Mit Verlaub, Herr Blum

SRF könnte vom Blick lernen, was es heisst, sachgerecht zu berichten. Eine Kritik an den Ombudsmann von SRF.

Wie wenn ein UBS-Lobbyist die Bankenkrise erklärt. Michael Lüders in der «Sternstunde Religion» von SRF.

Wie wenn ein UBS-Lobbyist die Bankenkrise erklärt. Michael Lüders in der «Sternstunde Religion» von SRF. Bild: Screenshot SRF

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Roger Blum scheint seine Rolle als Ombudsmann – per Berufsdefinition eine «Schiedsperson» – gründlich misszuverstehen und sich mit einem Mediator zu verwechseln: «Ich entscheide nichts, sondern vermittle, berate, gebe meine Einschätzung und Meinung kund und richte Empfehlungen an die Redaktionen von Radio oder Fernsehen SRF.»

Das Gegenteil trifft zu: Die Redaktionen richten in ihren Stellungnahmen Empfehlungen an den Ombudsmann, die stets im gleichen Tenor enden: «Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir korrekt berichtet haben und das Publikum sich eine eigene Meinung bilden konnte. Eine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots können wir nicht erkennen. Wir bitten Sie deshalb, die Beanstandung nicht zu unterstützen.»

Dieser Empfehlung kommt Blum gerne nach: Die meisten Beanstandungen lehnt er ab.

Papierkrieg mit Ombudsstelle

Blum verteidigt als ehemaliger UBI-Präsident die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Das «aufwendige schriftliche Verfahren mit Replik und Duplik» ist jedoch lediglich eine Weiterführung des Papierkriegs mit der Ombudsstelle.

Ein Beispiel: Ein Beanstander moniert die Verwendung des Wortes «durchgepeitscht» bezüglich eines Gesetzes in Israel. Christian Dütschler, Redaktionsleiter «10 vor 10», schreibt in seiner Stellungnahme: «Der umgangssprachliche Begriff «durchpeitschen» soll andeuten, dass die Befürworter das Gesetz trotz grossem Widerstand durchsetzten. So gab es substanzielle Einwände namhafter israelischer Juristen und Politiker, ganz zu schweigen von der internationalen Kritik. Trotz dieser Einwände und Befürchtungen und der Notwendigkeit von mehreren Lesungen wurde das Gesetz schliesslich in dritter Lesung angenommen. In diesem Kontext scheint es uns legitim, den Begriff ‹durchpeitschen› zu verwenden.»

«Durchpeitschen» bedeutet aber gemäss Duden: in aller Schnelligkeit, ohne Eingehen auf Details durchbringen. Mit seiner Auflistung aller «Einwände und Befürchtungen» (grosser Widerstand, internationale Kritik, mehrere Lesungen) belegt Dütschler selbst, dass das Gesetz nicht «in aller Schnelligkeit, ohne eingehen auf Details durchgebracht» wurde und es eben nicht «legitim» war, den Begriff durchpeitschen zu verwenden. Doch gegen Logik sind sowohl Dütschler als auch der Ombudsmann immun: «Ich kann mich ganz der Stellungnahme der Redaktionen anschliessen», schreibt Blum in seinem Schlussbericht.

Ein Bekannter, der die UBI mehrmals erfolglos angerufen hatte, wurde in einer Stellungnahme des SRF-Rechtsdiensts an die UBI von der SRF-Rechtsanwältin Severine Schori-Vogt mit Vorwürfen eingedeckt: «Seine Sicht ist die der israelischen Seite; entsprechend ist seine Beschwerde bzw. Replik mittelbar als Forderung an die Beschwerdegegnerin zu verstehen, über den Nahostkonflikt einseitig, namentlich anti-palästinensisch bzw. pro-israelisch/pro-jüdisch zu berichten.» Das UBI-Mitglied Catherine Müller, Rechtsanwältin und Mediatorin, drohte, dass ihm künftig wegen «mutwilligen Beanstandungen» Verfahrenskosten auferlegt würden.

Seine penetrante SRF-Lobhudelei stellt Blum in Abrede, «hin und wieder» komme er auch «zu anderen Schlüssen als die zuständige Redaktion». Als Patti Basler in der SRF-Sendung «Comedy im Labor» den Holocaust veräppelt, sieht die Redaktion darin einen Beitrag zur «Sensibilisierung des Sprachgebrauchs»: «Dass mit diesem Beitrag Grenzen überschritten wurden, oder dass er sich gegen die Opfer des Nazi-Regimes, das jüdische Volk, richtet, finden wir nicht.» Blum übt zwar milde Kritik, findet aber auf Twitter tröstende Worte: «Patti Basler wollte in ihrem SRF-Auftritt eigentlich das Richtige.»

