Speed Watching ist das neue Binge Watching

Wer Serien schneller abspielt, kann überall mitreden – macht sich aber zum systemkonformen Selbstoptimierer.

Wollen Zeit vom TV-Zuschauer: Daryl und Rick aus «The Walking Dead».

Wollen Zeit vom TV-Zuschauer: Daryl und Rick aus «The Walking Dead».

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Und letzte Frage: Konnten Sie diese drei Sätze ohne Probleme lesen? Wenn ja, dann sollten Sie es einmal mit Speed Watching versuchen. In den USA von Hardcore-Serienguckern schon seit Jahren praktiziert, gewinnt dieses neue Nutzungsverhalten nun auch hierzulande mehr und mehr Anhänger. Im Grunde ist es ganz einfach: Man schaut eine Episode nicht in der intendierten Geschwindigkeit, sondern spielt sie schneller ab. Das Ergebnis: Das Tempo zieht an, die Pausen verpuffen, die Handlung wetzt voran. Eine Staffel «Game of Thrones» passt plötzlich in eine Zugfahrt, fünf Folgen «New Girl» in eine Mittagspause.

Speed Watching ist so etwas wie das Querlesen – oder: Speed Reading. Anstatt sich von dramatischen Pausen, langen Einstellungen oder weniger interessanten Nebenhandlungen kostbare Zeit stehlen zu lassen, beschleunigt man das Schauen. Und hofft so, die Essenz einer Serie schneller zu begreifen. Und da es vielen Zuschauern eh nur darum geht, was passiert und nicht wie, sind sie viel flinker mit der neuen Staffel durch. Und wissen trotzdem, ob Jon Snow lebt. Oder können gleich die nächste Serie anfangen. Und noch besser mitreden. Binge Watching erreicht eine neue Stufe: Speed Watching.

Die Zeitersparnis ist tatsächlich real. Nehmen wir als kleines Rechenbeispiel einmal die Serie «Breaking Bad». Fünf Staffeln, 62 Episoden, Gesamtlaufzeit: 2942 Minuten. Das sind etwa 49 Stunden. Würde man die komplette Serie in 1,25-facher Geschwindigkeit anschauen, müsste man nur noch ungefähr 43 Stunden vor dem Bildschirm verbringen. Und bei 1,5-facher Geschwindigkeit schrumpft die Geschichte von Walter White auf knappe 37 Stunden zusammen. Schafft man tatsächlich doppelte Geschwindigkeit, könnte man alle Staffeln Breaking Bad sogar an einem einzigen Tag wegschauen.

Wir kämpfen an gegen die unerträgliche Langsamkeit des Seins

Seit 2009 hat sich in den USA die Zahl der laufenden TV-Shows verdoppelt. Von 211 im Jahr 2009 auf 412 im Jahr 2015. Was auch an der steigenden Zahl von Eigenproduktionen der Streamingdienste wie Netflix und Amazon liegt. Beinahe jede Woche startet eine neue Serie. Die Angst, dabei ein popkulturelles Ereignis von grosser Relevanz zu verpassen und damit den Anschluss an den Zeitgeist, wird immer grösser. Speed Watching verspricht schnelle und leichte Erlösung. Aber zu welchem Preis?

Es beginnt ganz harmlos. Ein Video in 1,25-facher Geschwindigkeit läuft nur unmerklich schneller. Aber schon eine Steigerung auf das anderthalbfache Tempo ändert einiges: Dialoge werden vernuschelt, Action-Sequenzen rauschen vorbei. Ja nicht blinzeln! Immer wachsam bleiben. Immer aufmerksam. Das Serienschauen wird zur Video-Folter. Und noch einen Effekt hat das Speed Watching. Wer schon nach wenigen beschleunigten Serienminuten wieder auf Normalgeschwindigkeit abbremst, der fühlt sich, als sei sein Gehirn in Kaugummi getreten.

Und das genau ist der Punkt. In unserem hypernervösen Alltag kämpfen wir ständig an gegen die unerträgliche Langsamkeit des Seins. Wir wollen nicht mehr warten. Nicht auf die nächste Episode unserer aktuellen Lieblingsserie. Und auch keine 60 Minuten, wenn das Ganze in 52 Minuten zu konsumieren ist. Wir dulden keine Pausen mehr, keinen Leerlauf, keine Langeweile. Im Speed Watching-Modus ist all das abgeschafft. Durchgetaktet, auf das bestmögliche Ergebnis hin optimiert. Dabei widerspricht das im Kern der Kunstform Serie. Denn die ist auf die epische Erzählung angelegt. Der grosse Spannungsbogen braucht das retardierende Moment, er braucht die Stille, die Pause, das Nichts.

Und noch etwas: Serienschauen stand einmal für Entschleunigung, für die Verlangsamung des Alltags. Wider das neoliberale Effizienzdenken. Für die Ausschweifung und das Laissez-faire. Verschwende deine Zeit. Wer ewig lange Serien schaut, der ist nicht produktiv. Steckte in der Völlerei des Binge Watching noch der rebellische Akt der Mass-, Ziel- und Regellosigkeit, ist der Speed Watcher nichts anderes als ein systemkonformer Selbstoptimierer. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.03.2017, 16:35 Uhr

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