TV-Kritik

TV-Kritik: Die Angst des Kommentators vor dem Elfmeter

Die Casting-Show «Einer wie Beni» sucht den neuen Thurnheer – und findet etwas viel Besseres: Extrem untalentierte - und richtig gute Fussballkommentatoren.

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Mit Castingshows ist es wie mit Miss-Wahlen: Man mag sie inflationär bedingt nicht mehr verfolgen. Schon gar nicht, wenn sie in ähnlicher Form schon mal bei einem ausländischen Sender zu sehen waren, was meistens der Fall ist. Doch am Castingshow-Horizont zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab. Zwar nicht beim SF, aber immerhin beim SSF, dem Schweizer Sportfernsehen, wo sonst Fans von Volleyball und Frauenfussball auf ihre Kosten kommen.

Nicht gerade die erste Adresse für grosse Unterhaltungskisten – oder schon? Immerhin hat der Spartensender Showmaster Beni «Benissimo» Thurnheer zu einem Seitensprung verführen können. Seine Aufgabe: Als Jurypräsident seinen eigenen Nachfolger als Fussballkommentator zu casten. Nun könnte man darüber streiten, ob das ein bisschen grössenwahnsinnig oder überhaupt ein verfolgenswertes Ziel ist oder nicht, aber lassen wir das – denn wie heisst die Weisheit, die so gut zu Castingshows passt: Der Weg ist das Ziel.

Danach dürstet jede Unterhaltungsshow

Bei «Einer wie Beni» steht also nicht Thurnheer hinter dem Mikrofon, sondern es sind allerlei Möchtegern-Kommentatoren, die ihr Können unter Beweis stellen müssen. Dem Gewinner winkt ein Job beim SSF. Konkret sah das so aus: Ein Kandidat trat vor die Jury (bestehend aus Beni Thurnheer, SSF-Programmleiterin Claudia Lässer und Fussballtrainer Hans-Peter Latour), stellte sich kurz vor und kommentierte spontan einen 15-sekündigen Ausschnitt eines Challenge-League-Spiels.

Ein banales Konzept, das sich als höchst unterhaltsam herausstellte. Zumal unter den Kandidaten extrem untalentierte Kommentatoren waren. So intonierte eine Frau ihren Kommentar, als ob sie einer Beerdigung beiwohnte. Jemand anders wähnte sich offenbar an einem Comedy-Casting, auf jeden Fall klang er wie René Rindlisbacher. Und einer antwortete auf die Frage, was er am SSF schätze: «Die WM – und Champions-League-Übertragungen!» Andere verhaspelten sich schon nach zwei Pässen – die Angst des Kommentators vor dem Elfmeter. Aber hey, das ist Swissness, danach dürstet jede SF-Unterhaltungsshow, was will man mehr.

Ohne Herzblut geht nichts

Zusammen mit den provinziellen Sponsoreneinblendungen (Hans Leutenegger AG, Sam’s Pizzaland) hätte so das Bild einer desolaten Sendung aus der Rubrik Realsatire entstehen können. Dies war aber nicht der Fall – und das lag an den durchaus talentierten Anwärtern. Einige von ihnen legten in der Spontan-Situation einen stotterfreien, frischen Kommentar hin. Und insgeheim fragte sich wohl mancher Zuschauer, ob Beni das selber auch so gut hingekriegt hätte. Ja, den einen oder anderen Kandidaten wünschte man sich direkt ans SF-Mikrofon. Endlich mal einer, der keine Spieler verwechselt (Thurnheer), nicht ins Mikrofon schreit (Ruefer) und mit der Sprache nicht auf Kriegsfuss steht (Kern)!

Klar, jeder hat das Gefühl, es besser zu können als die Profis. Und genau darauf beruht das überraschend witzige Konzept von «Einer wie Beni». Das weiss auch Thurnheer, der das Jobprofil so umschrieb: «Wir achten auf die Sprache, auf das Sportfachwissen und darauf, wie man sich in spontanen Situationen verhält.» Das Wichtigste sei aber die Begeisterung: «Ohne Herzblut geht nichts.» Ob die Möchtegern-Kommentatoren hier mithalten können? Nächsten Sonntag wissen wir mehr, dann steht die Königsdisziplin auf dem Programm: die emotionale Berichterstattung. Uns freuts und grauts schon jetzt.

Haben Sie die Sendung gesehen? Was macht einen guten Fussball-Kommentatoren aus? Meinungen bitte unten eintragen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.02.2011, 10:35 Uhr

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