 21:41 Uhr

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