Netflix produziert Propaganda

Mit seiner ersten türkischen Eigenproduktion feiert der Streaming-Dienst eine knallharte Anti-Terroreinheit. Kurden-Organisationen sind entsetzt.

Spannende Action oder Propaganda? Die Netflix-Eigenproduktion «Börü» (Wolf) wirft Fragen auf. Quelle: Youtube


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«Börü», übersetzt «Die Wölfe», so heisst die erste türkische Netflix-Serie aus Eigenproduktion. Eine Spezialeinheit kämpft gegen Terroristen. Die Protagonisten maskulin, bis auf die Zähne bewaffnet, die Kugeln fliegen, man wähnt sich in einem Shooter-Video-Game. Ein erster Augenschein zeigt: Ohne Action bliebe von der Serie nicht viel übrig. Handlung und Dialoge sind flau, Ausstattung und Maske wirken billig. Die Musik klingt dürftig.

Der Titel der ersten Folge lautet «Manchmal gewinnen die Monster», sie spielt in Diyarbakir. Die Schauplätze anderer Folgen sind ebenfalls kurdische Gebiete. Es dauerte nicht lange, bis sich auf sozialen Medien Zuschauer meldeten. «Faschistisches Machwerk mit Kriegspropaganda und Rassismus», schreibt das «Bündnis für Frieden in Kurdistan». Weiter verherrliche die Serie das türkische Militär.

In der Tat ist die Serie türkischen Sicherheitskräften gewidmet. Dies ist einer Einblendung am Anfang der jeweiligen Folge zu entnehmen. Ebenfalls eingeblendet wird der Hinweis, «Börü» sei inspiriert von wahren Begebenheiten.

Ein Wolf kommt selten allein

Unweigerlich denkt man beim Namen der Serie, «Die Wölfe», an die «Grauen Wölfe». Sie gelten als ultranationalistische, rechtsextremistische Gruppierung in der Türkei. Sie werden mit Hunderten Mordanschlägen in Verbindung gebracht, unter anderem gegen Gewerkschafter, Sozialisten, Politiker, gegen Kurden, Aleviten, Christen.

Die Macher der Serie versuchen die Frage nach dem Namen vorwegzunehmen – «Du fragst dich bestimmt, wieso «Börü» (Wölfe)?», ertönt die Stimme aus dem Off ganz am Anfang der ersten Folge. Der Name entstamme der zentralasiatischen Mythologie. Gemeint sei der Wolf, der die Herde beschütze, ihr aber gleichzeitig für immer fern bleiben müsse. «Wir sind die Aussenseiter, die uns für das Wohl der Gemeinschaft aufopfern.»

So bezeichnen sich die «Grauen Wölfe» denn auch als Idealisten und zeigen sich bereit, bis zum Letzten zu kämpfen. Der politische Arm der «Grauen Wölfe» ist die nationalistische, minderheitenfeindliche Partei MHP. Diese bildete in den letzten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen ein Bündnis mit Erdogans AKP. Beide Organisationen, die «Grauen Wölfe» wie die MHP, sind, nebst der Türkei selbst, in der türkischen Diaspora aktiv, auch im deutschsprachigen Raum.

Netflix nimmt bisher keine Stellung

Ist es also Zufall, dass es so wirkt, als mache die Spezialeinheit Jagd auf Minderheiten, nicht auf Terroristen? Nämlich jene, die den richtigen «Grauen Wölfen» und der türkischen Regierung ein Dorn im Auge und immer wieder Ziel von Angriffen sind: Kurden? Es ist dem Zuschauer überlassen, wenn er die Einblendungen mit den Buchstaben mehrheitlich Kurdischer Städte und Ortschaften sieht und anschliessend zuschaut, wie die Spezialeinheit wieder Ordnung herstellt.

Netflix ist mittlerweile ein globaler Player, die Serie wurde übersetzt, ist also auch für nicht türkischsprachiges Publikum gemacht. Mit «Börü» hat sich der kalifornische Streamingdienst definitiv ein Stück weiter weg von seinem gern verbreiteten liberalen, coolen Image wegbewegt. Netflix war bisher für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Für den Drehbuchautor der Serie, Alper Caglar, läuft es derweil gut in der Türkei. Seine Action- und Abenteuerproduktionen, allen voran «Dag» («Berg», Teile 1 und 2) lockten Millionen Zuschauer in die Kinosäle. Wie er in einem Interview mit «IGN Türkiye» sagte, gehe es darum zu zeigen, wie Leute ihre Konflikte beilegen, um sich in den Dienst für etwas Grösseres zu stellen, es sei eine Metapher auf die ideale Türkei, in der alle Kräfte des politischen Spektrums, von links bis rechts, von konservativ bis liberal, von elitär bis populistisch, ihre Gräben überwinden.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.01.2019, 19:38 Uhr

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