Stammtisch im TV

Ein schlagfertiger Moderator, zwei redselige Gäste und drei Stangen Bier: Mehr braucht es nicht für ein Sendeformat, wie «Letschti Rundi» beweist.

Entspannte Stammtischatmosphäre: Moderator Tom Gisler mit Studiogast Hanspeter Latour.

Entspannte Stammtischatmosphäre: Moderator Tom Gisler mit Studiogast Hanspeter Latour.

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Es war kurz nach 23 Uhr in der WM-Talk-Sendung «Letschti Rundi», und der Studiogast Leonardo Nigro – Schweizer Schauspieler italienischer Abstammung und euphorisierter Fussballfan, eigentlich von den Azzurri, aber janu, wenn die Italiener halt an der WM nicht dabei sind, dann umso mehr von der Schweizer Nati – flippte mal eben kurz aus: «Ich finde die Sendung total cool! Ich hab Spass! Es ist so total easy, so wie daheim, total cool!»

Einen derartigen Gefühlsausbruch im Zusammenhang mit einer Sendung des Schweizer Fernsehens SRF, das gab es wohl seit «Teleboy»-Zeiten nicht mehr. Und das ist ja nun doch schon eine Weile her. Dabei ist das Konzept von «Letschti Rundi» völlig simpel: ein Moderator, zwei fussballkompetente bis -interessierte bis -verrückte Studiogäste, ein Thema: Fussball und andere Nebensächlichkeiten. Jeden Abend nach dem letzten WM-Match des Tages. Dazu gibt es für jeden in der Runde eine Stange Bier, ausser die Gäste wollen lieber ein Glas Wasser oder ein Cüpli wie die «Lifestyle-Queen» beziehungsweise «Fussball-Mom» Patty Boser, die letzte Woche zu Gast war.

Wie in einer Bar

Es handelt sich um eine Art Stammtisch, bloss im Fernsehstudio statt im Restaurant, flankiert von ein paar 2-in-1-Zuschauern in Fantrikots – eben noch bei Paddy Kälin als Livepublikum im Sportstudio nebenan und schon in der Kulisse von «Letschti Rundi». Das sieht zwar quantitativ zuweilen etwas trostlos aus, so als ob die richtig coolen Leute erst später in die Bar kommen. Aber 23 Uhr ist ja schon sehr spät für Schweizer Verhältnisse, und man muss danach ja noch irgendwie nach Hause kommen und morgen arbeiten und überhaupt.

Und trotzdem: Mit der spätabendlichen Sendung hat das SRF offenbar etwas richtig gemacht, und das ist alles andere als selbstverständlich, wenn man an die diversen unglücklichen Versuche denkt, sportliche Grossereignisse wie die Olympischen Spiele oder Fussball-Weltmeisterschaften mit einem Rahmenprogramm zu garnieren. Dazu zählen auch die nett gemeinten, aber komplett überflüssigen Schaltungen zur SRF-Reporterin, die während der Spiele Trouvaillen aus den sozialen Medien fischen und dann live vortragen soll. Diese Tweets und Posts sind aber nur selten lustig oder originell und stammen teilweise sogar von SRF-Mitarbeitenden, was dann eher peinlich ist.

Steigendes Zuschauerinteresse

Aber hier soll es ja um ein Positivbeispiel gehen. Um die «Letschti Rundi». Leonardo Nigro hat recht: Die Sendung ist cool. Durchschnittlich 144'000 Personen aus der Deutschschweiz schalten jeweils ein, im Anschluss an das Schweizer Spiel gegen Serbien waren sogar 306'000 Personen zugeschaltet – macht 34,4 Prozent Marktanteil und zufriedene Gesichter bei den Verantwortlichen. Die Tendenz sei klar steigend, die Sendung habe seit der Erstausstrahlung am ersten WM-Tag kontinuierlich Zuschauerinnen und Zuschauer dazugewonnen, erfreulicherweise ein vergleichsweise junges Publikum.

Das liegt erstens an Moderator Tom Gisler. Einen, der so unangestrengt schlagfertig durch eine Sendung führt und die Gäste auch mal stichelt, statt sie zu hofieren, muss man bei SRF suchen. Eigentlich könnte man Gisler ja schon seit Jahren finden, bloss nicht vor der Kamera, sondern hinter dem Mikrofon von SRF3.

Bier trinken vor laufender Kamera

Zweitens: Die Stimmung ist entspannt bis übermütig, aber vor allem authentisch. Und das liegt nicht zuletzt am Bier, das vor laufender Kamera konsumiert wird. In einer Livesendung des Schweizer Fernsehens! Das wirkt fast schon verwegen in heutigen Zeiten. Aber daheim auf dem Sofa oder im Stammtisch trinkt man eben auch Bier. Vor allem im Zusammenhang mit einem Fussballspiel. Das macht die Sendung erst recht nahbar. Und wenn keine Rauchmelder installiert wären, würde wohl auch geschlotet. Ancillo Canepa jedenfalls hatte in der allerersten Sendung seine Pfeife dabei, die aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht zum Einsatz kam.

Drittens: Die Gäste. Die sind nicht um ihrer selbst willen in der Sendung. Sie sind weder als Experten geladen, noch müssen sie eine neue CD oder ein Buch oder ein Stück oder sonst was von sich bewerben. Sie müssen nichts tun, ausser möglichst unterhaltsam über Fussball und das Drumherum palavern. Wie am Stammtisch eben. Genau so wie Sebastian «Baschi» Bürgin, Hanspeter Latour oder eben Leonardo Nigro.

Zugegeben, in manchen Sendungen wurde es zwischendurch auch mal langweilig. Und zwar immer dann, wenn es nicht mehr ums Stammtischgerede ging, sondern wenn die Gäste besonders lustig zu sein versuchten oder wenn sie interviewmässig befragt wurden, so wie man das von herkömmlichen Formaten kennt. Genau das aber macht das gewisse Etwas der Sendung jeweils etwas zunichte.

Wohliges Zusammengehörigkeitsgefühl

Viertens: Das wohlige Zusammengehörigkeitsgefühl. Dieses Gefühl, das alle zwei Jahre an Fussball-EM und -WM besonders intensiv und übergreifend aufkommt, wenn zu unserem liebsten gemeinsamen Nenner – dem Wetter – auch noch ein zweiter hinzukommt: der Fussball. Es gibt dann immer und überall und mit jedem etwas zu bereden, selbst wenn man keine Ahnung von Fussball hat. Und wenn man niemanden zum Reden hat, geht man in ein Public Viewing oder in eine Beiz und findet immer jemanden. So wie früher, als Stammtische noch nicht vom Aussterben bedroht waren.

Genau dieses wohlige Gefühl bedient «Letschti Rundi». Man möchte es gerne festhalten und zuckt darum jedes Mal kurz zusammen, wenn Tom Gisler «Letschti Rundi» sagt, kann dann aber gleich wieder aufatmen, weil es morgen wieder eine letzte Runde gibt und dann wieder eine und wieder eine. Bis die WM leider irgendwann zu Ende ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2018, 10:07 Uhr

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