TV-Kritik: Die Zicke im Mann

Mann, Frau oder beides? Das wollte der «Club» gestern Abend wissen. Hitzig wurde die Diskussion beim Thema «Standard of Care».

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Mit seinem Dreitagebart, dem kurz geschorenen Haar, der tiefen Stimme und dem dunklen Anzug fiel es einem schwer, die Frau in Alecs Recher zu erkennen, als die der Transmann geboren wurde. Den Grund verriet Moderatorin Maier: «Sie haben Hormone genommen.» «Sonst sähe ich nicht so aus», gab der Gast schnippisch zurück. «Ihre weiblichen Geschlechtsorgane sind aber noch nicht weg», so unbeirrt Meier weiter. «Ich wüsste nicht warum.»

Frau wollte Penis und Vagina zugleich

Ja, aber warum denn so zickig, Herr Recher? Schon als Sechs- oder Achtjähriger sei ihm klar gewesen, dass er transmännlich sei. Nicht nur das: «Ich wusste schon als Kind, dass ich eine Unterschrift brauchen würde für eine Operation.» Also habe er geschwiegen und sich damit Ärger erspart. Später streute Alecs Recher noch ein, dass er Jus studiert, intelligent ist, dass er «auch noch politisiert», im Gemeinderat ist und unzählig viele Transmenschen berät. Überhaupt schien er am besten Bescheid zu wissen. Besser etwa, als der anwesende Wiederherstellungschirurg Paul Daverio aus Lausanne, der mehr als 700 Männer zur Frau gemacht hat und umgekehrt.

Als der Arzt zwei Fälle erwähnte, in denen Transsexuelle die Geschlechtsumwandlung hatten rückgängig machen wollen, intervenierte Transmann Recher, er kenne über hundert solcher Männer und Frauen in der ganzen Welt und niemand habe die OP rückgängig machen wollen. Doktor Daverio gab sich jedoch schlagfertig, sagte: «Ich kenne zwei», und erzählte ruhig weiter von der schönen Frau, die eines Tages in seiner Praxis stand und ihren Penis wiederhaben wollte. «Die Vagina wollte sie jedoch auch behalten.» Weiter stellte er klar, dass man transsexuell geboren werde und dass es die Hormonbehandlung sei, die eigentlich alles verändere. «Wir Chirurgen machen nur den kleinen Teil.»

Fragwürdige Themenwahl

Im Gegensatz zu Alecs Recher wurde der Transfrau Bianca Ritter erst mit 40 klar, dass «irgendetwas nicht stimmt». Sie sei ein ganz normaler Bub gewesen mit Pfadi, Fussball und allem drum und dran. Sie habe lange nicht realisiert, dass sie eigentlich Frau sei. Nicht einmal zwei Jahre nach der Gewissheit wurde Ritters Penis zur Vagina, in der Klinik Montchoisi. Nur ihre jüngere Tochter halte heute noch zu ihr, der Kontakt zur älteren sei abgebrochen. Es sei nicht immer einfach und brauche Mut, sich zur Transfrau zu bekennen.

Abgesehen von Ritters Einblicken und von ein paar medizinischen Details – zum Beispiel, wie aus einem Hautlappen vom Unterarm ein sensibler Penis wird – blieb die Diskussion eher allgemein. Dabei hätte man von Recher und Ritter gerne mehr erfahren. Jedenfalls war es nicht ganz einleuchtend, warum SF dieses Thema für den «Club» gewählt hatte, ganze 20 Jahre nachdem es Paul Rinikers Dok-Film über Coco ausgestrahlt hatte, die berühmteste Transsexuelle der Schweiz, die sich später das Leben nahm.

«Nichts ist falsch an transsexuell»

Hitzig wurde die Diskussion bloss beim Thema «Standard of Care». Gemäss diesen Standards darf sich in der Schweiz keine Person, die sich im falschen Körper fühlt, ohne das Okay eines Psychologen operieren lassen. Ein Steilpass für Alecs Recher. «Ich wehre mich gegen den Ausdruck ‹im falschen Körper›», sagte er. Denn nichts sei falsch an transsexuell, obwohl das gar niemand behauptet hatte. Ausserdem seien diese «Standard of Care» Katastrophenregelungen, enervierte er sich. Kein Psychologe habe das Recht zu bestimmen, ob sich eine transsexuelle Person operieren lassen dürfe.

Am Ende der Sendung plädierte Transmann Alecs Recher dafür, sich für eine OP einen Top-Chirurgen wie Paul Daverio zu suchen. Als Christine Maier ihn fragte: «Haben Sie sich auch von Doktor Daverio operieren lassen?», verweigerte Recher die Auskunft. Über das rede er nicht. Und man dachte sich: Ist doch eigentlich egal, ob Frau oder Mann, Hauptsache keine Zicke.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2010, 10:34 Uhr

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