Seine Schlussberichte würden «aufmerksam gelesen» und wirkten «sensibilisierend», so Blum. Die Redaktionen befänden sich in einem «ständigen Verbesserungsprozess». Die «grosse Aussprache Ende Oktober zur Israel-Berichterstattung von SRF» hätte «mittelfristig Einfluss auf die Art der Berichte». Sie hatte es nicht.

Wenige Tage nach der Aussprache titelte SRF-News anlässlich des Besuchs von Bundesrat Schneider Ammann auf dem Jerusalemer Tempelberg: «Israelis verweigern Schneider-Ammann den Zutritt.» Tatsächlich wurde nur Schneider-Ammanns bewaffneten Schweizer Personenschützern der Zugang verweigert. Vom Blick könnte SRF lernen, was sachgerecht wäre: «Wegen seiner bewaffneten Bodyguards: Schneider-Ammann am Tempelberg aufgehalten.»

Das ist Manipulation

Blum doziert über Medienfreiheit und setzt die parlamentarische Republik Ungarn mit dem von einem blutigen Bürgerkrieg heimgesuchten Syrien gleich. Er unterstütze Beanstandungen nur, «wenn eine Manipulation des Publikums erkennbar ist». Sich «frei eine Meinung bilden» könne das Publikum dann, «wenn die Fakten stimmen, wenn es nicht manipuliert wird». Hier offenbart sich ein reichlich abstruser Freiheitsbegriff, denn Manipulation ist gemäss dem grossen Brockhaus «eine Steuerung fremden Verhaltens, derer sich die betroffenen Personen kaum oder gar nicht bewusst werden». Wie kann sich also eine Person «frei eine Meinung bilden», der nicht bewusst ist, dass sie mit unsachgerechten Inhalten manipuliert wird?

Der Nahost-Wirtschaftslobbyist Michael Lüders sei als «Experte» befragt worden: «Es ging nicht um seine Person, nicht um seine Interessen-Verwicklung, sondern darum, sein Sachwissen abzurufen.» Das ist, wie wenn man in einem Interview zur Bankenkrise einen UBS-Lobbyisten als «Experten» zu Wort kommen liesse, ohne dem TV-Publikum seine Parteilichkeit auszuweisen.

Judith Hardegger, Redaktionsleiterin «Sternstunden», schreibt auf Anfrage: «In den Sternstundengesprächen wird versucht, die Gesprächsgäste möglichst gut zu situieren – nämlich so, dass für die Zuschauer und Zuschauerinnen erkennbar wird, warum ein bestimmter Gast zu einem bestimmten Sendungsthema eingeladen wurde.» Indem aber Lüders’ Lobbyarbeit nicht kenntlich gemacht und er dem Publikum stattdessen als unabhängiger «Nahostkenner, Islam- und Politikwissenschaftler» verkauft wurde, war für die «Zuschauer und Zuschauerinnen» eben nicht «erkennbar, warum ein bestimmter Gast zu einem bestimmten Sendungsthema eingeladen wurde». Das, Herr Blum, ist Manipulation.

Zu guter Letzt unterstellt mir Blum, ich hätte seine «grundsätzlichen Ausführungen zu den verschiedenen Interview-Typen», die er im Schlussbericht zum Interview mit Gerhard Pfister gemacht habe, «unterschlagen». Hier drängt sich die Frage auf, ob Blum meinen Artikel überhaupt gelesen hat. Denn genau diese Ausführungen zitiere ich über einen ganzen Absatz wörtlich.

Lieber Herr Blum, kürzlich schrieben Sie mir: «Ich habe Sie bisher für einen intelligenten, ja gescheiten Menschen gehalten. Das ist jetzt vorbei.» Einschätzungen bezüglich meiner Intelligenz vorzunehmen, ist Ihnen selbstverständlich unbenommen. Ich möchte Sie jedoch, mit Verlaub, darauf hinweisen, dass «stimmt nicht» weder ein intelligentes, noch ein gescheites Argument ist, vor allem nicht für einen Akademiker. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.01.2018, 11:29 Uhr

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