Neue SF-Ärzteserie: «Eine Wiederbelebung dauert bei uns 3 Minuten»

Heute startet als Nachfolger von «Lüthi und Blanc» die Ärzteserie «Tag und Nacht». SF-Serien-Redaktionsleiter Niklaus Schlienger über die Schwarzwaldklinik, US-Spitalserien und frisierte Medizin.

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Herr Schlienger, welche ist Ihre Lieblingsärzteserie?
Natürlich «Tag und Nacht». Ich fand seinerzeit die «Schwarzwaldklinik» interessant, weil dort der Groschenroman auf die Medizin traf, später aber auch «Emergency Room», die mich durch die perfekte Inszenierung von Realität beeindruckt hat.

«Tag und Nacht» erinnert mit seinen schnellen Schnitten und attraktiven Darstellern tatsächlich an US-Spitalserien. Gab es da Vorbilder?
Nein. Unser Ziel war, eine eigenständige Schweizer Serie zu machen. Mit Schweizer Figuren, Schweizer Geschichten für das Schweizer Publikum. Natürlich kann man das Genre nicht neu erfinden, wie man auch das Genre Krimiserie nicht neu erfinden kann. Gewisse Elemente von «Tag und Nacht» können deshalb an andere Ärzteserien erinnern. Absicht steht nicht dahinter.

Ihre Hauptfigur heisst Meret Frei, jene bei «Grey's Anatomy» Meredith Grey – und die beiden Schauspielerinnen sehen sich erst noch ähnlich...
Man kann tatsächlich einen gewissen Gleichklang heraushören. Das ist jedoch reiner Zufall. Als wir die Ähnlichkeit festgestellt haben, entschieden wir uns gegen ein Änderung, weil wir davon überzeugt sind, dass unsere Meret eigenständig und unverwechselbar genug ist. Der Name passt zu ihr und sie ändert ihn nicht, nur weil jemand anders ähnlich heisst.

Wie will sich «Tag und Nacht» konkret von anderen Ärzteserien abheben?
Wir haben die Handlung in der Permanence eines grossen Bahnhofs angesiedelt, wo es von Menschen und Schicksalen wimmelt. So sind wir näher beim Alltag des Zuschauers. Ausserdem schliesst unsere Ärztepraxis nicht nur medizinische, sondern auch psychiatrische Behandlungen ein.

…wie bei der US-Serie «Wonderland».
Nicht ganz. In «Wonderland» gab es nur psychiatrische, keine medizinischen Fälle. Und die psychiatrischen Fälle waren teilweise sehr extrem. Die Serie war wohl deshalb kein Erfolg, sie wurde nach wenigen Folgen eingestellt. Uns interessieren mehr die alltäglichen Neurosen und Schizophrenien, psychische Probleme, mit denen die meisten Zuschauer schon mal in Berührung gekommen sind. Der Psychiater in «Tag und Nacht» hat übrigens eine weitere Funktion: er kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Mediziner nicht mehr weiter wissen.

Wer genau landet bei Ihnen auf der Couch?
Denkbar ist zum Beispiel ein Familienvater, der unter einer heimlichen Sucht leidet und von dieser geheilt werden möchte. Mehr kann ich aber noch nicht verraten.

Ist eine Soap das richtige Format, um psychische Probleme zu thematisieren – fehlt Ihnen da nicht die Erzählzeit?
Tatsächlich ist es einfacher, in einer 42-minütigen Episode jemanden körperlich zu heilen, als ihn seelisch zu therapieren. Wir konzentrieren uns deshalb auf die spannendsten Ausschnitte einer psychiatrischen Behandlung.

Frisieren Sie auch medizinische Fälle?
Frisieren ist sicher das falsche Wort. Wir lassen höchstens die Zeit ein bisschen schneller laufen. Ein Beispiel: Eine Reanimation dauert in der Realität 30 Minuten, bei uns sind es drei. Um zu dramatisieren, entscheiden wir uns auch für überraschende medizinische Methoden – die aber immer von einem richtigen Arzt abgesegnet sind.

US-Spitalserien enthalten sich auf Druck der starken Gesundheitslobby jedes gesundheitspolitischen Kommentars. «Tag und Nacht» wird von der Helsana gesponsert...
Unser Ziel ist es nicht, eine journalistisch-kritische Begleitsendung zum Gesundheitswesen zu machen. Ganz aseptisch sind wir da aber auch nicht. Dass ein Patient mal die Krankenkassenprämie nicht bezahlt hat und darum Schwierigkeiten bekommt, ist durchaus eine denkbare Geschichte.

Sie sind seit 18 Monaten mit «Tag und Nacht» beschäftigt. Wie hat sich Ihr Ärztebild verändert?
Einerseits wurde es entzaubert. Man merkt, dass Medizin auch nur ein Handwerk ist, und Ärzte Menschen sind wie du und ich. Andererseits habe ich mehr Verständnis für Mediziner, weil ich nun weiss, was sie bisweilen durchmachen müssen. Öfter zum Arzt muss ich wegen «Tag und Nacht» aber nicht. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2008, 17:43 Uhr

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