TV-Kritik: Das sprechende Tuch

Eigentlich wollte man gestern im «Club» sachlich ein Burka-Verbot diskutieren. Doch eine junge Schweizerin, die komplett verhüllt in der Runde sass, liess die Emotionen bei den anwesenden Frauen hoch gehen.

Provokation gestern Abend im «Club»: Von Nora Illi waren nur die Augen zu sehen.

Provokation gestern Abend im «Club»: Von Nora Illi waren nur die Augen zu sehen. Bild: Screenshot SF

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Zehn Minuten vor Schluss fiel der Satz des Abends: «Sie ist nicht repräsentativ, sie ist eine Konvertitin!» Die Rede war vom sprechenden schwarzen Schleier in der Runde, Nora Illi. Die junge Frau ist Frauenbeauftragte beim Islamischen Zentralrat Schweiz und kämpfte gestern Abend energisch für ihr Recht auf Verschleierung. Bloss: Die junge Frau ist Schweizerin und trägt ihren Schleier, der alles bedeckt ausser ihren Augen, freiwillig und ist damit wohl eine Ausnahme.

«Sie provozieren im Namen des Islam!»

Darüber wollte Nora Illi aber nicht reden. «Wir müssen nicht über Frauen diskutieren, die den Schleier nicht freiwillig tragen.» Worüber denn dann, fragte man sich als Zuschauer. Ist man nicht genau wegen dieser Frauen verpflichtet, diese Diskussion zu führen?

Das Outfit von Nora Illi brachte vor allem die Frauen in der Runde in Rage. Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam: «Sie provozieren im Namen des Islam! Die Mehrheit hat damit nichts zu tun.» Amira Hafner, Islamwissenschafterin und Präsidentin des Interreligiösen Think-Tank und eigentlich auf der Kontra-Burka-Verbot-Seite, kam ihr zu Hilfe. Im Koran sei nirgends die Rede von einem Schleiergebot. Trotzdem plädierte sie lautstark dafür, dass es den Frauen zu überlassen sei, ob sie die Burka tragen wollen oder nicht.

Ein Schlag ins Gesicht

Die Emotionen kochten bereits früh in der Sendung über. Alles drehte sich um Nora Illi mit ihrem «schwarzen Zeugs da», wie Rosmarie Zapfl, Präsidentin von Alliance F schimpfte, und für das sie auch von der Kontra-Burka-Verbot-Seite heftige Kritik einstecken musste. Für die Schweizer Frauen, die so lange für Gleichberechtigung gekämpft hätten, sei es ein Schlag ins Gesicht, wetterte Zapfl. Ausserdem habe sie ein grosses Problem damit, wenn sie Menschen nicht ins Gesicht schauen könne. Ihre Augen seien ja frei, konterte Nora Illi, da sowieso praktisch die gesamte Kommunikation über die Augen laufen würden.

Die Fernsehkamera wollte dies überprüfen und zoomte langsam auf Illis Augen. Da war aber nicht viel zu sehen, zumal eines der beiden Augen vom schwarzen Schleier noch teilweise bedeckt war. Dafür wurde sie während der Sendung immer lauter und lauter, bis sie sich hie und da überschlug, den anderen ins Wort fiel und sich teilweise wie ein Teenager mit den ewig gleichen Wortschlaufen wehrte.

Parallelgemeinschaft statt Parallelgesellschaft

Der Schleier sei ihre Ehrerbietung an Allah, sie habe das Recht, ihre Überzeugung auszuleben. Für sie sei es ein Gefühl von Freiheit, sich dem Schmink- und Accessoires-Zwang zu entziehen, sie wolle gar nicht auf dieselbe Ebene wie der Mann gestellt werden und sie wolle, dass die «Zuhörer, öhm, die Zuschauer das verstehen». Das war ein bisschen schwierig.

Auf eine wirkliche Diskussion liess sie sich nicht ein. Auch das Thema Parallelgesellschaft, das der Zentralrat fordert, versuchte sie zu umschiffen. Was ihr aber nicht gelang. «Wir bewegen uns in der Gesellschaft, brauchen uns aber nicht zu assimilieren.» Also doch Parallelgesellschaft. «Nein, Parallelgemeinschaft.» Und als Zuschauer fragte man sich, wo ist da der Unterschied?

Peinliche Männer in der Runde

Übrigens, auch zwei Männer sassen in der Runde. Die kamen aber erst 20 Minuten nach Diskussionsbeginn zu Wort und machten beide keine gute Figur. Daniel Zingg vom Komitee gegen die Islamisierung der Schweiz wartete mit einer Statistik auf, wusste dann aber nicht, woher er sie hatte, was zu einer peinlichen Situation führte. Jedoch nicht so peinlich, wie das Statement von Mann Nummer 2 in der Runde, dem Theologen Lukas Niederberger. «Eine Burka hat etwas Erotisches», sagte er. Er sei 6 Jahre bei einer Nonne zur Schule gegangen und habe sich ständig gefragt, welche Frisur die Frau wohl habe. Die anderen in der Runde versuchten, diese Aussage zu ignorieren und machten weiter mit den bekannten Argumenten.

Am Ende der Sendung lenkte Christine Maier doch noch auf die Abstimmung und fragte, ob es denn Sinn mache, ein Gesetz für eine Handvoll Leute zu machen. Saïda Keller-Messahli: «Es geht nicht darum, dass es nur eine Handvoll Leute sind. Es geht darum, dass Menschenrechte verletzt werden.» Burka-Verbot hin oder her, klar wurde gestern: Egal ob die Burka verboten wird oder nicht – eine extreme Gesinnung wie die von Nora Illi lässt sich damit nicht verbieten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2010, 10:22 Uhr

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