Nicht lustig

Trumps Ex-Pressesprecher, Sean Spicer, spielte sich bei der Emmy-Verleihung selbst – warum das unmoralisch ist.

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Er gewann am Sonntagabend zwar selber keinen Emmy für seine «Late Show». Trotzdem demonstrierte Komiker Stephen Colbert, warum er für die begehrte TV-Trophäe nominiert war: Er sang, tanzte und nannte US-Präsident Donald Trump den grössten TV-Star des Jahres.

Dann war sein Eröffnungsmonolog beendet und ein alter Bekannter stand plötzlich da: Ex-Pressesprecher Sean Spicer betrat die Bühne hinter einem Stehpult, ähnlich jenem, hinter dem er als Pressesprecher des Weisses Hauses immer zu sehen war.

Video: Sean Spicer an den Emmys

Der Ex-Trump-Sprecher überrascht und schockiert mit seinem Auftritt. Video: AP/TA

Niemals, verkündete Spicer in Anspielung an seinen eigenen Auftritt nach Donald Trumps Amtseinführung, habe ein grösseres Publikum einer Emmy-Verleihung beigewohnt, verkündete er. Niemals! Dann trat er wieder ab, derweil das Publikum lachte, manche überrascht, andere peinlich berührt.

Ein Job wie jeder andere?

Tatsächlich: Ist das lustig, wenn Spicer sich über seine ehemalige Rolle, über seine eigenen Lügen lustig macht? Nach neun Monaten Trump darf man festhalten: Diese Präsidentschaft ist grotesk – aber ist sie wirklich bloss ein grosser Witz? Und wenn Trumps offizielles Kommunikationsorgan wissentlich desinformiert und dreiste Lügen verbreitet – ist das wirklich nur ein Job wie jeder andere? Ist es lustig, dass der Sprecher des Weissen Hauses monatelang eine Lachnummer war?

Es gibt zwei Arten, diese Frage zu betrachten: Man könnte Spicers Auftritt als versöhnliche Geste aus Hollywood betrachten, ein Versuch, die tiefe Kluft in der amerikanischen Gesellschaft mit Humor zu überbrücken. Aber irgendwie will das nicht so richtig funktionieren. Genauer betrachtet ist Spicers Auftritt bei den Emmys nämlich genau so nihilistisch wie jeder seiner Auftritte im Amt, in dem er Trumps Frauenfeindlichkeit, Rassismus verteidigte und die Presse für blöd verkaufte.

All die Comedy-Shows haben sich zu Recht auf Trump und seine Ungeheuerlichkeiten eingeschossen. Diese nun so zu verharmlosen, ist fast so nihilistisch wie Trump selber.

Worüber machte er sich bei den Emmys denn genau lustig? Dass er doof genug war, einen Job anzunehmen, in dem er gezwungen wurde, jegliche Moral mit Füssen zu treten?

Viele Zuschauer zeigten sich in den sozialen Medien denn auch angewidert vom Auftritt, und zwar zu Recht. Hätte Spicer seinen Job als Trumps Sprecher freiwillig aufgegeben, hätte er sich an einem Punkt einsichtig gezeigt, dass es unethisch und gefährlich ist, wissentlich blanke Lügen zu verbreiten, dann wäre eine Rehabilitierung vielleicht angezeigt.

Video: Best-off Spicer

Der zurückgetretene Sprecher von Trump hatte einige unglückliche Auftritte. Video: AFP/TA

Aber er ging nicht freiwillig. Er wurde im Zuge eines Machtpokers innerhalb des Weissen Hauses entlassen. Und er hat seine Rolle seither nie reflektiert, sich auch nicht entschuldigt.

Und so müssen sich nun die Emmy-Organisatoren die Frage gefallen lassen, ob es wirklich richtig war, Spicer eine Bühne zu geben, seine Tätigkeit zu normalisieren. Schliesslich haben sich all die preisgekrönten Comedy-Shows zu Recht auf Trump und seine Ungeheuerlichkeiten eingeschossen. Diese nun so zu verharmlosen, ist fast so nihilistisch wie Trump selber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 15:57 Uhr

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